Unknown Flying Tart

von CLAUDIA LEHNEN

Manchmal kriecht sie bis tief in den Gehörgang. Sie klebt zentimeterdick auf der Haut. Sie ruiniert Anzug und Ruf. Die aufwändigere, die mit den Schokostreuseln, kann gar noch gefährlicher werden: Ein gut geschliffener Schokosplitter könnte ein Oberlid durchbohren. In jedem Fall muss es sich ein wenig klebrig anfühlen. Und kalt. Wir hatten so was noch nicht im Gesicht, wir wissen es also nicht genau. Anders Bill Gates, der weiß, wie sich so eine frische Sahnetorte auf Nase, Wangen, Stirn und Kinn anfühlt. Er hat eine abgekriegt. Im Februar 1998 in Brüssel. Er sah danach ein wenig bleich aus, Biscuitfetzen hingen in seinem Haar, die Sahnemaske bröckelte stückweise auf seinen Hemdkragen. Als Brillenträger konnte er sich vor den heransausenden Schokostreuseln ein wenig schützen. Seine Oberlider blieben unverletzt.

US-Handelsstaatssekretär Peter Allgeier trug keine Brille, als er vor vier Wochen die Erfahrung mit der Torte im Gesicht machte. Allgeier wurde in Rio de Janeiro von einer wahren Kalorienbombe getroffen. Von Pistolenkugel, Handgranate und vom Schlag getroffen zu werden, dergleichen liest man tagtäglich. Aber die Tortung ist dann doch etwas, auf das man nicht vorbereitet ist. Allgeier nicht, dem auch seine Bodyguards nichts nützten. Und auch uns hat die Meldung kalt erwischt. In Zukunft wollen wir derlei Anschläge besser einordnen können: Was hat es auf sich mit den Zuckerbäckerextremisten?

Der Allgeier-Attentäter, meldeten die Agenturen, bezeichnet sich selbst als Mitglied der Organisation Konditoren ohne Grenzen. Konditoren? Hört sich zunächst harmlos an. Nach dicken Männern in weißen Schürzen und mit hohen Hauben über gütig blickenden Augen. Obwohl das „ohne Grenzen“ sogar den Zuckerbäckern einen Zug ins Anarchische gibt. Wer weiß, was diese Herren so alles treiben, wenn es keine Grenzen gibt, die sie achten? Offensichtlich werfen sie Torten durch die Gegend, auf herausragende Vertreter der Wirtschaft. Eine weltumspannende Vereinigung subversiver Kuchenbäcker?

Genaues wissen wir nicht. Aber die Tortenschleuderer interessieren uns. Wir werden ein klein wenig buttercremerünstig. Es muss Spaß machen, so ein süßes Kunstwerk durch die Luft zu katapultieren. Es muss sich nach Macht anfühlen. Ein letztes Mal eine Cocktailkirsche zurechtrücken, das Opfer ins Visier nehmen, ausholen und dann ab mit der süßen Munition Richtung Feind, der uns gerade so wunderbar die Stirn bietet.

Wenn wir länger darüber nachdenken, muss es sogar Spaß machen, so etwas weiches Weißes ins Gesicht zu bekommen. Schon als Kind wollten wir immer mit der flachen Hand auf die glatt gestrichene Fläche des Geburtstagskuchens patschen. Fast unwiderstehlich war der Drang. Wir suchen also die Nähe der Tortenterroristen, wir wollen dort sein, wo die Eierlikörtorte durch den Saal segelt. Und sei es, um von ihr getroffen zu werden.

Wolfgang Stoffenberger ist ein kundiger Mann. Der Geschäftsführer der Berliner Konditoreninnung weiß zwar nichts von Tortenschleuderern und unfreiwilligen Gesichtsmasken aus französischer Creme. Aber er hält etwas auf seinen Berufsstand und sagt stolz: „Ja natürlich, der Beruf ist ohne Grenzen!“ Dass das mit dem Tortenessen schadhaft für die schlanke Linie sei und fürs Herz und die Zähne und dass eine Torte im Gesicht vielleicht weniger Schaden anrichten könne als im Magen, davon möchte der tortenkundige Wolfgang Stoffenberger gar nichts wissen. Das Wort „Sünde“ behagt ihm nicht. Schaumige Köstlichkeiten verteidigt er väterlich: „Wenn Sie eine Gewürzgurke essen, haben Sie so viel Zucker zu sich genommen, wie sie in einem ganzen Stück Obsttorte nicht finden.“ Jaja, die Obsttorte muss herhalten, wenn es um die Rettung der Standesehre geht.

Aber Stoffenberger will auch auf all die anderen Torten nichts kommen lassen. Torten sollen auf der Zunge zergehen, nicht am Wangenknochen zerschellen, findet er. Wenn einem Computermilliardäre oder Handelsstaatssekretäre auf die Nerven gingen, weiß Stoffenberger ein seiner Meinung nach viel effektiveres Mittel zur Unmutsbekundung: „Da nimmt man eher einen Knüppel und verhaut sie, das ist vielleicht wirkungsvoller.“ Stoffenberger lacht, vielleicht ist er etwas erschrocken über seinen rabiaten Vorschlag, den Feinden lieber Saures als Süßes zu geben.

Die dunkle Fantasie des grenzenlosen, aber nicht Torten werfenden Konditors bringt uns den Hasadeuren der Tortung und unserem Kindheitstraum kein Stück näher. Auch die Nachfrage bei den Reportern ohne Grenzen, die in ihrer Grenzenlosigkeit ja auch einmal auf die Kuchenwerfer gestoßen sein könnten, und beim globalisierungskritischen Netzwerk Attac bleibt erfolglos. Attac-Mitarbeiter Boris Friele aus Berlin ermuntert uns lediglich, am Ball zu bleiben. „Es hat etwas Dekadentes. Aber an sich finde ich die Idee nicht schlecht“, sagt er. Auch er hat Buttercreme geleckt, seine Stimme bebt ein wenig.

Motiviert begeben wir uns auf die Reise durchs Internet. Im fernen Kalifornien stoßen wir auf eine Spur der Tortisten. „Biotic Bakery Brigade“ (BBB) nennen sich die unerschrockenen Zuckerbäcker, die sich 1998 in San Francisco gegründet haben. Inspiriert durch den Zapatistenaufstand unter Subcomandante Marcos, entschlossen sich dort mehrere Künstler und Aktivisten, zum aktiven Widerstand gegen Umweltzerstörung und ungleiche Verteilung des Reichtums auf der Welt überzugehen.

Von fachkundigen Bäckern aus der Umgebung unterstützt, bildeten sie ein Netz mit so klingenden Namen wie Agent Chocolate, Agent Apple oder Agent Coconutcream. Seit nunmehr fünf Jahren schleudern die Tortenagenten, die meist in Umwelt-, Menschenrechts- oder Frauenorganisationen Protesterfahrung gesammelt haben, Selbstgebackenes in Gesichter von „Repräsentanten des politischen und wirtschaftlichen Systems, das die Ausbeutung des Planeten und seiner Menschen betreibt“. Auf die Idee mit der Torte als Wurfgeschoss, mailt uns Agent Apple aus den USA, kamen sie aus ganz eigennützigen Überlegungen: „Wenn wir nicht dazu kommen, alle Torten zu werfen, haben wir ein wundervolles Dessert für zu Hause.“

Zur Zielscheibe nicht nur ihrer Kritik, sondern auch ihrer essbaren Wurfgeschosse wurden in den vergangenen Jahren zum Beispiel der holländische Finanzminister Gerrit Zalm, der kanadische Premierminister Jean Chrétien oder San Franciscos Bürgermeister Willie Brown. Die überwiegende Mehrheit der Opfer, sagt Agent Apple, seien weiß und männlich. „Das“, schreibt sie, „sagt schon viel aus über das Wesen von Macht in unserer Gesellschaft.“ Und über die Feindwahrnehmung der Tortenschleuderer.

Der Hauptsitz des Feingebäckkommandos befindet sich dort, wo einst die erste Kuchenbombe der BBB flog, in San Franciso. Mittlerweile hat die Biotic Bakery Brigade aber auch in Europa Brüder im Geiste. So entschloss sich im Februar 2000 in der Sachertortenstadt Wien ein Bürger, seine erste Tortung vorzunehmen. Während eines Fernsehinterviews mit Hilmar Kabas, Wiener Chef der rechtspopulistischen FPÖ, ging der Tortenattentäter in spe in ein Kaffeehaus und kaufte eine Schokoladentorte, die er anschließend vor laufender Kamera im Gesicht des Politikers platzierte.

Der öffentliche Tortenbewurf trägt mitunter auch persönliche, speziell auf den Bezichtigten abgestimmte Züge. So bekam Robert Shapiro, Vorsitzender von Monsanto, des größten Biogenetikunternehmens in den USA, eine Tofucremetorte ins verblüffte Antlitz, das Wiener Gebäckgeschoss für Kabas war braun.

In Wien – der Stadt, von der wir manchmal glauben, dass sie aus einem einzigen riesigen Kaffeehaus besteht – würden wir gerne mal einer Tortung beiwohnen. Aber wir werden enttäuscht. Zwar habe die Schlagobersstadt an der Donau ihren einzigen Tortenanarchisten nicht verloren, meint zumindest Agent Apple von der Tortungszentrale in San Francisco, doch einen Kontakt kann sie uns nicht vermitteln: „Seit der Tortung des Faschisten Hilmar Kabas operiert er im Untergrund.“ Wir müssen also weitersuchen.

Die Biscuitspur führt uns nach Belgien. Dort ist der 58 Jahre alte Tortenanarchist Noël Godin, Kopf der „Patissiers sans frontières“, schon seit 34 Jahren aktiv. Er verschwendet seine schaumigen Wurfgeschosse, wie er sagt, nur an „große Fische oder Großwild“. Besonders stolz ist er darauf, dass er einmal Bill Gates getroffen hat. Mit Torten. Im Gesicht. Also eigentlich war es nicht Godin selbst, der Gates eine ganze Törtchenarmada ins Antlitz schmetterte. Aber es war seine Idee.

Sage und schreibe 25 süße Kreationen bildeten damals in Brüssel eine Flugstaffel, aber nur vier davon erreichten auch ihr Ziel. Gates erfüllte die Kriterien zur Tortung geradezu mustergültig: Er ist unvorstellbar reich und mächtig, und er unterstützt Godins Meinung nach den kapitalistischen Status quo, ohne wirklich über dessen Konsequenzen nachzudenken.

Mitglieder der Tortenarmeefraktion überall auf der Welt bezeichnen sich selbst als Pazifisten. Sie wollen, darauf legen sie Wert, ihren Opfern nicht wehtun. Nur in ihrem Stolz sollen sie verletzt werden, nicht an Leib und Leben. Sie sehen den Tortenwurf nicht als feindlichen Angriff, sondern eher als Form der Kommunikation und des Slapsticks. Als Letztere hat das Tortenwerfen eine lange Tradition. Jerry Lewis, die Marx Brothers oder Laurel & Hardy haben es vorgemacht. Auch sie waren Komiker der Anarchie.

Wenn bei Dick und Doof eine Torte durch die Gegend fliegt, dann soll das nicht nur lustig sein, sondern auch zeigen, wie sehr die Welt, in der sie sich bewegen, aus den Fugen geraten ist. Satire als letzte Waffe der Besitzlosen gegen Ungerechtigkeit und Machtkonzentration? Vielleicht. Manchmal hat man den Eindruck, dass es den Gebäckgranateuren einfach Spaß bereitet, in das verdutzte Gesicht eines sahneverschmierten Multimilliardärs zu blicken.

Uns würde das auch Spaß machen. Agent Apple schreibt uns, dass auch das Getroffenwerden eine erfreuliche Erfahrung ist: „Mein einziger Wunsch ist immer, eine leckere gesunde Torte ins Gesicht zu bekommen, damit ich danach davon naschen kann.“ Auch am Tortenbacken könnten wir bei solch spannenden Begleiterscheinungen direkt Spaß gewinnen. Wir wüssten da auch einige Rezepte. Die Rumbombe für Waffenexporteure, die Amrumer Wattwurmtorte für große Thunfischhandelsketten, eine Kir-Royal-Torte für arrogante Journalistenkollegen und auch für die Affentorte mit Bananen und Vanillecreme ließe sich sicher ein Zielobjekt finden. Aber wo und an welchem Tag nächstmals ein Käsekuchen durch die Luft geschleudert wird, kann man nie wissen. Wir können uns nur darauf vorbereiten. Damit wir gewappnet sind, wenn es einmal Ernst wird.

Im Internet stoßen wir unter www.bildschirmschoner.de/savers/content/DContent0008.html auf eine virtuelle Trainingsmöglichkeit. Bill Gates grinst uns vom Bildschirm aus an, und wir können ihm per Knopfdruck eine Torte ins perplexe Gesicht schleudern. Lustig ist das. Aber der Drang, einmal bei einer realen Tortung dabei zu sein, bleibt. Wir nehmen uns vor, uns in Zukunft nur noch in der Nähe von Wirtschaftsgrößen aufzuhalten. Und wenn uns dabei einmal versehentlich ein Puddingtörtchen trifft, werden wir es mit Humor und Appetit nehmen.

Wie der französische Regisseur Jean Luc Godard. Als er 1985 auf dem Filmfestival in Cannes von Godin getortet wurde (weil seine Filme für die gehobenen Ansprüche des Tortenterroristen „zu kommerziell“ geworden waren), währte seine Verblüffung darüber nur einen Augenblick. Dann nahm er langsam seine sahneverschmierte Zigarre aus dem Mund und naschte genüsslich davon. Man sagt, er sei nie mehr in eine Tortenschlacht verwickelt worden.

CLAUDIA LEHNEN, taz.mag-Praktikantin, wird in einer Woche 25. Das taz.mag-Team sichtet schon mal süße Rezepte …