Schlittern und schmettern

Bei Dr. Pong in Prenzlauer Berg kann man mit der einen Hand eine Flasche Bier halten, mit der anderen Aufschläge üben, dabei um eine Tischtennisplatte laufen und nebenher auch noch mit Menschen plaudern. Ein Selbstversuch

Es zieht, sagt R. Mein schwäbischer Freund hat Recht. Den nächsten, der hereinkommt, bitte ich, die Schiebetür zu schließen. Der schaut zuerst unsicher, dann mache ich die entsprechende Bewegung, und er versteht. Als er an mir vorübergeht, sagt er freundlich: „I’m nicht speaking Deutsch.“ Hier ist es sehr international. Später werde ich ein paar Worte mit ihm wechseln und um drei Uhr nachts in der Nacht-Tram werden wir uns sogar zuwinken. Und das alles wegen Dr. Pong – und der verbindenden Kraft des Tischtennis.

Von vorn. Ich bin Tischtennisspieler, so richtig mit Verein und Training. Dr. Pong ist eine Kneipe mit Musik und einer Platte. Und zusammen sind wir ein Selbstversuch. Ich tue so, als könnte ich nicht spielen. Und ich bin gut in der Rolle. Ich spiele mit links, obwohl ich Rechtshänder bin, mache komische Bewegungen und schlage am Ball vorbei, wie alle anderen auch. Die freie Hand stecke ich oft in die Hosentasche. Andere halten damit eine Flasche Bier. Das wirkt zwar lässiger – aber ich darf nicht trinken, ich bin zum Arbeiten hier.

Der Raum ist etwa 30 qm groß, weiter hinten gibt es eine kleine Bar, aber im Zentrum steht eine große Tischtennisplatte, Modell Joola 2000, eine zugelassene Turnierplatte immerhin. Sonst ist es ziemlich schlicht hier, die Fenster Richtung Straße sind abgeklebt, von draußen ist ein Schwarz-Weiß-Bild mit Tischtennisspielern zu sehen. Das ist wegen der Bullen, sagt mein Nebenmann beim Rundlauf, die sollen da nicht reinschauen können.

Der Boden ist glatt. Viele schlittern deshalb um die Ecken, knapp vorbei an den Stühlen, die am Rand stehen. Dort sitzen die Verlierer. Zwischen 12 und 20 Personen machen bei jedem Durchgang mit. Die beiden letzten tragen das Endspiel aus. Der Ball wird dabei zuerst eingeworfen, um auszuspielen, wer Aufschlag hat. Absurd bei diesen Aufschlägen.

Trotzdem habe ich mich für diesen Abend vorbereitet und einen Schläger mitgebracht. Einen Senta-Allround-Holz von TSP, mit einem 730-Belag, 1,5 rot auf der Vorhand und einem Cut Man, 1,5 mm schwarz auf der Rückhand. Den Schläger leihe ich dann aber R., der hat schon etwa fünf Bier getrunken, versucht sich aber immer noch an dem „Arschloch“ zu rächen, das ihn zuvor rausgeschmettert hat. Mein Schläger hilft ihm durch den Abend. Ich nehme mir einen von Dr. Pong. Die sind schwer angefressen, teilweise ohne Belag. Ich nehme mir den besten heraus und reihe mich in das Spiel.

Beim ersten Mal fliege ich sofort raus, beim zweiten Mal gewinne ich durch zwei Kantenbälle im Finale. Im Hintergrund läuft dabei „Come Mr Daliman“ von Harry Belafonte. Eine Runde später verliere ich gegen R. im Endspiel mit 2:3. Ein Freundschaftsdienst, das ist okay. Beim vierten Mal gewinne ich mit einem Netzball. Noch bin ich nicht entdeckt worden.

Schnell kristallisieren sich ein paar Spieler heraus. Da ist der beste (nach mir natürlich), der schaut immer so grimmig. R. fordert mich auf, ihn dafür zu bestrafen. Deshalb wechsele ich meinen Schläger im Finale in die rechte Hand und erledige das. Er hat den Handwechsel nicht mal bemerkt. Der zweitbeste Spieler (nach mir und dem besten) ist mir sympathisch. Er ist ziemlich oft bei Dr. Pong, erzählt er, besitzt einen eigenen Schläger und ist an diesem Abend nicht mehr besonders geistesanwesend. Machmal ist er bis acht Uhr morgens hier, sagt er. Er ist es dann auch, der mich am Schluss beinahe doch noch entlarvt. Er entdeckt meine Donic-Tasche und fragt mich nach den Notizen, die ich ab und zu mache. Fortan muss ich zu einer Geste greifen, die mir sehr weh tut. Ich schlage angeberisch mit der Schlägerkante auf die Platte, um eine neue Runde anzuzeigen.