Rot, grün, blau

Fernsehtestbilder? Gibt’s doch gar nicht mehr. Falsch. Man muss nur wissen, wo man suchen muss. Und man braucht die richtige Satellitenschüssel. Eine, wie Uwe Alberti sie hat. Der sammelt die Bilder mit den Balken

Wenn früher etwas mit dem Fernseher nicht in Ordnung war, kam immer Herr Schütte vorbei. Zumindest bei meinen Eltern. An so viel erinnere ich mich. Auch, wie Herr Schütte dann nach vorne gebeugt vor der Mattscheibe stand, mit dem rechten Arm irgendwie an der Zimmerantenne herumfummelnd, mit der linken Hand kleine Knöpfe drehend. Und auf der Mattscheibe dieser Kreis, bunte Balken, ein Liniengitter und ein Frequenzfächer – das Testbild.

Das war in den Siebzigern. Die Zeit, als die drei westdeutschen Fernsehprogramme erst nachmittags auf Sendung gingen und meist schon vor Mitternacht den Betrieb wieder einstellten. Die Zeit dazwischen wurde zwar auch gesendet: aber eben nur das Testbild. Jeder Sender hatte sein eigenes.

Was Herr Schütte für meine Eltern in Bremen war, das war Uwe Alberti ein paar Jahre später für die Menschen im thüringischen Apolda. 1977 nimmt Alberti eine Lehre zum Rundfunk- und Fernsehmechaniker auf. Und lernt, wie man Fernseher einstellt. So, dass alle Farben korrekt sind. Dass die drei Farben rot, grün und blau an allen Punkten des Bildschirms übereinanderliegen. Dass es keine Verzerrungen gibt. Dafür braucht man ein Testbild. Auch in der DDR.

Weil aber in der DDR die Testbilder so schlecht sind (der Kreis zu klein, die Farben zu schwach), bedient man sich in Apolda gerne kapitalistischer Anleihen. „Einige Sender bekamen wir immer rein, das dritte Programm aus Hessen oder Nord III“, erinnert sich Alberti. Manchmal aber sorgen „Überreichweiten“ dafür, dass auch entferntere Sender zu empfangen sind – mitsamt ihren Testbildern. Etwa der SFB aus Westberlin.

Als dies zum ersten Mal passiert, ist Alberti aus dem Häuschen. Wie ein junge Briefmarkensammler, der zum ersten Mal Post aus Übersee bekommt. Alberti greift zur Kamera und fotografiert das SFB-Testbild ab. Schwarzweiß, damit er es selbst entwickeln kann. Damit fängt es an. Schnell kommt der WDR dazu, wenn auch leicht verschneit, dann ein dänisches Programm und auch die Russen, die für ihre dreißig Kilometer von Apolda entfernt stationierten Soldaten senden.

Noch heute hat Alberti diese Fotos. Sie sind Teil eines Stapels, der inzwischen auf rund sechshundert Aufnahmen angewachsen ist. Längst sind die meisten in Farbe. Aus ganz Europa und dem nördlichen Afrika. Wer den Stapel durchblättert, ist überrascht, auf wie viele Arten man acht Farbbalken, die Grautreppe, einen Kreis und ein Liniennetz anordnen kann.

Aber die Papierabzüge sind nur der kleinere Teil von Albertis Sammlung. Seit auch digital gesendet wird, speichert er Testbilder direkt über seinen PC ab. Zirka 1.300 Files hat er in seiner Datenbank abgelegt. Für den Empfang der Bilder aus aller Welt sorgen zwei Satellitenschüsseln auf seinem Dach, eine davon frei schwenkbar. Allein mit der fest eingestellten empfängt er über die Satelliten Eutelsat und Astra digital rund 1.200 Programme, davon 350 unverschlüsselt.

Der Bildschirmschoner des Sammlers ist ein Patchwork aus kleinen Sendeausschnitten aus aller Welt – ein Suchprogramm ruft die Bilder aktuell vom Satelliten ab. So sieht Alberti sofort, wenn irgendwo gerade ein Testbild läuft und kann es abspeichern. Das irakische Fernsehen etwa sendete auch nach dem Krieg noch für einige Zeit nur einen bunten Farbbalken.

Heute ist jeder neue Fernseher schon ab Werk so eingestellt, dass in der Regel kein Fernsehmechaniker mehr in die Wohnung kommen muss, um ein Gerät anhand eines Testbilds einzustellen. Mit welchem Testbild auch? Alle Programme senden ja pausenlos andere Dinge. Trotzdem gibt es sie noch, auch wenn der normale Zuschauer keine mehr zu Gesicht bekommt. Die Firma Rohde & Schwarz in München etwa stellt Testbildgeneratoren her, mit denen sie sowohl TV-Sender als auch -hersteller versorgt, damit die sich ihre eigenen Testbilder basteln können. Denn so viel ist klar: Auch heute werden sie hinter den Kulissen noch benötigt. Zum Beispiel schickt ein mobiler Übertragungswagen vor einer Liveschaltung ein Testbild an den heimischen Sender. In solchen Momenten schlägt Alberti zu und greift diese Bilder schon mal aus dem Äther ab. Etwa als das Elbhochwasser war, vor Sportübertragungen oder auch vor Starts der Ariane in Kourou.

Die Leute von der ESA schicken Alberti sogar immer eine E-Mail, wenn ein Start und damit eine Übertragung bevorsteht. Mit der Zeit weiß man voneinander. Auch manche Sender kennen den Rundfunk- und Fernsehtechnikermeister mit dem besonderen Tick inzwischen. Pro 7 hat sogar mal ein eigens für Alberti aufbereitetes Testbild ausgestrahlt. „Für Uwe Alberti“ stand darauf. Nur für fünf Minuten zwar – aber immerhin, eine nette Geste. Ja, und manchmal, da gehen auch noch ganz reguläre Testbilder über den Sender. Bei TVR Bucuresti in Rumänien zum Beispiel. „Die senden noch eins, weil die kein Vollprogramm haben“, erläutert Alberti. Trotzdem ist der Mann aus Apolda mit den Rumänen nicht zufrieden: „Die haben gar keinen Kreis in ihrem Bild.“

Einer wie Alberti ist im Grunde kaum noch zu überraschen. Ostern aber war er dann doch sehr aufgeregt. Beim Durchscannen der Satellitenprogramme war da plötzlich dieses Testbild vom amerikanischen Programm der Deutschen Welle. So ein Bild hatte er noch nie gesehen. Gezackte Streifen, kleine Kreise, die in ihrem Muster eher an einen Fahrzeughersteller im Bayerischen erinnern. Alberti hat es sofort gespeichert, aber einen Reim auf das neue Outfit konnte er sich nicht machen.

Immerhin ist es keine Sammelleidenschaft, die viel Freizeit absorbiert. Klar, früher hat er manche Nacht vor dem Bildschirm gehangen, aber das ist vorbei. Alberti muss auf keine Szenetreffen oder Börsen reisen, um Raritäten zu tauschen. Im Grunde nimmt sein Hobby auch wenig Platz weg – wenn man einmal davon absieht, dass in seinem Haus fünf Fernseher stehen, was aber eher versorgungstechnische Gründe hat. Um an neue Objekte zu kommen, muss Alberti nur von Zeit zu Zeit einen Kontrollblick auf seine Suchroutine werfen.

Und bei Reisen eine Kamera mitführen. So wie neulich, als er in einem Düsseldorfer Hotelzimmer beim nächtlichen Zappen plötzlich auf ein zuvor nicht gekanntes niederländisches Testbild stieß. Längst arbeitet Alberti in solchen Momenten dann auch mit dem Farbfilm. Auch Freunde tun das inzwischen für ihn. Mitunter führt das zu irritierenden Situationen. Als ein Kumpel im Fernsehraum einer dänischen Fähre nächtens zur Kamera greift, um plötzlich ausgestrahlte Testbilder abzulichten, reagieren Mitreisende verstört.

Eine schlüssige Erklärung für seinen Sammelfimmel hat Alberti freilich nicht. Sinnierend verweist er auf seinen Urgroßvater Hugo Michel, Philatelisten als Vater der Briefmarkenkataloge bekannt. Ob Alberti auch mal einen Katalog herausgeben wird, ist eher ungewiss. Bisher kennt er kaum Leute mit demselben Hobby. In Wien, ja, da soll es noch jemanden geben. Mit dem hat er per E-Mail auch mal ein paar Bilder ausgetauscht. Aber sonst?