Wenn Frauen das vorher wüssten

Mutterschaft, ein Standardschicksal? Vom Märchen, Beruf und Kinder seien mit etwas gutem Willen und einem willigen Partner durchaus vereinbar. Ein Blick aufs Ganze

Die gefühlte Mütterdichte ist gestiegen. Das ist ähnlich wie beim Wetter: Auch wenn die Geburtenrate in Wirklichkeit sinkt, das eigene Empfinden signalisiert etwas anderes. Es mag am Alter liegen. Schließlich schummeln sich unter Frauen ab 30 dauernd Nachwuchsthemen in die Gespräche: Wer hat schon, wer will noch mal? Oder schuld sind die neuen sperrigen Fahrradanhänger auf den Gehsteigen. Jedenfalls gewinnt eine Kinderlose schnell den Eindruck, dass sie von Müttern umzingelt ist: Mütter sind die Stars neuer Fernsehserien, die Zeitschriften feiern Mutterschaft als Normerfüllungsevent – und Menschen ohne Nachwuchs werden als rentenschmarotzende Egoisten abgekanzelt. Da kann man schon mal an den eigenen kinderlosen Lebensplänen zweifeln. Muss man aber nicht.

Schließlich haben Kinderlose jenseits der Gene einiges zur modernen Gesellschaft beizutragen – und das Projekt Mutterschaft birgt eine Menge Schattenseiten. Für eine Frau, die sich beruflich entwickeln möchte, wirkt das Baby wie ein Bremsklotz. Auch wenn Hera Lind, Erfolgsautorin und vierfache Mutter mit dem Beinamen „Das Superweib“, die Mehrfachbelastung locker wuppt, die ARD-Moderatorin Gabi Bauer trotz Geburt von Zwillingen Karriere macht und die 99-Luftballon-Nena sogar von einer vierköpfigen Kinderschar nicht gehindert werden konnte, ein furioses Comeback im Popbusiness zu feiern – Beruf und Baby vertragen sich nicht.

Die so genannten Powerfrauen, die Beruf und Familie so bravourös unter einen Hut kriegen, gehören zur Schicht der Privilegierten. Keine Durchschnittsfrau kann sich wie die Promimütter einen Ganztagssitter für ihr Kind leisten. Wer aber keine Kinderfrau bezahlen kann, bekommt Probleme: Die Öffnungszeiten des Kinderladens müssen mit der eigenen Arbeitszeit in Einklang zu bringen sein – alleine das ist schon eine knifflige Koordinierungsaufgabe, die fast immer an den Müttern hängen bleibt, da weniger als zwei Prozent der Männer jährlich einen Antrag auf Elternzeit stellen.

Was vielen Männern zu schwierig scheint, ist für Frauen auch nicht einfacher. Kein Wunder, dass sich nur wenige den Stress der Mehrfachbelastung durch Baby und Beruf zumuten: Insgesamt sinkt in Deutschland die Quote der Vollzeit arbeitenden Mütter, und der Wiedereinstieg nach der Babypause gelingt nicht immer. Eine Broschüre des Bundesinnenministeriums für Familie informiert, „dass von 400.000 Frauen, die jährlich in Elternzeit gehen, lediglich die Hälfte in den Beruf zurückkehrt“.

Trotzdem ist das Märchen, Beruf und Kind seien vereinbar, weiter in Umlauf und äußerst beliebt. Nicht zuletzt dem Staat nützt das Bild der erfolgreichen Frau, die neben dem Kind durchaus Karriere machen kann: Schon heute bleibt fast jede dritte Frau gewollt kinderlos, unter westdeutschen Akademikerinnen sind es rund 44 Prozent. Wenn Frauen aber klar wäre, wie schwer ein Hortplatz zu ergattern ist, wie rigide dessen Öffnungszeiten sind, wie viel Hausarbeit und Kinderbetreuungszeit an Müttern hängen bleibt und wie stark die eigene berufliche Entwicklung deshalb unter einem Kind leidet – wenn Frauen all das vorher wüssten, dann würde wohl noch manch eine mehr auf Nachwuchs verzichten.

Frauen mit Babyplänen bleibt immer noch der andere Weg: sich einige Jahre „nur“ als Mutter zu betätigen. Auch dies ist keine Wahl, die Frauen weiterbringt. Meist dauert es nur wenige Wochen, bis alle unbezahlten Hintergrundarbeiten unter der Obhut der Mutter laufen und Papa nur pro forma – für den modernen Anstrich der Kleinfamilie – mit angehaltenem Atem die Windeln wechselt. Das Baby bringt den Backlash in der Beziehung, sie wandelt sich von der modernen, gleichberechtigten Partnerschaft zur Familie mit traditioneller Rollenverteilung. Selbst Paare, die vor der Elternschaft einen modernen Lebensentwurf verfolgen, geraten durch die Berufspause der Mutter aus der Spur, hat der Soziologieprofessor Johann A. Schülein beobachtet. Und es kommt noch dicker.

Mütter, die „nur“ zu Hause arbeiten, werden mit der Zeit immer entscheidungsunlustiger und abhängiger, sie sind zunehmend auf Zuspruch durch den Lebenspartner angewiesen, so derselbe Familienforscher. Mit anderen Worten: Eine Mutter ohne Beruf macht die wenig gewürdigten Arbeiten, und dann geht ihr auch noch das Selbstbewusstsein flöten.

Erschwerend kommt hinzu, dass mit dem Baby die Erosion der Partnerschaftsqualität beginnt. Paare mit Kind streiten öfter und heftiger, sie äußern weniger Wertschätzung füreinander, tauschen seltener Zärtlichkeiten miteinander aus und haben weniger Sex, so die Ergebnisse einer aktuellen Familienstudie.

Trotz aller Nachteile am Nachwuchs bleibt es für eine Frau schwer, den kinderlosen Lebensplan offensiv und selbstbewusst zu vertreten. Denn Mutterschaft ist immer noch das Standardschicksal einer Frau. Weigert sich eine, den „normalen“ Weg zu gehen, dann werden ihr Makel angedichtet, und sie bekommt sozialen Druck zu spüren. Kinderlose Frauen gelten wahlweise als wenig weibliche, psychisch labile Wesen oder als konsumgeile Egoistinnen, denen das Wohl der anderen wumpe ist. Im März dieses Jahres forderte CDU-Chefin und Nicht-Mutter Angela Merkel sogar, Kinderlosen die halbe Rente zu verweigern. Für eine Frau wie sie, mit hohen Pensionsansprüchen, wahrscheinlich kein Problem. Aber muss jede, die nicht gebiert, persönlich dafür büßen, dass Mutterschaft für immer mehr Frauen zum unmöglichen Projekt wird?

Zwar erzieht die kinderlose Frau keine künftigen Rentenbeitragszahler – aber bei uns mangelt es nicht nur an Nachwuchs. Ebenso fehlt es an Frauen in Führungspositionen, Posten, die eine vollberufstätige Kinderlose eher ergattert als eine Teilzeit arbeitende Mutter. Nun wird nicht jede Frau ihr durch Kinderlosigkeit gewonnenes Potenzial in eine furiose Karriere verwandeln wollen oder können. Aber weil die kinderlose Frau wahrscheinlich berufstätig ist, wird sie durch ihre Arbeit ihr Selbstwertgefühl verbessern – eine Eigenschaft, die bei Müttern eher schwächelt. Und starke Frauen sind ebenso ein knappes Gut.

Auch was die Arbeitsteilung in der Paarbeziehung angeht, profitieren andere vom Lebensstil der kinderlosen Frau: Da sie mehr Wert auf eine gleichberechtigte Partnerschaft legt, wird sie eher für moderne Rollen streiten und diese durchsetzen. Und schließlich leistet die Frau ohne Nachwuchs noch eine weitere wichtige Aufgabe. Als Freundin der Mutter, Bekannte des Vaters oder Mitglied der Wohngemeinschaft wird gerade sie, die Kinderlose, kleinen Mädchen ein Modell sein, das ihnen vormacht, wie Frauen unabhängig leben, eigenes Geld verdienen, gleichberechtigte Partnerschaften führen und wie sie sich im Berufsleben behaupten. Diese Extraportion Frauenpower kann unsere Gesellschaft gut vertragen – und Frauen brauchen sich mit ihrer Entscheidung zur Kinderlosigkeit nicht zu verstecken.SUSIE REINHARDT