Berliner Spaltprodukte

Die Wochenzeitung „Jungle World“ feiert ihren sechsten Geburtstag. Der täglichen „jungen Welt“ geht es ähnlich. Ein Bericht aus linken Lagern über Cola-Marken, hedonistisches Intellektuellentum und marxistischen Konfessionalismus

Ein Anruf in Hamburg. Worum es denn gehe, knarzt eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Um den Geburtstag der linken Wochenzeitung Jungle World. Stille. Der Angerufene möchte dazu eigentlich nichts sagen. Dann aber tut er es trotzdem. „Ich lese die Frankfurter Allgemeine. Was da drinsteht, kann ich mir auch selber kommentieren. Dazu brauche ich die Jungle World nicht“, sagt Hermann L. Gremliza und legt auf.

Auch wenn sie der Konkret-Herausgeber nicht braucht: Diesen Herbst feiert die Jungle World ihren sechsten Geburtag. Die Marktlücke ist also gefunden und wird tapfer verteidigt. Wie es in dieser Marktlücke aussieht und warum es sie gibt, lässt sich leicht bei zwei Redaktionsbesuchen klären. Einem bei der Jungle World. Und einem bei der jungen Welt. Denn dort fing alles an.

Im Sommer 1997 war ein Streit eskaliert. Auf der einen Seite der Geschäftsführer des ehemaligen FDJ-Massenblattes Junge Welt, Dietmar Koschmieder. Ihm gegenüber einige Redakteure um ihren Redakteurshäuptling Klaus Behnken. Der Konflikt hatte sich am Dauerthema Antisemitismus und einer vom Verlag gewollten Ausrichtung des Blattes auf Ostthemen entzündet. Er war nicht mehr zu kitten. Geschäftsführer Koschmieder entließ seinen Chefredakteur Behnken. Fortan gab es die junge Welt und die Jungle World.

Beide Zeitungen sind das Produkt einer Spaltung. Woher diese rührt, dafür finden sich Anhaltspunkte auf den Konferenztischen beider Redaktionen. An den Orten also, wo die Redakteure über die eigene Zeitung streiten. Auf dem schwarzen Tisch der Jungle World fährt ein tönerner Gartenzwerg eine Schubkarre spazieren. Daneben steht eine kleine hellblaue Fahne mit dem Logo der Vereinten Nationen, liegt ein Stapel frisch bedruckter T-Shirts („Rocklinke“), wartet eine Flasche Coca-Cola auf Durstige. Die Cola-Marke in der jungen Welt heißt Club – ein Ostprodukt. Abgefüllt in eine Plasteflasche, steht auch sie auf einem schwarzen Tisch. Neben der Flasche stehen kopfüber fünf weiße Kaffeetassen auf kleinen weißen Tellern. In ihre Mitte hat jemand ein Milchkännchen platziert. Ein imitierter Goldrand und Blümchen verzieren es. Der Mensch formt seine Umwelt, und diese formt zurück. Hier wie dort.

Zu den Bedingungen, unter denen beide Redaktionen arbeiten, gehört auch, dass sie ihre politischen Standpunkte aufeinander beziehen. „Die Abgrenzung zur jungen Welt hat uns geprägt“, sagt Jungle-Geschäftsführer Stefan Rudnick. Aus dieser Abgrenzung aber, sagt er auch, erwachse keine Strategie. Vielmehr wolle die Redaktion den Linken ihre eigenen Widersprüche vorhalten. Das ist ihm wichtig, darauf ist er stolz: „Wir sind ein kritisches Medium der Linken. Unsere Aufgabe ist es nicht zu missionieren.“

Und wozu braucht es die junge Welt? „Wir sind die einzige unabhängige Tageszeitung in Deutschland“, sagt deren Chefredakteur Arnold Schölzel. Die Polemik gegen die Konkurrenz auf dem linken Meinungsmarkt klingt aus seinem Mund so trocken wie eine dpa-Meldung. Schölzel zählt sich zur „illusionslosen Linken“, die „immer noch“ mit Marx gegen Krieg und Sozialabbau sei. „Woanders ist jetzt Kriegsunterstützung angesagt. Mir sagt das nichts.“ Sein Geschäftsführer Koschmieder ergänzt mit Blick auf die Debattenfreude der Jungle World: „Wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein.“

Man ahnt, warum es nicht mehr weiter ging 1997. Und man ahnt, dass sich mit beiden Positionen nicht das große Geld machen lässt. Deutsche, antideutsche und antiantideutsche Theorien lassen sich zwar seitenweise debattieren, der Diskurs aber ist marginalisiert. Hedonistisches Intellektuellentum wie marxistischer Konfessionalismus ernähren ihre Vertreter nur mit Mühe. Jungle World und junge Welt drucken nach eigenen Angaben pro Ausgabe rund 15.000 Exemplare. Täglich die einen, wöchentlich die anderen.

„Ich bin optimistisch, dass wir nach der Sommerflaute wieder mehr Jungle-Abonnenten bekommen“, sagt Stefan Rudnick. Seinem Verlag steckt noch die Krise in den Knochen, wegen der Anfang des Jahres Schluss gewesen wäre. – Nach Autoren, die hinter vorgehaltener Hand genervte Andeutungen über ausstehende Honorare machen, muss man auch heute nicht lange suchen.

Auch wenn bei Rudnicks kleine Süppchen gekocht werden, sie sind fein und schmecken dem Geschäftsführer. „Ich mache das hier gern, weil wir kreativer und lesbarer sind als die anderen.“ Spass im Leben eines linken Journalisten wird bei der jungen Welt anders definiert. „Wegen der indifferenten Haltung zur Kriegsfrage würde ich nicht bei der Jungle World arbeiten wollen“, sagt eine junge jW-Redakteurin.