Okkasion Riefenstahl

Das Ernst Barlach Museum in Wedel bei Hamburg zeigt eine Ausstellung über das NS- Propagandagenie Leni Riefenstahl, kuratiert von deren ehemaligen Mitarbeitern

Das Foto hält eine eher zufällige Alltagsszene fest: Sudanesische Nubas streifen durch das steinige Gelände, sie kommen offenbar von einer Veranstaltung. Einige stehen schwatzend zusammen, andere scheinen nach Hause gehen zu wollen. Es sind Männer und Frauen, manche nackt, viele in bunten Shorts, T-Shirts oder arabischen Kaftanen.

Die „Zivilisation“, also Kleidung, Handel und Personenverkehr, ist schon bis in diesen Winkel Afrikas vorgedrungen, das vermittelt die Szene. Als Fotograf ist der Naturwissenschaftler Dieter Kock ausgewiesen, der heute am Frankfurter Senckenberg Museum arbeitet und damals – 1964/65 – eine Expedition in den Sudan leitete. Auftraggeberin war Leni Riefenstahl, Schauspielerin, Regisseurin und Fotografin, der das Ernst Barlach Museum in Wedel jetzt eine Ausstellung widmet. 1934 hatte Riefenstahl mit „Triumph des Willens“ das Corporate Design der Nazidiktatur geschaffen, nun schickte sie sich an, das Corporate Design der Nubas zu schaffen.

Tatsächlich eroberten ihre Fotos das kollektive Gedächtnis: „edle Wilde“, nackt, bemalt und kampfeslüstern. Wie rabiat Riefenstahl auch in diesem Fall das Vorgefundene inszeniert hat, wird dank Kocks Werkfoto schlagartig sichtbar. Das ist ein schöner didaktischer Effekt der 400 Exponate fassenden Schau Leni Riefenstahl – Fotografie, Film, Dokumentation.

Und natürlich will auch diese Ausstellung mehr sein als eine Visualisierung bereits bekannter Thesen. Dies sei die erste Präsentation, die nicht von Leni Riefenstahl „kontrolliert“ werde, rühmen sich die Kuratoren Peter Reichelt und Ina Brockmann. Zahlreiche und vor allem unbekannte Dokumente würden mit dem „Mythos Riefenstahl“ aufräumen. Stolz resümiert der Pressetext: „Es kommt eine Riefenstahl zum Vorschein, die so bisher nicht zu sehen war.“

Bisher nicht zu sehen waren neben Kocks Fotos einige Werkaufnahmen der Olympia-Filme, die Walter Frentz schoss, ein Kameramann, der später für Hitler persönlich kurbelte. Mehr als illustrativen Wert haben diese Aufnahmen allerdings nicht. Wichtiger ist, dass die Ausstellung die bekannten Olympia-Fotos den eigentlichen Urhebern zuordnet, darunter Frentz und seinen Kollegen Willy Zielke, Arthur Grimm und Rolf Lantin. Diese Zuordnung macht deutlich, dass das Geschäft mit „originalen“ Riefenstahl-Fotos von der Olympiade mehr als zwielichtig ist. Das war zwar in Fachkreisen bekannt, ist aber bisher nicht bis in die Medien durchgedrungen.

Von der Öffentlichkeit unbeachtet blieben bislang auch zwei Briefwechsel zwischen Rüstungsminister Albert Speer und Leni Riefenstahl, die in Wedel auszugsweise dokumentiert sind. Der erste liefert eine biografische Randnotiz: Riefenstahls Bruder Heinz, ein Ingenieur, der die väterliche Firma leitete, wurde in den Kriegsjahren als Faulpelz denunziert. Das mag ein Grund gewesen sein, weshalb er 1944 seine „u.k.“-Stellung verlor und an der Ostfront fiel. Im zweiten Briefwechsel von 1975 streiten sich Riefenstahl und Speer darüber, welche Szenen sie für ihre Parteitagsfilme nachinszeniert hat. Das Material belegt, dass sie – entgegen ihrer Behauptung, sie habe nur die „Realität“ gefilmt – einzelne Reden und Publikumsreaktionen im Studio nachgedreht hat, und zwar auch für Sieg des Glaubens (1933).

Diesen schönen, aber nicht revolutionären Rechercheerfolgen der Ausstellung stehen handwerkliche Fehler gegenüber. So stammt ein Teil der dort gezeigen Dokumente aus Riefenstahls Kulturkammerakte, die im Bundesarchiv Berlin liegt. Der Quellennachweis nennt allerdings das Bundesarchiv Koblenz oder fehlt. Manche Trouvaille haben die Kuratoren zudem einfach aus der Fachliteratur kopiert und auf Pappe gezogen – ohne Hinweis auf den Fundort. Riefenstahls Stasi-Akte, mit der die Kuratoren hausieren gehen, ist im übrigen in der Fachliteratur längst ausgewertet.

Überhaupt die Kuratoren – ihr Auftreten entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Zwar sind Peter Reichelt und Ina Brockmann erfahrene Ausstellungsmacher – aber: Sie waren auch Mitarbeiter Riefenstahls, vertraglich gebundene Agenten, die 1996 völlig unkritische Jubelausstellungen in Finnland, Mailand und Rom arrangierten. Die deutsche Presse empörte sich damals über die dreiste Verklärung. Und nun, kurz nach Riefenstahls Tod 2003, möchte sich das Duo gerne als Aufklärer feiern lassen. Wie geht das? Weder Reichelt noch Brockmann haben schlagende Erklärungen für ihren Gesinnungswandel. Beide sagen, sie seien zunächst von Riefenstahl eingenommen gewesen. Dann hätten sie sich durch die neuen kritischen Biografien über Riefenstahl eines Besseren belehren lassen. Im Übrigen aber wollten sie ja ohnehin bloß zeigen, wie es eigentlich gewesen sei.

Tatsächlich ist die Ausstellung frei von ostentativen politischen Ansätzen. Das macht die Schau für Experten öde; wer sich noch nicht mit Riefenstahl beschäftigt hat, bekommt indes einen soliden Überblick. Insofern ist die Ausstellung eine Okkasion – zuvorderst natürlich für die Kuratoren, die jetzt ihre political correctness beweisen. Und damit auch, ganz en passant, ein neues Geschäft mit einer alten Bekannten machen.