Tür an Tür mit dem Terror

aus Santiago INGO MALCHER

Es war ein bedrückendes Gefühl, sagt sie, als sie das erste Mal das Verteidigungsministerium betrat. Die Blicke waren feindselig, die Atmosphäre bedrohlich. Der Bau an der Avenida O’Higgins im Zentrum von Santiago erdrückt seine Besucher. 22 Stockwerke hoch, dicke Mauern, die Scheiben dunkel getönt – wie die Sonnenbrille von Augusto Pinochet. Damals stand sie in der geklinkerten Eingangshalle vor den Aufzügen. Die Militärs, an deren Folter ihr Vater gestorben war und die sie selbst ins Exil getrieben hatten, gingen hier ein und aus. Nur erkannt hätte sie vermutlich keinen von ihnen.

Heute sitzt sie an einem gediegenen Holztisch im 22. Stock des Gebäudes. Michelle Bachelet, 51, ist seit Januar vergangenen Jahres chilenische Verteidigungsministerin. Ihre Ernennung durch Präsident Ricardo Lagos war eine vierfache Provokation für die Militärs: Sie ist eine Frau, eine Sozialistin, Tochter eines zu Tode gefolterten Generals und – sie saß selbst im Kerker der Putschisten. Auch elf Jahre nach dem Ende der Diktatur war ihre Ernennung eine kleine Revolution. Denn das Militär ist noch immer ein Machtfaktor. Aber es war eine lautlose Revolution. Die Generäle waren besorgt, aber sie hielten still. Bachelet selbst hat ihre Ernennung wohl am wenigsten überrascht. Als Lagos sie anrief, um ihr den Ministerposten anzubieten, habe sie ihn gefragt: „Habe ich Zeit zu überlegen?“ – „Nein“, sei die Antwort gewesen. Sie willigte ein.

Das Militär ist ihr nicht fremd. Ihr Vater Alberto Bachelet war General der Luftwaffe, die Familie lebte in einer Armeesiedlung in Santiago. Michelle Bachelet war zum Zeitpunkt des Putsches eine junge Medizinstudentin und aktiv in der Jugendorganisation der Sozialistischen Partei. Ihr Vater war ein gesetzestreuer General, der sozialistische Präsident Salvador Allende laut Verfassung sein Oberkommandeur – und er respektierte ihn.

Heute sagt sie, dass sie im Vergleich zu anderen „priviligiert“ sei. „Ich lebe noch, ich bin Mutter, und ich konnte meinen Vater beerdigen.“ Für viele aus ihrer Generation ist das keine Selbstverständlichkeit. Es war am Morgen des 11. Septembers, als Alberto Bachelet etwas sah, das ihn beunruhigte. Auf dem Parkplatz der Siedlung stand kein Auto der anderen Generäle mehr. In den Tagen zuvor wurde überall in der Stadt gemunkelt, die Militärs würden einen Putschplan aushecken. Freunde riefen an und wollten wissen, ob Bachelet etwas gehört hatte, hatte er aber nicht. Doch der leere Parkplatz war kein gutes Zeichen. Alberto Bachelet beeilte sich, startete seinen Wagen und fuhr zum Präsidentenpalast La Moneda.

Michelle Bachelet war in der Nacht zuvor in der Universität geblieben. Im Radio hörte sie am Morgen: „Einheiten der Regimenter Guarida Vieja und Yungay haben sich mobil gemacht und sind auf dem Weg nach Santiago.“ Dann kam die Meldung, die Einheiten hätten die Moneda angegriffen. Kurz vor Mittag bombardierten Kampfflugzeuge den Palast, die Studenten beobachteten den Angriff vom Dach der medizinischen Fakultät. „Da wussten wir, es ist etwas Schlimmes geschehen“, sagt Bachelet.

Noch bevor die Flugzeuge abdrehten, verkündete der Putschist Roberto Guillard im Radio: „Die Streitkräfte haben zum Schutze des Volkes heute die Ordnung in Chile übernommen.“ Eine Ausgangssperre wurde verhängt. Bachelet und ihre Kommilitonen mussten in der Fakultät bleiben. Die Studenten vernichteten ihre Mitgliedsbücher der Sozialistischen Partei, rasierten sich die Bärte ab, um unverdächtig auszusehen.

Nach drei Tagen hoben die Putschisten die Ausgangssperre auf. Michelle Bachelet fuhr nach Hause. Ihr Vater war verschwunden. Alles was ihre Mutter wusste, war, dass er auf dem Weg zur Moneda gewesen sei. Sie wussten in diesem Moment nicht, dass er in den Lagern der Putschisten gefoltert wurde, dass er gezwungen wurde, stundenlang mit hinter dem Kopf verschränkten Armen stillzustehen, dass er Salzwasser bekam, wenn er um Wasser bat. Und dass die Militärs ihm einen Revolver auf die Toilette gelegt hatten, mit nur einer Kugel in der Trommel – als Zeichen, dass er sich erschießen solle. Sein Körper hielt die Qualen nicht aus.

Nach einem Monat wurde er in ein Krankenhaus eingeliefert. Michelle Bachelet konnte ihn mit ihrer Mutter endlich besuchen. „Das, was ihn am meisten geschmerzt hat“, erinnert sie sich, „war, dass das, was ihm angetan wurde, von anderen Angehörigen der Streitkräfte angetan wurde, von Uniformierten wie er.“ Am 15. Mai 1974 starb Alberto Bachelet im Alter von 51 Jahren in einem Krankenhaus „als Folge der erlittenen Folterungen und schlechten Behandlungen während der Haftzeit“, wie es in einem Bericht heißt.

Michelle Bachelet hat ihren Vater beerdigt, und die Militärs jagten weiter Oppositionelle und wen sie dafür hielten. 3.197 Menschen wurden laut einer später eingesetzten Untersuchungskommission während der Diktatur ermordet. Im ganzen Land gab es Folterlager, in denen aus den Gefangenen Geständnisse herausgepresst wurden. Stromstöße in den Genitalbereich, Schläge mit Eisenketten, tagelanges Einsperren in engen Kisten. Am 10. Januar 1975 klingelte es auch an der Tür von Michelle Bachelet. Kurz vor ihrer Verhaftung konnte sie noch per Telefon ihren Freund warnen, dass Gefahr drohte. Das hat sie womöglich gerettet. Michelle Bachelet wurde in das berüchtigte Folterlager Villa Grimaldi verschleppt. Mit verbundenen Augen und gefesselten Händen wurde sie verhört. Aber sie hatte Glück. Der aus Chile ausgewiesene Generalsekretär der Sozialistischen Partei, Glodomiro Almeida, hatte von ihrem Freund die Nachricht von ihrer Verhaftung erhalten. Er informierte ausländische Regierungen, die Druck auf das Regime ausübten, und so konnte Michelle Bachelet ausreisen.

Über Australien kam sie in die DDR, wo sie ihren Freund wiedertraf. Sie lebte in Potsdam, arbeitete in Babelsberg in einer Klinik und studierte an der Humboldt Universität Medizin. In Deutschland ist auch ihr erster Sohn geboren. „Es war eine gute Zeit“, sagt sie heute, „aber wir haben Chile sehr vermisst.“ Im Jahr 1979 kehrte sie zurück. Mehr als zehn Jahre vor dem Ende des Regimes.

Aber wie kann man nach solchen Erlebnissen Verteidigungsministerin dieses Landes werden? „Um daran zu arbeiten, dass so etwas nie wieder passiert“, sagt sie. Bachelet ist eine von sechs Verteidigungsministerinnen auf der Welt. Sie zählt sie auf: „Norwegen, Schweden, Frankreich, Kroatien, Kolumbien – und eben Chile.“ Noch nie gab es so viele gleichzeitig. „Es scheint den Männern zu dämmern, dass die Welt nicht untergeht, wenn Frauen dem Verteidigungsministerium vorstehen.“ Nachdem Abtritt Pinochets spezialisierte sich die Kinderärztin auf Verteidigungspolitik, weil sie den Militärs das Monopol darauf streitig machen will. In den USA und an der chilenischen Militärakademie belegte sie Seminare über strategische Studien und wurde 1998 schließlich Beraterin des Verteidigungsministeriums – und betrat das Gebäude damals zum ersten Mal.

Nein, es sei nicht um jeden Preis ihr Ziel gewesen, Ministerin zu werden. Im Jahr 1990, als Pinochet zwar die Macht an die zivile Regierung übergab, selbst aber Armeechef blieb, wäre auch nicht der ideale Zeitpunkt gewesen. „Ich glaube nicht, dass ich das hätte machen können“, sagt sie und wiegt ihre Worte mit äußerster Vorsicht, wenn der Name Pinochet fällt. Der Diktator von einst wird von den Generälen von heute noch immer als Retter des Vaterlands vor dem Kommunismus gefeiert – er gilt als ihr Übervater. Und noch immer sind die Streitkräfte ein Staat im Staat. Mit 1,98 Milliarden Dollar im Jahr 2003 hat Chile das höchste Militärbudget in Lateinamerika. Erst an zweiter Stelle liegt das Bürgerkriegsland Kolumbien.

Die Regierung läuft bei den Militärs gegen eine Wand und – vermeidet den Konflikt. Bachelet kann nicht den autoritären Muff aus den Kasernen kehren, nur kleine Gesten sind möglich. Jüngst ließ sie den einstigen Oberbefehlshaber und Allende-Vertrauten René Schneider posthum ehren, er wurde am 22. Oktober 1970 ermordet. Dieser Akt war vor drei Jahren noch undenkbar.

Trotzdem. Der eigene Vater wurde gefoltert und ermordet. Bachelet war im Gefangenenlager und wurde ins Exil getrieben. Hat sie nie an Rache gedacht? Sie überlegt. Dann sagt sie: „Nein.“ Es klingt bestimmt. „Niemand wird mir meinen Vater wiedergeben, niemand wird die Erinnerung an Villa Grimaldi aus meinem Gedächtnis löschen. Niemand kann mir die Schmerzen aus dem Exil nehmen.“ Wenn keine Rache, was dann? „Die Justiz muss ihre Arbeit aufnehmen.“

Wie im Fall Marcelo Morel Brito. Er konnte identifiziert werden, obwohl seinen Gefangenen die Augen verbunden waren. Er war Chef des Camps Villa Grimaldi und hat Bachelet damals verhört. Gegen ihn ermittelt ein Untersuchungsrichter wegen Entführung, Folter und Mord. Aber noch ist er nicht verurteilt. Morel Brito lebt ungestört in seinem Apartment im gleichen Haus wie Bachelet, im dritten Stock. Sie begegnet ihm an der Tür, im Aufzug, im Gang. „Es ist ein Unglück“, sagt sie. „Santiago ist so groß, und ausgerechnet in dieses Haus muss er ziehen.“ Aber: „Er muss auch damit klarkommen, ich habe ihm gegenüber nichts zu verbergen.“

INGO MALCHER, 30, lebt als taz-Korrespondent in Buenos Aires