Im Schatten des Vaters, ein Leben lang

Hilde Schramm erhielt gestern den Moses-Mendelssohn-Preis. Seit Jahren schon hilft sie Nazi-Opfern. Doch wahrgenommen wird sie häufig nur als Tochter des Hitler-Architekten Speer. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde lehnte Preisverleihung ab

Hilde Schramm ist 68 Jahre alt, sie hat vieles und davon viel Gutes in ihrem Leben getan. Aber wenn es hart auf hart kommt, wird sie nur als Tochter wahrgenommen – als Tochter Albert Speers, der Hitlers Architekt für „Germania“, sein späterer Rüstungsminister und Kriegsverbrecher war. Sie ist Kind des Mannes, der das Zwangsarbeitersystem im NS-Reich perfektionierte und mitverantwortlich für die Verwertung des Eigentums ermordeter Juden war.

Nun hat die Erziehungswissenschaftlerin und Soziologin Hilde Schramm den Moses-Mendelssohn-Preis des Landes Berlin erhalten. Alle zwei Jahre vergibt die Hauptstadt die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung zur „Förderung der Toleranz gegenüber Andersdenkenden und zwischen den Völkern, Rassen und Religionen“. Ehrenwerte Persönlichkeiten wie Yehudi Menuhin, Teddy Kollek und Wolfgang Thierse haben ihn schon erhalten. Doch ausgerechnet die außerhalb Berlins kaum bekannte Preisträgerin dieses Jahres hat die Auszeichnung erst so richtig ins öffentliche Interesse gerückt. Denn es gab Streit um Hilde Schramm, genauer: um ihren Vater.

Als Ende Juni publik wurde, dass Hilde Schramm den diesjährigen Preis erhalten sollte, protestierte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. Albert Meyer hatte Bedenken, denn Ort, Zeitpunkt und die Begründung eines Jury-Mitglieds für Hilde Schramm als Preisträgerin stießen ihm auf. Ursprünglich sollte Hilde Schramm den Preis in einer Synagoge anlässlich der Eröffnung der Jüdischen Kulturtage erhalten. Dies und die Tatsache, dass ein Jurymitglied als einen Grund für den Preis gerade Hilde Schramms schweres Schicksal als Speer-Tochter anbrachte, ließ Meyer protestieren.

Hilde Schramm zeigte für diese Position Verständnis: „Ich kann sehr gut verstehen, wenn da NS-Opfer oder ihre Nachkommen mit Abwehr reagieren“, erklärte sie öffentlich. Dabei ist der Protest Meyers gegen Hilde Schramm zumindest eine Gratwanderung, hat sie sich doch gerade auf dem Feld der so genannten Wiedergutmachung für die Opfer des Nationalsozialismus am intensivsten betätigt: Hilde Schramm ist Mitbegründerin der „Stiftung Zurückgeben“, die „jüdische Frauen in Kunst und Wissenschaft“ fördert. Die Stiftung vergab bisher 30 Arbeitsstipendien und Projektzuschüsse. Sie finanziert sich aus dem Verkauf von Gütern, die früher einmal Juden gehörten und von nichtjüdischen Deutschen in der NS-Zeit oft billigst erworben wurden.

Außerdem ist Hilde Schramm seit Anfang des Jahres Vorsitzende des Vereins „Kontakte/Kontakty“, der bisher hunderten ehemaligen NS-Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen half. Schließlich engagiert sie sich für eine Begleitausstellung zur Familiengeschichte der Familie Flick neben der geplanten Kunstschau des Sammlers Friedrich Christian („Mick“) Flick. Die umstrittene Schau soll am 18. September eröffnet werden und sorgt seit Monaten für große Debatten in den Feuilletons der Republik.

Anders als Mick Flick stellte sich Hilde Schramm früh der Verantwortung, die sich aus der Schuld des Vaters ergab. Es liegt wohl auch daran, dass die Verleihung des Preises an Hilde Schramm außerhalb der Jüdischen Gemeinde kaum auf Widerstand stieß. Auf ihren Wunsch wurde die Preisvergabe in den Französischen Dom auf dem Gendarmenmarkt in der Mitte Berlins verschoben. Die Jüdische Gemeinde will nun die Wogen glätten: Sie lud Mick Flick und Hilde Schramm zu einer großen Feierstunde zum 100-jährigen Jubiläum der Synagoge in der Rykestraße ein.