Norbert Bisky-Ausstellung im Haus am Waldsee: Armageddon in Zehlendorf
Sakralkunst einer Überflussgesellschaft am Abgrund: Die Ausstellung "Ich wars nicht" zeigt Norbert Bisky. Seine Bilderwelt hat sich zu ihrem Vortei verdunkelt.
Man kann, wie die Kuratorin, von Auslassungen sprechen oder, wie der Künstler, von Freistellen in Weiß. Die meisten werden bei der milchigen Substanz, die sich hier über Jungengesichter ergießt, allerdings an gewaltige Sperma-Fontänen denken. Auf seinen neueren Bildern lässt Norbert Bisky die Körpersäfte fließen: Es wird gespritzt, gepisst, geblutet, gekotzt. So zeigt "Sputum" einen Mann, aus dessen Mund sich ein riesiger Schwall ergießt. Sputum, das ist Auswurf, in den sich Speichel, Eiter und Blut mischen. Auf die rote Flut hat sich ein Schwarm weißer Möwen gestürzt. Vielleicht lässt sich dieses Bild als Gleichnis für die Rolle des Künstlers lesen. Er kehrt sein Inneres nach außen und die Sammler streiten sich um die leckersten Brocken. Oder er wird von den gierigen Medien bestürmt, so wie es Bisky gerade ergeht. Zum x-ten Mal versuchen ihm Journalisten Statements über das Verhältnis zu Vater Lothar, seinem Fan Guido Westerwelle oder einer angeblichen Nähe zur Nazi-Ästhetik zu entlocken.
Dabei ist die Phase der blonden, blauäugigen Burschen längst abgeschlossen und der FDP-Chef hat schon lange keinen Bisky mehr gekauft. Ein Blick in die Ausstellung im Berliner Haus am Waldsee macht den radikalen Wandel im Werk des 37-Jährigen sofort klar. "Ich bins nicht" konzentriert sich auf Arbeiten der letzten zwei Jahre. Und die sind noch viel stärker als die Werke, die ihn bekannt machten. Sex und Gewalt - Themen, die früher eher latent anklangen - drängen jetzt mit Macht an die Oberflächen seiner Bilder, deren Formate manchmal fast die Räume der Zehlendorfer Villa sprengen. Auch ihr Kolorit hat sich verändert - von pastelligem Hellblau und Rosé zu kräftigen Rottönen, Nachtblau oder knalligem Pink.
Dabei hat sich Biskys Bilderwelt verdunkelt. Hier turnen keine Jungen Pioniere mehr durch Birkenwälder. Die neuen Untergangsszenarien spielen sich vor schwarzen Flächen und Gewitterhimmeln ab. Apokalypse now. Männer schlagen sich blutig. Herabstürzende Strommasten erinnern an riesige Kreuze. Zwei Jungen schieben eine letzte Nummer, während um sie herum die Häuser zusammenkrachen. Alles versinkt in einem Strudel aus blauer Farbe, über den ein Beach Boy hinwegsurft. "Armageddon" heißt dieses Gemälde. Nach dem biblischen Ort der letzten Schlacht zwischen Gut und Böse, dem Weltuntergang, den die Zeugen Jehovas beschwören - oder dem Actionreißer mit Bruce Willis. Das rätselhafte Bild lässt, wie die meisten gezeigten Arbeiten, viele Lesarten zu. Und es bedient sich bei den unterschiedlichsten Quellen. Die dramatischen Wolkenformationen des Barock, James Rosenquists Pop-Art-Panoramen, abstrakte Farbwirbel - all das fügt der Maler zu einer im wahrsten Sinne des Wortes mitreißenden Komposition.
"Bilder entstehen aus Bildern, nicht aus der Realität", lautet Biskys Credo. Deshalb kombiniert die Schau seine Arbeiten mit Werken von Künstlern, die ihn beeinflusst haben: sein Lehrer Georg Baselitz oder Katharina Grosse mit ihren schillernden Farbwolken. "Im Moment herrscht ein gewisser Geniekult", erklärt der Maler den Verzicht auf eine gängige Soloschau. "Man behauptet, Künstler würden aus sich heraus etwas schaffen. Um das zu brechen, zeigt die Ausstellung, dass sich das, was ich mache, aus einem großen Fluss von Bildern und Bezügen zu anderen Künstlern speist." Tatsächlich lassen sich Berührungspunkte entdecken: die ausgesparten Passagen in der Zeichnung von Jim Dine etwa.
Was auffällt, sind wiederkehrende Referenzen an die christliche Ikonografie. Nicht umsonst ist ein Bildband zur Geschichte der italienische Malerei eine von Biskys wichtigsten Inspirationsquellen. Ekstatisch wie Berninis heilige Theresa empfängt eine Frau ihre "Sendung", so der Bildtitel. Himmlische Flammen treffen auf ihre nackten Brüste. Junge Männer tragen Kreuze wie in der Passionsgeschichte. Die biblische Judith mutiert zu einer "Torera" in Sportswear, die gleich zwei abgeschlagene Köpfe präsentiert. "Alle meine Arbeiten haben etwas mit Religion zu tun", sagt der Maler. Auch der Kommunismus, mit dessen Ikonen er sich früher auseinandersetzte, versprach ja das Paradies. Jetzt benutzt er die Propagandabilder der katholischen Kirche. Und deren Schöpfer wussten ganz genau, wie sie ihre Geschichten möglichst effektvoll in Szene setzen konnten. Biskys neue Arbeiten erweisen sich als die Sakralkunst einer Überflussgesellschaft am Abgrund. Auf einem Gemälde kniet sein "Riecher" hinter einem wahren Berg poppig-bunter Sneaker und schnüffelt noch mit seligem Lächeln an seinem Schuh-Fetisch. Vielleicht wird aber auch sein Kopf schon bald fallen. Das Ende ist nah.
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