Unbesungene Helden

Der Sammelband „Überleben im Dritten Reich – Juden im Untergrund und ihre Helfer“

Im Spätsommer 1941 begann die letzte, die mörderischste Phase des nationalsozialistischen Rassenwahns. In diesen Wochen wurde das Deutsche Reich auch für die noch in ihm verbliebenen rund 170.000 Juden zur tödlichen Falle. Ein striktes Auswanderungsverbot erging. Nicht mehr Vertreibung, sondern Vernichtung war jetzt das Staatsziel. Die Stigmatisierung durch das Tragen des gelben Sterns fällt gleichfalls in diese Zeit. Im Oktober 1941 verlässt der erste Bahntransport mit jüdischen Deportierten Berlin Richtung Osten. Keiner von ihnen wird lebend zurückkehren.

Am Ende werden Millionen in Europa ermordet worden sein. Nur einige 10.000 Juden sollten überleben – weil ihnen Männer wie Raoul Wallenberg, Carl Lutz, Giorgio Perlasca oder Chiune Sugihara Schutzpässe, Visa, diplomatische Hilfe zur Verfügung stellten; weil ein Mann wie der Schweizer Grenzpolizist Paul Grüninger Einreisestempel falsch datierte; oder weil ein ganzes Volk – die Dänen – sich entschloss, „seinen“ Juden die Flucht ins neutrale Schweden zu ermöglichen.

In den 20 Beiträgen des Sammelbandes von Wolfgang Benz geht es aber nicht um diese spektakulären Rettungsaktionen in ganz Europa, von denen wir ja auch schon eine ganze Menge Details kennen. Hier stehen andere, bislang „unbesungene Helden“ im Mittelpunkt, deren Wirken das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin seit 1997 in seiner Datenbank über die „Rettung von Juden im NS-Deutschland“ in rund 2.500 Fallstudien dokumentiert hat.

Um solche individuellen Rettungs- und Hilfsaktionen im deutschen Reich, vor allem in Berlin, wo sich 1941 noch 73.000 Juden aufhielten, geht es im vorliegenden Band. Keineswegs dominierte immer Zivilcourage und Widerstandsgeist bei Rettern und Helfern wie Gertrude und Gustav Pietsch, die Juden über Danzig zur Flucht nach Palästina verhalfen und nach dem Krieg am Hafen von Eilat mitbauten – Pietsch war 1932 aus dem Verband der Frontkämpfer ausgetreten, nachdem dieser den geschlossenen Übertritt zur NSDAP beschlossen hatte. Im Band sind auch Fälle von kalter Erpressung, noch dazu von höheren SS-Rängen dokumentiert, die sich ihr Schweigen mit monatlichen Abzahlungsraten honorieren ließen. Die Bedrohten fügten sich – was blieb ihnen übrig?

Seit dem Herbst 1941 galt für fast alle deutschen Juden nur noch die Alternative Flucht in den Untergrund oder Tod – durch Selbstmord oder Deportation. Wer sich für die Illegalität entschied, hatte einen beschwerlichen Weg vor sich. Ohne Anrecht auf Nahrung, Kleidung, Obdach, Rezepte und Medikamente, ohne Schutz vor Bomben und verlässliche Einnahmequellen, war er als „U-Boot“ immer gefährdet, in die Hand von „Judenfledderern“, von Denunzianten, fanatischen Nazis, Opportunisten zu geraten oder von jüdischen „Fahndern“ aufgespürt zu werden. Wie „Schneebälle“ habe man sie als Untergetauchte immer rasch von einer helfenden Hand zur nächsten weiterreichen müssen, erinnern sich mehrere. Zweieinhalb Jahre verbrachte Edith Rosenthal im Untergrund, an etwa 70 verschiedene Unterkünfte, mehr als 70 Helfer kann sie sich erinnern, an manche allerdings nur vage, so schnell musste es manchmal gehen. Als einzige von 76 Hausbewohnern überlebt sie einen Bombenangriff, ist vier Tage verschüttet, wird mit der Judenkarte in der Kleidung gerettet, gerät aber an einen Arzt, der sie beschützt. Glück, Zufall, Schicksal?

Es musste viel zusammenkommen, um im Untergrund zu überleben. Vor allem mussten Retter über ein intaktes Netzwerk verfügen, denn kaum einer konnte allein über lange Zeit erfolgreich Verfolgte schützen. Und sie brauchten Mut, wie der halbblinde Berliner Kleinunternehmer Otto Weidt, der ähnlich wie Oskar Schindler „seine“ rund 50 Juden aus Händen der Gestapo befreite, oder der Druckereibesitzer Theodor Görner, das Ehepaar Donata und Eberhard Helmrich, die in ihren Betrieben den Bedrängten Unterschlupf boten.

Von der Dramatik der Rettungsaktionen vermitteln die Aufzeichnungen gerade in ihrem lakonischem Grundtenor einen Eindruck. Was tun, wenn ein Untergetauchter in der Wohnung plötzlich stirbt? Ihn im Ofen verbrennen? Im Wäschekorb aus dem Haus tragen? Was, wenn ein verstecktes kleines Mädchen plötzlich Scharlach bekommt, eine ganze Gruppe gefährdet? Dass es gerettet wird, ein kommunistischer Kammerjäger am Ende die Wohnung desinfiziert – es wird nicht immer so gut ausgegangen sein. Die Beschaffung von gefälschten Papieren, von Lebensmittelmarken und -karten, von Stempeln mit Reichsadler und Parteiemblem: überlebensnotwendig. Einbruch und Diebstahl waren da manchmal unvermeidlich auch für die Helfer.

Die Verstecke sind so vielfältig wie die soziale Zusammensetzung der Retter. Vom Bordell über den Dachboden, den Keller, durch dessen Wände ein Hausmeister Fluchtwege gräbt, bis hin zu Kloster und Laubenkolonie reichen die Lokalitäten. Erstaunlich bisweilen der Leichtsinn der Verfolgten, etwa beim Grenzübertritt in die neutrale Schweiz, wo doch jeder Koffer schon verdächtig, jeder wehrfähige jüngere Mann ohne perfekte Papiere, einen Wehrpass vor allem, verloren war. Wie gefährlich war für die Retter ihr Wirken? Hilfe für Juden war kein Straftatbestand im „Dritten Reich“. Allerdings oblag die Ahndung von „Judenhilfe“ oder „Judenbegünstigung“ ohnehin den Sondergerichten, wurde sogar von den Organen des „Maßnahmenstaates“, von SS, Gestapo oder Sicherheitspolizei meist direkt mit der Einweisung ins KZ geahndet als „artvergessenes Verhalten“, als „Sabotage von Maßnahmen der Reichsregierung zur Ausschaltung der Juden von der Volksgemeinschaft“, wie das damals hieß.

„Förmliche Todesurteile wegen Judenbegünstigung hat es im Deutschen Reich nicht gegeben“, wohl „aber in den besetzten Gebieten“, stellt Wolfgang Benz einleitend fest. Allerdings ist nicht ganz auszuschließen, dass bei Urteilen im Reichsgebiet unter dem Vorwurf des „Hochverrats“ oder der „Heimtücke“ auch judenfreundliche Maßnahmen subsummiert wurden. Grundsätzlich wirkte sich strafmildernd aus, wenn man kriminelle Motive nach der Verhaftung anführte – gefährlich und bedrohlich wirkte für das Regime jemand, der aus Mitleid und Menschlichkeit zum Helfer wurde. Die meisten machten später wenig Aufhebens von ihren Taten. Manche wie die Retter der jungen Charlotte Knobloch im bayrisch-bäuerlichen Milieu werden sogar noch Jahrzehnte später wegen ihrer Handlungen diskriminiert, sodass sie die Gerettete im Jahr 2002 bitten, jeden Kontakt zu ihnen abzubrechen. Tatsächlich erwuchs vor allem den vielen, die nicht geholfen hatten, aus dem Wirken der Retter ein fundamentales Problem – hatte deren Engagement doch bewiesen, dass man etwas tun konnte gegen den NS-Terror und ihn nicht passiv hinzunehmen brauchte. Auch deshalb neigten die vielen nach 1945 dazu, das Wirken der wenigen gegen das Regime zu verdrängen.