Das Empire ward gerettet

Großes Pop-Heldentum aus dem Geist der Schultheater-AG: British Sea Power aus Brighton hatten im Roten Salon ihre Hausaufgaben gut zusammengeklaut, bewiesen mit heiligem Ernst „Größe im Scheitern“ und zerlegten lärmend das sexuelle Insektenleben von Fjodor Dostojewski

Um kurz vor elf Ortszeit (Konzertbeginn: 21 Uhr) entschließen sich die letzten Überreste der britischen Seemacht dann doch noch, am Sonntagabend die mit reichlich Geäst und Laubwerk verzierte Bühne des Roten Salons zu betreten und den Pop zu retten.

Eine Stimme vom Band rezitiert analog verrauscht britisches Kulturerbe (Shakespeare? Miss Marple? Noel Coward? Fawlty Towers? – Keine Ahnung!); jemand mit einem Kranz aus grünen Blättern auf dem Kopf tritt aus der Abseite und bimmelt mit einem Glöckchen, um vier junge, na ja, Männer durch das gut besuchte Foyer auf die Bühne zu führen.

Die Gruppe British Sea Power (bitte ohne „The“!) erinnert dabei an die Theater AG einer Public School, einen Club der toten Dichter mit Halstuch und Schal, Pullunder und Seitenscheitel. Die Prozession wird abgerundet von einer Art Butler-Roadie mit einem Tropenhelm, der ganz formidabel auf die Pauke haut, die er vor sich her trägt. Selbstverständlich lacht niemand. Dann geht es los, mit a little „Fear Of Drowning“, aber gewaltig.

Wenig weiß man von der Band: Ihre Mitglieder heißen mit Vornamen Yan, Hamilton, Noble (sic!) und Wood (Schlagzeug). Zwei von ihnen betreiben angeblich einen Club in Brighton, das Sea Power. Ihr Debütalbum feiert die Wiedergeburt der englischen Gitarre, wurde in ebenso koketter wie weiser Voraussicht „The Decline of British Sea Power“ betitelt und verkaufte sich bei besten Kritiken bisher jämmerlich. Der Sänger und Songwriter (Yan) sieht ein wenig aus wie Tim Henman – „Tiny Tim“, jener brave englische Tennisprofi, der jedes Jahr Wimbledon gewinnen soll und regelmäßig im Halbfinale ausscheidet, um dann von der britischen Boulevard-Presse fertig gemacht zu werden („Zehn Gründe, warum Henman niemals Wimbledon gewinnen wird“).

Aber das alles macht ja nichts, solange man singen kann wie Bowie und Ferry zusammen und die Gitarre in die Weiten juveniler Sehnsüchte verweht wie einst bei Johnny Marr. Die Band hat ihre Hausaufgaben gut zusammengeklaut und beweist live „Größe im Scheitern“ (Bruce Springsteen, Daniel Küblböck). Lärmend wird das sexuelle Insektenleben von Fjodor Dostojewski zerlegt, während schmachtende Balladen wie „Carrion“ richtiggehend Hitqualitäten entwickeln. Dazu zeigt sich die Band ganz ergriffen vom eigenen Pathos der hallenden Rückkopplungen. Mit heiligem, also wahnsinnigem Ernst wirbeln sie wie kleine Hobbits über die Bühne, nichts ist ironisch, alles Pose. Kein Gerede mit dem Publikum, Hörerwünsche bleiben unerfüllt.

„Remember me!“, grölt der beidhändig trinkende Brite mit der Buchhalterbrille neben mir immer wieder einen Songtitel wie den Namen seiner Lieblingsmannschaft nach vorne und reckt begeistert das Weizenbier und den Whiskey-Cola in die Höhe. Vergebens. British Sea Power wissen, dass die besten Lieder ungespielt bleiben müssen, so auch das grandiose „The Lonely“ mit der besten Strophe des gerade vergangenen Sommers („I drink all day/ And play by night/ Upon my Casio electric piano …“).

Zum furiosen Finale, einer gewaltigen Gitarren-Rückkopplungs-Orgie, zieht dann noch mal der Trommler mit dem Tropenhelm durchs Publikum, frenetisch gefeiert vom britischen Weizentrinker. Die Wald-Deko und die ausgestopften Vögel werden von der Bühnenwand gerissen, der Gitarrist (Noble?) steckt seinen Kopf in die Pauke und haut mit beiden Händen enthemmt drauf.

Nach handgestoppten fünfzig Minuten verlässt die britische Seemacht, verlassen Yan, Hamilton, Noble und Wood erschöpft, aber gemessenen Schrittes den Saal. Keine Zugabe, vom Band fragen die Strokes „Is this it?“ (Ja!) Das Empire ward gerettet, Wimbledon bleibt verloren. Fiepen in den Ohren.