„Schichten der Erinnerung“ – Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg initiiert eine künstlerische Spurensuche auf der Veddel

Unter den Staub geschaut

Für mehr als fünf Millionen Menschen war Hamburg in den Jahren 1850 bis 1934 eine Station auf dem Weg in ein besseres Leben. Aus ganz Europa kamen die Auswanderer; die größte Gruppe bildeten osteuropäische Juden, die vor Pogromen flohen. Anfangs waren die Hamburger skeptisch. Doch schnell erkannten die Reeder das Geschäft mit den Auswanderern. Hamburgs Aufstieg ging Hand in Hand mit dem der HAPAG; es wurden Bedingungen für die Überfahrt festgelegt, und aus Angst vor Seuchen baute die HAPAG 1901 eine Auswandererstadt auf der Veddel. Hier konnten ab 1906 rund 5.000 Menschen untergebracht werden, und es gab dort nicht nur Unterkünfte, sondern auch Kirchen, Synagogen, ein Hotel und einen Musikpavillon.

Das Relikt der Auswandererstadt, ein flaches, grau-weißes Gebäude nahe der S-Bahn-Station Veddel, ist versteckt hinter dichtem Gebüsch und wirkt verschlafen wie ein Dornröschenschloss. Kaum vorstellbar, dass hier vor 100 Jahren eine kleine Stadt gewesen sein soll, Zufluchtsort und Herberge auf Zeit für Tausende Menschen.

Hier begaben sich zwei Künstler, Werner Schaarmann aus Hamburg und Nils Grossien aus New York, auf Initiative der Geschichtswerkstatt Wilhemsburg Mitte August auf eine archäologisch-künstlerische Spurensuche; sie wollen „den Geist des Ortes unter dem Staub sichtbar machen“. Kein leichtes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass die Baracken ihre Funktion permanent verändert haben: Bis in die dreißiger Jahre waren es Auswandererunterkünfte, ab 1934 ein Kriegsgefangenenlager. Ein Teil der Gebäude musste einer Reichsstraße weichen, die Überreste wurden nach dem Zweiten Weltkrieg als Flüchtlingslager genutzt. Heute sieht man auf den ersten Blick nur die Reste einer Truckerherberge aus den Sechzigern und Überbleibsel eines portugiesischen Restaurants (Foto). Als einstiger Stammgast beschäftigte sich Schaarmann schon länger mit den Besonderheiten des Ortes: „Ich fand es faszinierend, in einem Haus zu sitzen, das eine ganz andere Geschichte hat“, sagt er.

Doch wo soll man anfangen? Für Schaarmann war das klar: Direkt unter seinem ehemaligen Stammplatz begann er die Linoleumfliesen abzutragen. Er will die Spuren der Vergangenheit erforschen, widmet sich aber auch der Gegenwart des Ortes. So sieht man von einer modernen Holzvertäfelung gerahmte Ausschnitte in der Wand, die Schicht für Schicht farbenprächtige Wandbemalungen freigeben. Schaarmann fühlt sich wie ein Forscher im antiken Pompeji, wenn er unter vielen Schichten blass-rötlichen Putz entdeckt, der an ein Fresco erinnert.

Der Mann fürs Grobe ist der New Yorker Künstler Nils Grossien. Mit Schaufel und Spaten begibt er sich auf Schatzsuche. In einer Halle sind seine Fundstücke drapiert und auf Fotos gebannt. Neben rostigen Nägeln und Schuhen tauchen kleine Raritäten auf – eine Bierflasche aus dem Jahr 1900 oder eine alte Feile. Dabei bleibt es den Besuchern überlassen, aus welchem Blickwinkel sie die Fundstücke betrachten. Anregungen könnte der 2003 unter anderem auf Ellis Island gedrehte Kurzfilm Whose place is anyway der New Yorkerinnen Renate Aller und Beverly Peterson geben, der die Brücke zwischen Hamburg und New York schlägt.