KIRSTEN FUCHS über KLEIDER

Die Quelle all unserer Träume, versiegt

Der Quelle-Katalog war für uns ein gedrucktes Wunderland. Dabei blieb es auch, denn bestellt habe ich nie etwas

In der DDR gab es nicht alles, was ich gar nicht haben wollte. Es gab nicht mal Kataloge, damit ich lernen konnte, was ich zu haben wollte. Mitten in meine Frühpubertät hinein kam die Wende und mit ihr die Kataloge. Da waren seitenlang Herrenschlüpfer abgebildet, mit rätselhaften Beulen drin. Natürlich wollte ich keine Herrenschlüpfer haben, aber die Beulen, die interessierten mich schon. Vorher konnte ich nur in „Mann und Frau, intim“ herumblättern, da waren die gemalten Männer ganz nackt. Ich wollte aber gar keinen nackten Freund, so weit war ich noch nicht. Mein Freund sollte seinen schönen West-Schlüpfer anbehalten.

Alle wollten zu der Zeit auf einmal was anderes als vorher. Ich wollte pubertieren und dafür Bilder. Wir saßen auf einmal direkt an der Quelle. Ich benutze jetzt hier mal dieses einvernehmende Wir, das Jana Hensel in ihrem Buch „Zonenkinder“ eingeführt hat. Ich nehme in dieses Wir allerdings nur mit hinein: meinen Bruder und meine Schwester. Wir blätterten viel in Katalogen. Meine Schwester verdiente schon eigenes Geld und träumte davon, eine Stretchjeans zu bestellen, wobei sie das Bestellen mehr reizte als die Stretchjeans. Da der Quelle-Katalog aber immer für eine ganze Saison gültig war, entschloss sich meine Schwester, sich eine ganze Saison lang nicht zu entschließen.

Ich hatte sowieso den Eindruck, dass von jedem Kleidungsstück für jeden in ganz Deutschland ein Exemplar in einem riesigen Lager liegt. Meine mir zustehenden Kleidungsstücke liegen heute noch in diesem Lager. Die Kleidung, die für meine Schwester vorgesehen war, ebenfalls, denn sie traute sich nie. Sie wollte doch gerne etwas, was sie anziehen wollte, vorher schon mal anziehen und sich damit vor dem Spiegel hin- und herdrehen. Man kann es drehen und wenden, wie man will, niemand will ein kratziges Nachthemd. Natürlich steht in so einem Katalog immer „kuschlig weich“. Die abgebildeten Frauen in den Nachthemdchen sehen auch immer sehr glücklich aus, aber dass sie wirklich glücklich sind, haben wir nur kurze Zeit geglaubt. Das haben wir an den welkenden Landschaften gesehen. Das war ein kurzer und peinlicher Lernprozess.

Wir fragten im Laden nach der 1,50 Meter langen Wrigley’s-Spearmint-Packung. Blöde Ossis! Als meine Schwester das erste Mal in Westberlin war, konnte sie der, von einem Marktschreier erzeugten, Basarstimmung nicht widerstehen. „Und noch eine Feinstrumpfhose, und ein Parfum und dieses Spitzenunterhemd …“ Der Verkäufer schmiss alles in eine Tüte. „Und all das für nur zwanzig Mark. Und jetzt, einmal Wahnsinn und zurück, ich packe noch dazu …“ Meine Schwester zappelte mit ihrem Begrüßungsgeld in der Hand herum. Sie wollte einfach nur „Hier!“ schreien, oder „Ich!“. darauf hatte sie 21 Jahre lang 40 Jahre gewartet. Der Marktschreier packte noch eine Damenuhr dazu und meine Schwester schrie: „Hier!“ Das kann ich heute schon gar nicht mehr nachvollziehen, aber wir fanden sogar die Tüte toll.

Meine Schwester war euphorisch – waren wir das nicht alle? Und diesmal meine ich mit Wir wir alle – dann sprühte sie sich viel mit dem Parfum ein und roch seltsam und die Uhr fing sofort bei Hautkontakt zu rosten an. Dann blieb sie stehen. Die schöne neue Zeit blieb stehen. Wir haben uns an die Kataloge gewöhnt. Sie waren kein gedrucktes Wunderland mehr, so was wie eine Arche Noah, in der von jedem Kleidungsstück ein männliches und ein weibliches Exemplar existiert. Quelle ist so normal geworden, dass meine Schwester inzwischen nicht mehr aus Skepsis nicht dort bestellt, sondern weil es bei Quelle nur Ramsch gibt.

Und jetzt letztens die Nachricht, dass die Quelle vielleicht versiegt. Kein „Oh Gott!“ nur ein „Danke!“. Wir haben so viel gelernt, aber wir sind jetzt groß. Wichtiger ist: Was wird aus denen, die nach der Wende immer weiter Westpäckchen geschickt haben, die fleißigen Zwerge vom Quelle-Versand? Da ziehen wieder so viele die Niete, das Arbeitslos. Das verbindet uns doch. Wir sind endlich ein Volk.

Fragen zu Quelle kolumne@taz.de Morgen: Bettina Gaus FERNSEHEN