Satan in der Hypophyse

Die Frauen, die Träume, die Moral und die ehernen Werte: Botho Strauß wagt sich mit „Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich“ an eine stringente Erzählung, hat aber wie gewohnt fixe Momentaufnahmen und Reflexionen, dionysische Anwandlungen und misanthropische Klagelaute im Programm

von JÜRGEN BERGER

Bestimmte Fragen stellt man sich doch immer wieder. Was hat er wohl seit dem letzten Mal gelesen und welche Missstände der Moderne geißelt er dieses Mal? Wird er sich mit Reproduktionstechnologien beschäftigen, oder einmal mehr mit antimodernistischen Tiraden aufwarten, wie man das seit 1993 und dem „Anschwellenden Bocksgesang“ kennt? Damals wurde Botho Strauß zum Ideologen eines gegen Massenphänomene gerichteten Elitedenkens. Als er für sein wirres Elaborat kritisiert wurde, bestrafte er die Gemeinde mit der Uckermark und einem Essay-Band. Sowohl der Rückzug ins Idyllische als auch „Die Fehler des Kopisten“ trugen eher regressive Züge. Seitdem wissen wir, dass Strauß einen Sohn hat, sich zeitweilig mit einschlägiger Literatur zum neuesten Stand der Hirnforschung eindeckt und davon ausgeht, jedes Tabu sei besser als ein zerstörtes. Zwischenzeitlich schrieb er eher Theaterstücke, steuerte zum Jahrtausendwechsel mit „Das Partikular“ allerdings weitere Essay-Prosa einer fragmentierten Welt bei.

Fragmentierung ist auch jetzt das Stichwort für ein Prosastück, dem Strauß den Titel „Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich“ gab und in dem er sich weiter ins Erzählerische vorwagt, als wir das bei ihm gewohnt sind. Da gibt es zwar noch Momentaufnahmen und Reflexionen, dionysische Anwandlungen und misanthropische Klagelaute. Auf hunderfünfzig Prosaseiten versucht Botho Strauß aber auch eine durchgängige Geschichte zu erzählen. Man hat den Eindruck, er habe sich vom brutalstmöglichen Verriss seines ersten Romans „Der junge Mann“ (1984) durch Marcel Reich-Ranicki erholt und starte nun einen etwas verschämten zweiten Romanversuch mit einem Icherzähler, dessen Namen wir nicht erfahren. Der Mann ist um die fünfzig, hat die für Strauß üblichen Probleme mit Frauen und bewegt sich in einer Stadt, die sich in Richtung eines Kältetodes entwickelt.

Menschenhüllen leben aneinander vorbei. Mittendrin bewegt sich der Mann, dem derart viele und in der Regel auch überaus willige Frauen begegnen, dass Männer in den Wechseljahren träumerisch seufzen und angeregt weiterlesen werden. Da ist zum Beispiel das magere Mädchen Clorinde mit grünem Punkhaar, bleicher Haut und verwischtem „Lidschwarz“. Auf einer Bank legt sie tatsächlich den Kopf in den Schoß des Mannes und quasselt los, worauf er unter ihrem Polohemd „mit dem Finger über die dunklen Brustpfröpchen“ streicht. Abgesehen davon, dass man über den poetischen Mehrwert von „Brustpfröpchen“ streiten kann, ist das eine der Stellen, die zeigt, wie dem Erzähler Botho immer wieder der Essayist Strauß in die Quere kommt. Kaum ist die Szene entfaltet und reagiert das Mädchen ungerührt auf die taktile Stimulation, mutiert der Icherzähler zum Analysten der Frau im Schoße. Strauß ist einmal mehr ein Frauenbeobachter, der das unbekannte Wesen wie ein Kolonialist betrachtet und seiner Kolonie irgendwann wohl auch mitteleuropäische Geistesgröße näher bringen will. Gleichzeitig wird er aber magisch vom schwarzen Herzen der Frauenfinsternis angezogen.

Das andere Gesicht des Mannes zeigt sich, geht es um Gattin Julia. Da pocht in ihm ein finstres Herz, als habe er für sie nur Verachtung übrig. Geht es um Alice, wird der Mann zum Träumer und Alice zur Chimäre, die für den Seitensprung an sich steht. Gleichzeitig ist sie aber auch ein Anlass zur Rückbesinnung: Der Mann weiß, dass er als Romeo keinen Blumenstrauß mehr gewinnen kann, und will seine Julia im Prinzip nicht verlassen.

In einer zentralen Szene geht Strauß einen Schritt weiter und lässt den Mann einen dritten Frühling mit der Gattin erleben. Beide sind zu Gast bei einem Ehepaar. Er war Endokrinologe, ist jetzt aber Wissenschaftsjournalist. Sie forscht immer noch als „Verhaltensendokrinologin“. Es gibt Ricotta-Ravioli und von der Frau des Hauses, der korpulenten Susanne von Braun, wohl auch einen Schuss jenes Hormons ins Essen, das aus dem müden Gatten einen frisch Verliebten macht. War Julia dem Mann gerade noch „widerlich wie eine verdorbene Speise“, folgt im nächsten Moment „Satans Durchbruch in die Hypophyse“ und ein Gefühlsschwenk, nach dem er für Julia nichts als „sexuelle Herzenswärme“ empfindet.

Das ist eine der stärksten Passagen. Strauß streut scheinbar mühelos weitergehende Reflexionen einer Brave New World hormonell manipulierter Menschen ein und macht deutlich, dass er sich in letzter Zeit verstärkt der Hormonforschung gewidmet hat. Dabei dürfte er auch auf Theresa L. Crenshaws populärwissenschaftliches „Die Alchemie von Liebe und Lust. Hormone steuern unser Liebesleben“ gestoßen sein. Crenshaws zentrale These: Wenn wir uns plötzlich verlieben, genauso schnell aber auch wieder entlieben, sind wir für die Fieberkurve der Liebe insofern nicht verantwortlich, als das Ganze durch minimale Veränderungen im individuellen Hormon-Cocktail gesteuert wird.

Nimmt man die behavioristische These ernst, hat das zumindest den Vorteil, dass man den Unschuldsengel spielen kann. Nicht ich bin schuld, die Hormone waren es! Einen Schuss davon hat auch Botho Strauß’ bekennender Altershedonist. Je mehr die Welt aus den Fugen gerät, umso heftiger zieht es ihn zum Weibe und in eine Traumwelt, in der alles besser sein könnte. Früher leitete er eine Agentur zur Vermittlung darstellender Künstler. Als das nicht mehr lief, sattelte er um auf Psycho-Schulung und trainierte da wohl auch „Grundmuster des Wortgefechts“ mit Alice. Auch das scheint nicht mehr zu funktionieren, also streift der Mann ziellos in der Stadt und in seinem Traumreich umher, schaut unter anderem in der Theaterkantine vorbei, trifft abends nach der Probe Sonja und steht einmal mehr zu seiner „Schwäche für ihre perfekte Körperarbeit, nicht nur auf der Bühne“.

An solchen Stellen sind die Zeilen mit einem Schuss Altmännerschweiß geölt. Es zeigt sich aber auch, dass jeder hedonistische Eskapismus seine Schattenseiten hat. Botho Strauß wäre nicht er selbst, garnierte er die Sehnsucht nach dionysischer Entgrenzung nicht mit einem moralischen Zeigefinger. Im Falle von „Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich“ erhebt der Finger sich in Form eines Traumbildes: Die Stadt, in der der Mann sich bewegt, geht an ihrer eigenen Gedankenlosigkeit zugrunde. Die Erinnerung daran, wie es sein sollte, borgt Strauß sich bei Lord Dunsany und dessen Erzählung „Idle days on the Yann“.

Dunsany starb 1957, war irischer Schachmeister, galt als „worst dressed man“ Irlands und wandelte als Erzähler und Dramatiker im Grenzgebiet zur Phantasy-Literatur. In seiner Erzählung geht es um Seemänner, die mit ihrem Schiff in einer Stadt ablegen, den Yann hinabfahren, alte, besänftigende Lieder singen und abends zu ihren ganz eigenen Göttern beten. Strauß zitiert eine längere Passage aus der Erzählung, in der die Rede davon ist, der Mensch solle sich „in tiefem Einvernehmen mit Riten und Zeremonien aus grauer Vorzeit“ bewegen. Warum er aber „Idle days on the Yann“ in „Idle days of the Yann“ abwandelt, wird wohl sein Geheimnis bleiben.

Der Leser darf sich trotzdem beruhigt zurücklehnen: Der altersmilde Strauß ist irgendwie doch der Alte geblieben und träumt zwischendurch von einer Welt, in der der Mensch noch Mensch sein darf, wenn er verloren geglaubte Werte und Tabus achtet.

Botho Strauß: „Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich“. Hanser Verlag, München 2003, 150 Seiten, 17,90 €