Aus dem Bauch der Maschine

Blüten des Low-Budget-Films: Wenzel Storch, der Maniker aus Hildesheim, taucht mit „Die Reise ins Glück“ tief ins kollektive Unbewusste hinab. Schwarze Kappellen treffen auf Clementine, der Ich-Panzer ist ein Schneckenhaus, und das Begehren wird polymorph-pervers

Der König will nur ficken. Was soll er auch sonst tun in seinem Schloss, dass golden inmitten der Insel emporragt, zum Schrecken der Untertanen, deren Leben „nicht viel zählt auf diesem Eiland“?

Stöhnend lässt sich der gepuderte, mit einer Perücke versehene König von seinem hydraulischen Thron heruntergleiten, doch ficken darf am Ende nur ein weißes Kaninchen, das aus Versehen eine Art LSD-Trank gekostet hat – Vorwand für eine prachtvolle Bilderorgie mit tollen Verzerrungen, gefilmt aus der Sicht des Kaninchens.

An LSD, wahlweise auch an Crack ließ Wenzel Storchs Film Die Reise ins Glück auch die Kritiker beim Filmfestival in Montreal denken, ein Vergleich, der dem Regisseur gefallen dürfte. Wie in seinen beiden früheren Filmen hat der Mann aus Hildesheim auch in „Die Reise ins Glück“ gar nicht erst versucht, die katastrophalen Produktionsbedingungen zu verschleiern. Die Darsteller sind allesamt Laienschauspieler, die Synchronisation ist mangelhaft, und die Bilder wackeln wie in den Urzeiten des Kinos, als die man noch von Hand kurbeln musste.

Und trotzdem ist Die Reise ins Glück wieder ein toller Film geworden. Schon allein das Gefährt, mit dem die Helden unterwegs sind, spottet jeder Beschreibung. Es ist ein riesiges, beleuchtetes Schneckenschiff, in dessen Maschinenraum vergessene Roboter herumirren, während der Kapitän Gustav, ein Sachse mit gemütlichem Schnauzer, Sex in einem Taucheranzug von Blohm & Voss hat.

Die Verbindung von Schrott und lebenden Körpern ist eines der Leitmotive im Film, dessen Kulissen über die Leinwand hinaus zu wuchern scheinen. Die Höllenmaschinen und Labyrinthe des Wenzelschen Universums saugen die Protagonisten auf; diese werden zur Staffage, eingebettet in ein Ensemble, das größer ist als sie.

Der Ausstieg aus dem Schneckenschiff ist darum mehr nur metaphorisch. Während die Schiffsmannschaft, die verdammte Ähnlichkeit mit dem Nazi-Bild einer „Negerkapelle“ hat, an Bord bleiben muss, rückt die Familienkonstellation Kapitän-Weib-Kinder aus und begegnet ihrem Unbewussten.

Das Verdrängte ist dabei so erschreckend wie banal. Im Wald lauern hässliche alte Frauen, die lüstern die Röcke heben, in einem engen, stickigen Waschraum schneidet die freundliche, weiß beschürzte Clementine aus der Fernsehwerbung Köpfe auf und wäscht die Gehirne. Andererseits ist dieser Waschraum derselbe, in dem vorher die Minister des Königs auf dem Klo hocken, wie überhaupt ausgiebig gepinkelt und gekotzt wird.

Nicht umsonst besteht das halbe Personal des Films aus Tieren (der Bär wird sogar von Harry Rowohlt gesprochen), die Lust an der Regression ist unübersehbar. Trotzdem ist Die Reise ins Glück nicht albern. Eher geht es um das Spiel mit den Grenzen, Mensch/Tier, tot/lebendig und eben auch Ekel/Lust. Storch Wenzels dritter Film, das sind tausend Verweise und kein Ende. Das jahrelange Drehen in einer heruntergekommenen Hildesheimer Lagerhalle hat sich gelohnt.