taz-Serie Schillerkiez: Eine erste Bilanz

"Der Tempelhofer Park war die beste Idee"

Vor einem Jahr wurde das Flugfeld des ehemaligen Flughafens Tempelhof zum Park. Was hat sich dadurch im Neuköllner Schillerkiez verändert?

Proteste gegen den Zaun um den ehemaligen Flughafen vom Juni 2009  Bild: Foto: AP

Beate Hauke, Vorsitzende des Vereins Pro Schillerkiez

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"Ich betrachte den Schillerkiez ja durch die Initiativen, in die ich hier eingebunden bin. Die Wohnungsbörse ist aus der Not entstanden, weil es an Mietern fehlte, die in den Schillerkiez ziehen wollten. Inzwischen wurde der Schillerkiez durch das geöffnete Flugfeld so interessant, dass es mehr Nachfragen als leere Wohnungen gibt. Allein für Hartz-IV-geeignete Wohnungen habe ich 25 Interessenten auf der Warteliste. Aber auch für gut Verdienende und Gewerbetreibende kann ich nicht mehr viel tun. Die meisten Mietinteressenten nutzen andere Wege, um an eine Wohnung zu kommen, sie bewerben sich direkt beim Vermieter. Zu Besichtigungsterminen erscheinen häufig 20 bis 60 Personen. Ich glaube, die Börse wird nicht mehr gebraucht."

 

Zwischen Tempelhofer Feld und Hermannstraße liegt der Schillerkiez. Lange galt das Viertel am Rande des einstigen Flughafens als Arme-Leute-Gegend. Menschen aus vielen Ländern leben hier, die Arbeitslosenquote beträgt über 40 Prozent, der Kiez weist die höchste Bevölkerungsdichte von Neukölln auf.

 

Doch mit der Stilllegung des Flughafens 2008 ist aus dem Viertel ein Quartier mit Potenzial für Investoren geworden. Seit Mai 2010 ist die 386 Hektar große Freifläche ein Park; hier sollen laut Senat Gewerbebetriebe entstehen und neue Wohnquartiere für die obere Mittelschicht.

Droht dem Schillerkiez nun eine Welle von Mietsteigerungen, wie sie weite Teile von Prenzlauer Berg und Kreuzberg erlebt haben? Sind die Studierenden und Künstler, die ins Viertel strömen, Vorboten einer Entwicklung, die in Friedrichshain und Mitte fast beendet ist? Wird das einstige Arbeiterviertel gentrifiziert, oder bleibt es bei ein paar Townhouses am Parkrand?

 

Sicher ist nur: Der Schillerkiez wird sich verändern. Wer davon wie stark profitiert, wird man sehen. Die taz wird diese Veränderungen in den nächsten Jahren beobachten. Seit Mai 2010 läuft das Projekt. Bereits erschienene Texte finden Sie auf www.taz.de/berlin.

Elisabeth Kruse, Pfarrerin der Genezareth-Kirche am Herrfurthplatz

"Es gibt deutlich mehr junge Leute, Familien und szenige Lokale hier als noch vor einem Jahr. Am Ostermontag etwa war die Kirche voll, das habe ich seit Jahren nicht erlebt - für mich ein sehr ermutigendes Erlebnis!

Ich selbst bin von der Schillerpromenade an die Oderstraße gezogen, mit Blick auf den Park. Die Miete ist bezahlbar, und es ist ruhiger als mittendrin. Besonders an sonnigen Tagen herrscht ein reger Durchgangsverkehr, alles ist zugeparkt. Ich genieße diese Betriebsamkeit: Es ist fast eine Urlaubsatmosphäre, die heilsam wirkt auf einen Alltag, der vom engen, aggressiven Aufeinandersitzen geprägt ist. Der neue Freiraum tut der Gegend gut, was aber nicht heißt, dass sich die Probleme in Wohlgefallen aufgelöst hätten. Deshalb hoffe ich auch, dass der Zaun bleibt: Der Park braucht nachts Ruhe und Schutz."

 

Felix Seeger, Künstler und Bewohner des Hauses Lichtenrader Straße 32

"Ich wohne immer noch in der WG im zweiten Stock, in die wir vor neun Jahren gezogen sind. Früher waren wir zehn Leute in vier Wohnungen. Zusammen bildete das Hinterhaus ein künstlerisches Wohn- und Arbeitskollektiv namens L32. Mittlerweile ist unsere Wohnung die einzige im Haus, die noch nicht verkauft worden ist. Die anderen sind ausgezogen.

Hier im Haus herrscht Aufbruchstimmung. Die neuen Eigentümer renovieren fleißig. Haben will man uns hier nicht mehr: Die neuen Eigentümer haben Kameras am Eingang und in den Höfen installiert. Und im Gespräch mit Kaufinteressenten war schon die Rede von den ,Hausbesetzern', dabei haben wir immer Miete gezahlt.

Einfach so gehen wollen wir nicht. Wir warten den Ausgang des Gerichtsverfahrens ab, das zwischen uns und der Hausverwaltung läuft. Es wird wohl nicht gut für uns ausgehen. Wir rechnen mit August - dann müssen wir wohl spätestens hier raus. Ich werde dann nach Kreuzberg ziehen. Eigentlich schade, wo es hier gerade anfängt, nett zu werden."

 

Kerstin Schmiedeknecht, Quartiersmanagerin

"Stimmungsmäßig hat das Feld viel verbessert: Dieser hoch verdichtete Kiez braucht eine Ausgleichsfläche. Die hat er jetzt. Ich selbst gehe zweimal täglich dort spazieren und freue mich über das friedliche Zusammenleben, die gelöste Atmosphäre.

Dass durch dieses Juwel sich das Leben verteuert - diese Sorge ist verständlich. Es erreichen uns auch Hinweise auf Hausbesitzer, die jetzt versuchen, große Gewinne zu machen. Gerüchte und Vermutungen helfen aber nicht weiter, man braucht Zahlen, um die tatsächlichen Wohn- und Eigentumsverhältnisse richtig einschätzen zu können. Der Senat hat dazu eine Studie in Auftrag gegeben, auf die Ergebnisse bin ich sehr gespannt. "

 

Ingrid Brügge, Quartiersrätin, macht Stadtteilführungen mit ihrem Dackel Dagmar

"Ich habe jetzt diesen wunderschönen Park vor meiner Tür! Fast jeden Tag bin ich dort mit meinem Dackel. Es tut gut, diese Weite zu haben und die frische Luft. Über die Bebauungspläne will ich nicht meckern, da lass ich mich überraschen. Ich hoffe nur, dass am Ende genügend Freiflächen bleiben und ein paar Bäume, weil es im Sommer dort wirklich sehr heiß ist.

Der Schillerkiez hat sich zuletzt schon verändert. Man merkt, dass eine andere Klientel hergekommen ist: Besserverdienende und Studenten. Das hat die Bildungsfernen etwas zurückgedrängt aus dem öffentlichen Bild. Wenn es so bleibt wie gerade, wäre das schön. Mehr Alteingesessene sollten aber nicht weggehen, sonst steigen die Mieten sicher noch mehr."

Marina Kremlevskaja, Wirtin der Kneipe "Bechereck"

"Gerade sind wieder drei meiner Stammgäste weggezogen, weil die Mieten zu hoch sind. Wenn noch mehr Gäste wegziehen, wird es für mich schwer. Aber ich ziehe mein Konzept durch, ich denke positiv. Von der Parkeröffnung habe ich noch nicht profitiert. Es waren schon mal Studierende da zum Billardspielen, ansonsten will höchstens mal einer die Toilette benutzen.

Meine Gäste sind viel auf dem Feld, ich auch. Gestern habe ich mir ein Skateboard von einem Gast ausgeborgt und damit fahren gelernt. Es ist gut, die ganzen Familien und anständigen Leute auf dem Feld zu sehen. Früher war es voll hier von Asozialen, heute gibt es viele Studenten. Es ist auch sauberer geworden, das hat was. Ich sag immer, bald ist das hier Prenzlauer Berg!"

 

Nana Appia-Kubi, Sekretärin der "Precious Blood of Jesus christ"-Pfingstgemeinde

"Ich wohne nicht mehr im Schillerkiez, sondern in Charlottenburg. Nicht wegen der Mieten, sondern wegen der Schule für meinen Sohn. Die Neuköllner Schulen waren mir zu chaotisch. Viele Kinder sprechen da ja leider kaum deutsch zu Hause. In Charlottenburg ist das etwas anspruchsvoller, da nehmen die Schüler das Lernen ernster.

Die meiste Zeit verbringe ich noch in Neukölln. Hier ist das Leben lockerer. Mein Freundeskreis lebt hier. Hier ist meine Gemeinde. Und hier gibt es meine Afro-Shops. Der Tempelhofer Park war die beste Idee! Alle Menschen machen dort einen glücklichen Eindruck. Die Gestaltungsidee mit dem Berg und den Wassergräben finde ich gut. Auf keinen Fall sollten dort Häuser gebaut werden. Der Park muss ein Treffpunkt für alle bleiben!"

 

Jochen Herberg, Hartz-IV-Bezieher und Aktivist in der Stadtteilinitiative Schillerkiez

"Dass das Tempelhofer Feld vor einem Jahr eröffnet wurde, hat erst den Protest verschiedenster Menschen und Gruppen ermöglicht. Die Menschen haben das Feld angenommen. Die Mehrheit findet es gut so, wie es ist. Die Weite, seine Einzigartigkeit, seine Rauheit. Es fehlen höchstens Sitzmöglichkeiten und einige Bäume für mehr Schatten.

Allerdings hat die Öffnung des Feldes auch die Aufwertung des Schillerkiezes beschleunigt. Die Mieten steigen rapide, für Menschen mit wenig Geld findet sich kaum noch was. In der Schillerpromenade wird eine Wohnung für eine Kaltmiete von 9,68 Euro pro Quadratmeter angeboten! Und zuletzt haben drei Bars geöffnet, in denen sich überwiegend die Generation Laptop tummelt. Mittlerweile ist mehr Englisch auf den Straßen zu hören als Türkisch oder Arabisch.

Der Senat macht jetzt wieder viel Getöse um seine Planung für die Parklandschaft Tempelhof. 61 Millionen sollen für einen Park verschleudert werden, den keiner so braucht! Bei dem Geplane geht es doch nur darum, die Randbebauung des Feldes für Investoren attraktiv zu machen. Dass diese Bebauung durchgezogen werden soll, obwohl sich niemand dafür begeistern kann, sollten wir verhindern."

 

Irmgard Rakowsky, Hauswartin an der Schillerpromenade

"Sauberer ist es im letzten Jahr geworden - auf der Schillerpromenade, auf den Spielplätzen. Es wird jetzt viel öfter Müll beseitigt, auch Hundehaufen gibt es weniger. Und ruhiger ist es. Autos dürfen jetzt nur noch 10 Stundenkilometer auf der Promenade fahren, viele Alkoholiker sind verschwunden.

Ich hab mich hier schon immer wohl gefühlt, aber jetzt ist es noch etwas angenehmer. In unseren beiden Häusern hat sich wenig geändert. Wir haben fast nur angestammte Mieter, die nicht wegziehen. In meinem Haus leben zwei neue junge Familien, in der Kienitzer fast nur Studenten. Die Anfragen sind enorm: Ich könnte fünf Wohnungen und drei Läden füllen!

Unsere Mieten haben wir nicht erhöht. Nur da, wo jemand auszieht und wir sanieren, erhöhen wir geringfügig. Seit den 20 Jahren, die ich jetzt hier Hauswartin bin, machen wir das so. Aber drum herum müssen wir jetzt wahnsinnig aufpassen, dass wir nicht überteuerte Mieten bekommen. Vielleicht sollten sich die privaten Hauswirte hier im Schillerkiez mal zusammensetzen und sich was überlegen."

PROTOKOLLE: NINA APIN,  KONRAD LITSCHKO

 

Die taz beobachtet die Veränderungen im Schillerkiez in Berlin Neukölln seit Mai 2010.

05. 05. 2011

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