Zeitung lesen

Eine Erfahrungs-, Gedanken- und Zitate-Blüten-Sammlung

Ein Argument fürs Zeitunglesen, das mir immer sehr eingeleuchtet hat, findet sich bei Franz Kafka im Brief an Felice Bauer vom 24. 11. 1912. Kafka legt ihm eine Notiz bei aus dem Prager Tagblatt über die „Seligsprechung der 22 christlichen Negerjünglinge von Uganda“, welche „als erste Blutzeugen vor 26 Jahren für den Glauben den Verbrennungstod erlitten“:

„Wie aus Rom gemeldet wird, waren die Kardinäle, welche die Angelegenheit zu beraten hatten, über den Heldenmut der jugendlichen Märtyrer bis zu Tränen ergriffen. Es herrscht über die Nachricht des eingeleiteten Seligsprechungsverfahrens allenthalben bei den Negern und besonders bei denen von Nord-Viktoria-Nyanza, der Heimat der ersten Märtyrer, der größte Jubel, den sie in Tänzen und Sprüngen zum Ausdruck brachten.“

Kafka heißt die Verlobte, den Artikel aufzubewahren, und kommentiert ihn: „Fast jeden zweiten Tag finde ich in der Zeitung eine derartige, für mich allein bestimmte Notiz.“

Das läuft, genau bedacht, auf eine plausible, ja heute noch revolutionäre Nachrichten- und Medientheorie und -praxis mit allen Konsequenzen hinaus. Jeder muß täglich nur je einen Artikel in je einer Zeitung lesen, das genügt. Genau genommen macht ja auch jeder meist uneingestanden diese Erfahrung: daß man sich eh immer nur an das Wenigste des kurz oder lang zuvor Gelesenen erinnert und dafür erwärmt – selbst wenn man, wie ich, zu den Gedächtnisstärkeren des Landes zählt. Aus dem Jahr 1960 – gerade hatte ich das Abitur genötet – entsinne ich mich genauer, ja genauest nur eines Kurzberichts in der Heimatzeitung, der zwar, wie vieles aus der Kralle dieses Spitzenreporters, sowieso mehr oder weniger gelogen gewesen war; aber wenn schon nicht ganz vero, so doch ben trovato – eigentlich ein Beispiel dafür, wie Journalismus nicht sein dürfte und wie er sich gerade deswegen ins Gedächtnis eingrub. Ein Bauer hatte seinen alt und unnütz gewordenen Hofhund zum Gnadentod des Erschießens vor dem Ziegenstall festgebunden, hatte schweren Herzens abgedrückt, und als er nachschaute, wedelte der Hund munter mit dem Schweife, hinter dem Stallgatter allerdings lag die Ziege tot am Boden. Schlußsatz: „Die Ziege hätte sich nicht so weit vorwagen dürfen.“

Übertitelt war der 15-Zeilen-Report mit Recht: „Neugierige Ziege“, der Schlußappell richtete, nachdem es für die Neugierige nun einmal zu spät war, sich offenbar an alle Ziegen dieser Welt – und jedenfalls insgesamt bewährte sich diese hervorragend nonchalante journalistische Melange aus Dorfreport, Tiergeschichte, Anekdote, Schwindel und Ziegenappell auch noch darin, daß die allzu naheliegende Frage nach dem weiteren Schicksal des Hundes konsequent unterblieb. Hätte sie doch die Enigmatik, Prägnanz und Stringenz des Ganzen nur gemindert. Zu Recht hält sich die Geschichte seit sage und schreibe 44 Jahren in meinem Schädel.

F. W. Bernstein seinerseits notierte in seiner Reminiszenz der Kafka-Briefstelle in einem älteren konkret-Artikel als die „für ihn allein bestimmte Nachricht“ die Reuter-Meldung vom 20. 3. 1988:

„Peking. Die einflußreiche chinesische Tageszeitung Guangming Ribao hat die in China weitverbreitete Praxis angeprangert, für Dienstleistungen Geldgeschenke zu erpressen. Kinos müßten Elektrizitätswerke mit Eintrittskarten versorgen, wenn sie sichergehen wollten, daß ihnen der Strom während der Vorstellung nicht abgestellt werde …“

Bei Goethe (Faust“, Osterspaziergang) war es noch die ferne Türkei, deren Kriegsgeschrei den deutschen Kleinstädtern und wohl schon Zeitungsteilnehmern besonders an Feiertagen so sehr gefiel. Seit Jakob Wassermann („Die Juden von Zirndorf“) sind es meist die noch ferneren „Chineser“ (Kant), die im Verein mit dem, was der Pfarrer in Amberg von der Kanzel herunter erzählt, am heftigsten interessieren. Wen, fragt unausgesprochen der heute lebende Dichter Bernstein, soll der ganze Quatsch denn überhaupt angehen, wenn nicht wenigstens einen, mich? Am Ende wäre es also, noch über Kafkas Hoffnung auf verborgene Poesie hinaus, ein Moment von Solidarität einerseits, von Theodizee andererseits, was die Leute heute noch immer zum Zeitunglesen treibt? Daß in der besten aller Gotteswelten die Zeitung, so sie nun schon mal da ist, einen und sei's noch so geheimen Sinn hat. Und also, und sei's mit Gewalt, gelesen gehört.

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Trotzdem, spätestens mit 40, vielleicht auch schon mit 18 stellt sich jeder halbwegs wache Mensch, i. e. Mann (Frauen sind auch diesbezüglich, Freud hatte recht, nicht zu begreifen), die Frage, warum eigentlich um Gottes willen er für alle Ewigkeit von durchschnittlich 50 Jahren dazu verdammt ist, unentwegt in Zeitungen und ähnlichen Journalen Namen zu lesen, zumindest mit den Augen zu erfassen wie Clinton, Kahn, Arafat, Piëch, Franz Josef Strauß, Mette Marit, Egon Krenz, Di, Bush jr., Heidi Klum, Völler, Max Strauß, Saddam Hussein, Johannes Paul Woityła, Putin, Milošević, Netanjahu, Gulbuddin Hekmatyar, Erwin Huber, Steffi Graf, Vater Graf, Kohl, Mutter Graf, Boris, Gagarin, Rehhagel, Madonna, Maradona, Donna Leon, Bush sen., Grass, Stoiber, Theo Sommer, Tatjana Gsell geb. Gick, Derwall, Monika Hohlmeier, Fischer Joschka, Fischer Bobby, Fischer Sepp, Fränzi, Berti, Gorbi, Klinsi, Claudia Fischer, Schlingensief sowie (vorerst als letzter Schicksalsschlag vom Juni/Juli 2004) Rasso Graber (CSU). Und ob denn das mehr eine von den Mächten der Tücke und Finsternis auferlegte Maßnahme der innerweltlichen Höllenstrafe sei – oder doch mehr freiwillige Selbstkasteiung systematisch „stupidisierter“ (Karl Kraus, Die Fackel 852,4) und sonstwie verwunschener, vom Leben verworfener Menschen; von denen sich damals, 1931, noch der „Nichtzeitungsleser“ (ebd.) als zählbare und moralische Größe abzusetzen vermochte.

Und drittens stellt sich die Frage, wo in dieser obigen Liste eigentlich der Herr Hohlmeier bleibt und den ganzen Sommer über blieb – ist der schon tot? Hat er eine Neue? Hat ihn Frau Hohlmeier erpreßt, so oder so den Mund zu halten?

Andersrum: Es kann doch nicht im Ernst irgend jemand als Homo sapiens sapiens oder auch nur erectus australopithecus glauben, daß die 522te oder sei's 2008te Zeitungslektürewiederholung der Alt-Antagonismen Belfast/London, Bush/Saddam, Israel/Palästina, Schröder/Merkel, Schia/Sunna, Frau Hohlmeier/Herr Hohlmeier, Mauer/Mauerwegfall, Kalter Krieg/Warme Brüder noch irgendeinen allerelendsten Hund von Erkenntnis oder wenigstens Belehrung oder Erbauung oder allerwenigstens Unterhaltung hinterm Ofen der schlafenden Vernunft hervorzulocken vermag. Und uns für die Lektüre von Sätzen zu erwärmen, wie sie im Sommer 2004 ein schon genannter CSU-Führer auch noch jenseits der Hohlmeier-Sache mit Gewalt hervorzustemmen sich nicht zu schade war: „Wir sind bereit, angesichts der Situation unserer Arbeitsplätze mit der Bundesregierung zu reden.“

„Die Welt ist nichts als Geschwätz“ (Montaigne, „Essais“) – richtig, und insofern hat die Presse natürlich immer recht, wenn sie dieser Selbsterkenntnis tapfer folgt und im Zuge ihres offenbaren Auftrags, „eine von den lumpigsten Instinkten bediente und sie bedienende“ (Kraus 811,58) zu sein, sich eben darum auch noch hinter den lumpigsten Unfug dankbar hängt und ihm brav hinterherdackelt. Und deshalb wie Bild wenn schon nicht auflagenmäßig, so doch zwischen Wussow und Gsell-Gick und „Portugeilo“ an sprachlich-gehaltlicher Lumpigkeit, ja Höllischkeit 2004 noch einmal kraftvoll zugelegt hat, uns abermals Mores zu lehren. Und die zitierte Arbeitsplatzsituationsrederei trägt ja auch immerhin zur publizistisch-politologischen Einsichtsvermehrung bei dergestalt, daß Zeitungen also doch treulich den Abstieg der Menschheit ins Troglodytische festhalten und bilanzieren können.

Allerdings, sie tun's zu selten. Mein Helmut-Kohl-Lieblingssatz von 1985, geschmettert in der angebrochenen dritten Stunde irgendeiner Parteitags-Hauptrede, der sich dafür stark machte, „die Solidaritätsaufgabe der Tagesordnung der Zukunft“ im Auge zu behalten, der – drang aus dem Radio; und nur mein gewohnheitsmäßig zupackend filterndes Ohr hielt ihn fürs Weltgericht fest – und tut es seit 19 Jahren.

Keine einzige Zeitung hat ihn zitiert.

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„Es passiert ja auch dauernd was“, schreibt Gerhard Polt („Seebestattung“) noch fürs alte Jahrtausend Sinn, Wesen und Solidaritätsaufgabe der Zeitung fest. „Jetzt ist schon wieder was passiert“, aktualisiert zu Beginn des neuen und seines Romans Wie die Tiere Wolf Haas. „Dös is' heutzutag' eine ewige Passiererei“, präzisieren Karl Valentin/Liesl Karlstadt im Dialog bereits 1941 und noch vor Stalingrad.

Das ist die Crux, das war der Punkt. Vorher, so bis zum Reichsdeputationshauptschluß von 1803, ist nichts oder jedenfalls wenig passiert, sehr wenig passiert, „sehr ruhig“ (Gerhard Polt) ging es zu während der Renaissance in Bad Hausen bei Rosenheim und anderswo. Und doch hätte das weder die potentiellen Verleger noch das Publikum geschreckt, wären die Druckmaschinen oder der ganze spätere High-Tech-Unfug schon da und am Lauern gewesen.

Die Gerätschaften und ihre Auslastung sind also das zentrale Problem, gar nicht mal das andauernde Passieren von halt irgendwas.

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„Das Zeitunglesen am Morgen ist eine Art realistischer Morgensegen“, so Hegel knapp zu Beginn des 19. Jahrhunderts und reichlich optimistisch angesichts der schon vorliegenden Goethe-Warnung vor der bereits dräuenden „Pressefrechheit“ (mit dem heute sichtbaren Ende von Franz Josef Wagners täglich randalierender Bild-Zeitungs-Kolumne); sowie der etwas späteren und hörbar Wagner-betrefflichen Warnung des schlesisch-preußischen Beamten J. v. Eichendorff vor zu viel Freiheit und „Zensurbeseitigung“ angesichts von „Journalgeschwätz“ und seiner „gemeinen Lästerei“ mit dem inhärenten Ziel der „Zerstörung der Ordnung der Dinge“ („Vorlagen zur Pressegesetzgebung“, 1832).

Ähnlich sah es wenig später Kierkegaard, der im Zuge seiner Ahnung, es sei jetzt wohl „die Zeit der Denker vorbei“, bereits 1846 eine „Tyrannei der Zeitungsliteratur“ als eine neuartige „Form des Bösen“ heraufziehen fühlte; bei dessen Wahrnehmung Fontane seinerseits 1890 die „Inflation des geschriebenen Worts“ beklagte; als durchaus unerwünschte Ahnung dessen, was ein zeitungswissenschaftlicher Klassiker ein paar Jahrzehnte später als neue, als zumindest lange Zeit „unerkannte Kulturmacht“ im Titel subsumiert.

Wenn es sich denn noch um eine Kultur handelt. Gewiß nicht für den Vormann aller Pressefeindschaft, Karl Kraus, der von 1899 an fast vierzig Jahre lang und manchmal etwas prodomo-zweischneidig die gedruckte Zeitung als „entfesselte Schufterei“, „Schmöckerei“, „Auswurf der Menschheit“, „Welthirnjauche“ usw. enttarnte, als wahlweise „Ozean der Ehrlosigkeit“ (1925) oder „unermeßliche(n) Ozean von Preßkorruption“ (1928); und späterhin und „in modo Krausico“ (Adorno am 8.3.1925 im Brief an Kracauer) besorgten Krausianer wie Adorno, Gremliza und manchmal auch ich dies kaum minder und moderater.

Ist es denn wirklich noch immer so schlimm, heute und in Abwägung ihrer eventuell auch aufklärerischen und demokratieförderlichen Meriten, mit der von Kraus ab 1914 ja sogar als wahre Weltkriegsursache ausgemachten „Troglodyten“-Kultur der Presse? Der „schwarzen Magie“ zudiensten des nicht allein von Heinrich Heine erwitterten neuartigen „Menschenkehrichts“? Hat nicht jene im großneudeutschen Sprachraum immer wieder als führende Druckinkarnation des Bösen, des Infernalischen und zumindest Dämonischen, die Bild-Zeitung also, auch immer wieder großartige Headline-Innovationen hervorgebracht wie „Gott hat mitgebohrt“ (Lengede 1965), „Stürmt, stürmt, dann wackelt auch der Iwan!“ (Fußball-WM 1966), „Aua!“, „Franz schlägt Liz“ (Beckenbauer hat im Vergleich zu E. Taylor die höhere TV-Quote) und „Iltis erschießt Kreisrat“, eine Titelzeile, die als angeblicher Jagdunfall den alten Journalistentraum variiert, daß „Mann Hund beißt“? Geht nicht von diesem jahrzehntelang treulich täglich ausgebrüteten pop-postmodernen Wahnsinn auch viel Faszination aus? Ein Hauch von romantischer Universalpoesie auch, gar eine aktualisierte Neuversion des alten Eichendorff-Worts: „Poesie liegt in einer fortwährend begeisterten Anschauung der Welt“? Hier wohl in einer begeisterten Anschauung der dummfrech jeweils 10 Zentimeter aufragenden Aufmacher-Lettern selber?

Im Austrag der Studentenbewegung 68 und anderer mehr puristisch-manichäischer Menschheitsphantasien sah man es jedenfalls noch anders. Und Bild im großen Abstand vor Welt, FAZ usw. als gut postkrausische Ursache fast allen Übels. Aber heute? Steht heute, in der akutesten Gegenwart, dem täglichen Dreckabsonderungsmaul des Franz Josef Wagner sowie seiner Schleim- und Arschpoesie-Co-Produzentin Christiane Hoffmann von der letzten Seite nicht seit August die fast klassenkämpferische Aufklärungsarbeit der Bild-Zeitung gegenüber, die „Lohnlisten“ der Bosse und Abstauber und sonstigen Wahnsinnigen und Asozialen offenzulegen? Gegen den Willen derer, die sich angeblich mit Haken und Ösen dagegen wehren?

Zumindest das letztere muß man bezweifeln. Höchstens aus steuergeheimnisvollen Gründen will die längst und weit über Karl Kraus hinaus explodierte Schamlosigkeit der Essers und Ackermanns in dieser neudeutschen Welt die Einstreichungen geheimhalten. Ansonsten, anhebend mit den doofsten Profifußballern, gehört die möglichst noch übertreibende Publizität sogar zum Prestige und zum Hochgenuß – und mithin zur Strategie von Bild und Consorten. „Freilich kommt es auf Peinlichkeit nicht mehr an“, teilt Franz Kafka schon am 25. 2. 1914, kurz vor Wilhelm II. und seinen WK-Großsprechpeinlichkeiten, Grete Bloch mit; pünktlich zur Jahrtausendwende liefert F. W. Bernstein gereimt die moderne Version, gültig bereits für das Finale des noch erinnerlichen Mannesmann-Deutsche-Bank-Geschmeißauflaufs: „Es freuen sich der eigenen Schand / Die größten Fürsten vom Abendland.“

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Und nachdem aber nicht nur diese Schandtaten, sondern auch die meist nicht davon abtrennbaren Verfehlungen und Entgleisungen der Presse selber gut zitierbar und im Sinne von Karl Kraus vors Weltgericht oder doch immerhin vors tränende Auge der kommenden Generationen zu schleppen sind: deshalb gilt Ruth Rendells Wort hinsichtlich einer Krimiroman-Legasthenikerin ganz besonders ja für diese Presse selber: es ist auch „ihr Erzfeind das gedruckte Wort“.

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„Kohl in Gedanken – fast überfahren“, titelte einst, 1985, Bild anläßlich eines Versuchs des Kanzlers, eine Straße in Manhattan ohne Fremdhilfe zu überqueren. „Das wird dem Kanzler eine Lehre sein“, kommentierte seinerzeit ungerührt, aber mindestens genauso gedankenvoll Hermann L. Gremliza. Und führte damit den Beweis, daß im Preßwesen u. U. sogar zwiefach Eleganz möglich ist. Denn auch die Headline des seit einem halben Jahrhundert darin geübten Drecksblatts war ja in aller Tücke elegant, konzis kanzlerkritisch und im Doppelsinn sogar geistreich gesponnen worden.

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Für eine Wertschätzung der Zeitlosigkeit auch und gerade in der aktualitätsversessenen Zeitung macht sich Max Goldt stark, wenn er darauf hinweist, daß die Erstmeldung von der Prostatakrankheit Mitterrands zu Kurseinbrüchen geführt habe; daß aber das Nachlesen dessen ein Jahr später noch genauso lustig sei. Mitnichten sei also die Zeitung von gestern kalter Kaffee. Sondern ebenso komisch, weil genauso nichtig.

Ich selber habe 1987/88 das Experiment gemacht und ein Jahr lang nichts gelesen, weder die FAZ noch den Spiegel noch sonst ein Käsblatt – und siehe, gesprächsweise fühlte ich mich nicht weniger fit als meine informationsverknallten Partner. Schon 1968 ließ ich für ein Jahr das eintreten, was heute in Amerika als „Holocaust“ empfunden wird: ein TV-freies Jahr – auch hier war das Resultat keineswegs ein Gefühl von Ignoranz und Lebensverfehlung und Reue. Sondern die Abstinenz war „heilsam und dem Seelenleben förderlich“ (Regina Henscheid) – und gedeckt zudem durch Heino Jaegers philosophische Hintergrunderkenntnis: „Wenn nun im Ernstfall das heraufbeschworen wird, was wir nicht mehr unmittelbar in der Hand haben, dann, so meine ich, nützt uns auch das Fernsehen nichts mehr.“

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Fraglos, an manchen Orten und zu manchen Zeiten erhöht Zeitunglesen das Lebensgefühl von Wachheit und ergo Zufriedenheit, ja Gemütlichkeit. Zum Beispiel unterm Sonnenschirm. Oder im Bahn-Coupé, ausstaffiert mit Tee und einer Pfeife. Oder Zigarre. Irgendwo werde ich allerdings das Gefühl nicht los, daß diese Orte und Occasionen wie alles Schöne und Gute im Zuge der renovierten ICE-Bahnhöfe, ihrer sog. Bistros und der allg. Internetisierung stark am Schwinden, ja am schwindelhaften Versinken sind. So daß man, in Anlehnung an ein bekanntes Adorno-Schmankerl übers Wohnen, vielleicht schon übers Jahr umformulieren darf: „Eigentlich kann man überhaupt nicht mehr zeitunglesen.“

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Gleichwohl, wohl nicht allein in Bayern schien Juli/August d. J. eine wahre neue Sucht ausgebrochen, sei's im TV, sei's vor allem in den „Printmedien“ (TVer-Jargon); eine Sucht nach – Monika-Hohlmeier-News. Nämlich nach ihrem zuweilen täglich, ja stündlich erwarteten, ja da und dort, z. B. bei meiner Frau und mir, flehentlich erhofften Rücktritt resp. Rausschmiß als Kultusministerin. Und im Kern hält dieses Prinzip Hoffnung als durchaus bösartige Anteilnahme am schweren Schicksal der Strauß-Tochter bis Redaktionsschluß für diesen Artikel noch sehr schön an.

Manchmal handelte es sich auch gar nicht mehr um die resche und genetisch offenbar stark vatergeschädigte Strauß-Tochter; sondern mehr noch um das fast noch begeisterndere Umfeld aus versuchter Erpressung und CSU-Stimmenkauf und ziemlich unglaubwürdigen Entschuldigungen – und man wurde da mit erregenden Namen bekanntgemacht wie Joachim Haedke, Ludwig Spaenle und Frau, Bernhard Schwab, Ralph Burkei oder dem schon erwähnten Ex-JU-Boß Rasso Graber; von dem schon etwas vorab verurteilten Bruder Max Strauß und dem wegen diesbez. „Urteilsschelte“ auch noch kurz aufglühenden anderen Bruder Franz Georg Strauß annähernd zu schweigen.

Ein Suchtverhalten, ohne Zweifel – aber: Ist unser Schwerinteresse mal Hochvergnügen nicht abermals mehr Gott selber anzulasten? Haben wir hier also nicht wiederum eine erfreuliche, ja höchst laszive und von Gott oder halt der Evolution selbst eingerichtete Schnittstelle von Journalismus und Theologie? Ja, weil wir das Dumme und Dummdreiste als das Wesen der besten aller Welten gutheißen, ein erneutes Mal von – Theodizee?

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Sonst fiel im Zeitraum Juli–August tageszeitungsbewältigungsstrategisch ein Gedicht auf und zur Last, das der bekennende Büchnerpreisgroßdichter Durs Grünbein auf Anfrage der Süddeutschen schrieb – „Wann stehen Sie eigentlich auf?“ – und das er in geradezu vorbildlicher blödianischer Weise zur Post und in Druck gab, nämlich im vollen Ernst: „Ich stehe niemals auf. Wer aufsteht ist verloren. / Das Bett, die Wiege der Erkenntnis nehme ich mit. / Den Tag durch träumend, scheinbar wach. / Man hat mich ungefragt geboren …“

Usw. Daß aber der gleiche Übermenschenknülch noch in der gleichen Woche und vorerst als Kurzmeldung den Sachsen-Anhalter Nietzsche-Preis samt 15.000 Euro für seine „sprachliche Kraft und durchdringende Intellektualität“ einstreichen durfte –: man sieht, vor allem das vergleichende, das synoptische Zeitunglesen rentiert halt doch.