nebensachen aus kairo

Menschenleben im Nahen Osten sind billig

Für Ayya und Rick

Eigentlich wollte ich in mein Kairoer Büro fahren, um eine nette bunte Geschichte aus meiner Weltgegend zu schreiben. Vielleicht einmal wieder einen Artikel über Kairos Verkehrspolizei bei ihrem hoffnungslosen Unterfangen, die ägyptische Straßenverkehrsordnung durchzusetzen.

Doch dann traf ich vor unserem Haus Ahmad, den Pförtner. Kummervoll saß er in seiner blauen Gallabeya, der ägyptischen Bauerntracht, auf dem Randstein und starrte ins Leere. Gestern ist seine vierjährige Enkelin Ayya gestorben. Eine Stunde nach einer Polioimpfung hatte sie auf der Straße mit anderen Kindern gespielt und war plötzlich umgefallen: Herzstillstand. Hatte der Arzt ihr aus Versehen ein falsches Präparat oder eine zu hohe Dosis verabreicht? „Gott hat sie zu sich genommen“, lautet Ahmads einfache Antwort. Er weiß, dass Nachfragen für jemanden seines sozialen Status sinnlos ist.

Menschenleben im Nahen Osten sind billig, anders als im Westen. Beeindruckend waren die Gedenkfeierlichkeiten am 11. September in New York, als die verwaisten Kinder die Namen ihrer fast dreitausend verstorbenen Väter und Mütter vorlasen – eine einfache emotionale Zeremonie. Wer aber liest die Namen jener vor, die in Afghanistan und Irak gestorben sind – alleine im Irakkrieg wahrscheinlich mehr als 3.000 Zivilisten. Wenn heute vom Irak die Rede ist, dann über Stromversorgung oder die chaotische Sicherheitslage. Die Toten des Krieges waren schon Tage nach Kriegsende kein Thema mehr.

Und es geht weiter. Die despotischen arabischen Regime haben sich eingegraben, Israels Regierung glaubt, dass die Besatzung des Westjordanlandes und des Gaza-Streifens mit der Ausweisung Arafats einfacher durchzusetzen sei, die US-Amerikaner versuchen weiterhin dilettantisch ihre „Nachherrschaft“ im Irak durchzusetzen, und die heiligen Krieger der Region bereiten sich eifrig auf ihren nächsten Schlag vor.

Es scheint, als ob dem Nahen Osten der Boden unter den Füßen weggezogen wird und kaum jemand sich heute vorstellen kann, was darunter liegt.

Rick Hooper war ein guter Freund. Wo immer auf der Welt sich der unter Kofi Annan arbeitende UNO-Beamte aufhielt, nach der Geburt jedes meiner zwei Kinder kam er angereist, um persönlich zu gratulieren. Der Amerikaner liebte die arabische Welt, sprach fließend Arabisch und arbeitete in der UN-Hierarchie seit über einem Jahrzehnt in zwölfstündigen Arbeitstagen wie Sisyphos daran, die Konflikte im Nahen Osten friedlich, gerecht und ohne Waffengewalt zu lösen. In einer Woche wäre er vierzig Jahre alt geworden, wäre er nicht letzten Monat im UN-Gebäude in Bagdad von einer Bombe zerrissen worden.

Ayya ist gestorben, bevor sie für ihre Rechte kämpfen konnte. Rick, weil er ausgerechnet von denen in die Luft gejagt wurde, deren Rechte er verteidigen wollte. Das ist die Tragik der Region, in der Besatzer, heilige Krieger, Despoten und Armut täglich für neue Dramen sorgen. KARIM EL-GAWHARY