Gen-Versuche zwischen Obstwiesen

In Sachsen und Sachsen-Anhalt wollen Forscher erstmals genmanipulierte Apfelbäume freisetzen. Ihr Ziel: krankheitsresistente Sorten. Öko-Bauern und Bürgerinitiativen fürchten Verunreinigung und protestieren

BERLIN | taz ■ | Der Protest war zu erwarten. Mittendrin im „Herzen der deutschen Obstbaumzüchtung“ wollen Pflanzengenetiker einen Großversuch mit genmanipulierten Apfelbäumen durchführen. Insgesamt 10.000 Gentech-Bäume will die Bundesanstalt für Züchtungsforschung (BAZ) an zwei Standorten freisetzen: in Quedlinburg, Sachsen-Anhalt, und in Dresden-Pillnitz, Sachsen.

Besonders Pillnitz sei „als Standort absolut ungeeignet“, kritisiert Maren Leupelt, Sprecherin des Ökolandbauverbandes Gäa. In der Umgebung von Pillnitz gebe es nicht nur viele Obststreuwiesen und Naturschutzflächen. Auch zahlreiche Ökolandwirte und -winzer hätten sich hier niedergelassen. Gentech-Kontaminationen könnten nun das Ökogeschäft beeinträchtigen.

Noch in diesem Monat muss das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin über den Freisetzungsantrag entscheiden. Das RKI wird sich auch mit zahlreichen Einwendungen beschäftigen. Sowohl Gäa als auch der sächsische Landesverband der Grünen und eine lokale Bürgerinitiative rufen zu Einsprüchen auf.

Eingereicht wurde der Freisetzungsantrag von der Professorin Viola Hanke, Direktorin des traditionsreichen Instituts für Obstbau in Pillnitz. Ziel der Versuche ist die Entwicklung von krankheitsresistenten Apfelbäumen, vor allem gegen Feuerbrand und Apfelschorf. Beide Infektionserkrankungen riefen hohe Ertragseinbußen hervor, heißt es in dem Antrag. Schwierig ist dessen Bewertung auch dadurch, dass nicht nur eine genveränderte Apfelbaumsorte freigesetzt werden soll, sondern gleich eine ganze Palette von Gentech-Linien. Mit sechs unterschiedlichen Genen, die unter anderem aus dem Darmbakterium Escherichia coli oder der Seidenraupenmotte isoliert wurden, sollen mindestens sechs verschiedene Apfelsorten manipuliert werden.

Noch sind die Forscher zuversichtlich. Die ersten 500 Gentech-Bäumchen stehen schon im Gewächshaus. Noch im Oktober, spätestens im November, sollen die Versuche beginnen.

Zwar gibt es in Deutschland schon zwei Freilandexperimente mit langlebigen Gentech-Planzen – je einen Versuch mit Pappeln und mit Weinstöcken. Es wäre aber das erste Mal, dass genmanipulierte Obstbäume zum Einsatz kommen. Ungewöhnlich ist auch die Dauer: Laut Antrag soll der Versuch über 20 Jahre laufen.

Eine hundertprozentige Garantie, dass die Gentech-Pollen sich nicht ausbreiten, kann Projektleiterin Hanke zwar nicht geben. Aber es seien „Sicherheitsmaßnahmen“ vorgesehen, sagte sie auf einem Infoabend Ende September. So sollen in Pillnitz die Gentech-Bäume in Tunneln aus Plastikfolien isoliert werden, noch bevor die ersten Blüten zu erwarten sind. Die Folien sollen vor allem Bienen und Hummeln abhalten, die die Pollen mehrere Kilometer weit schleppen können.

Nach Einschätzung von Gäa-Sprecherin Laupelt widerspricht der Antrag der seit 2002 gültigen EU-Freisetzungsrichtlinie. Dort steht, dass keine Resistenzgene für medizinisch relevante Antibiotika in freigesetzten Organismen enthalten sein sollen. Damit soll verhindert werden, dass sich Antibiotikaresistenzen ausbreiten und bakerielle Krankeitserreger nicht mehr mit dem Medikament bekämpft werden können. Die Gentech-Bäume des BAZ enthalten aus technischen Gründen jedoch alle eine Resistenz, die auch gegen das Antibiotikum Kanamycin wirkt.

Die EU-Richtlinie, die eigentlich schon längst in das deutsche Gentechnikgesetz überführt hätte werden müssen, sieht zwar für das Antibiotikaresistenz-Verbot eine Übergangszeit bis 2008 vor. Doch das Apfelbaum-Experiment soll ja schließlich erst im Jahre 2023 beendet werden.