Komponist mit Kamera

Keine Anerkennung wiegt schwerer als die der Kollegen vom Fach. Wann immer einer der bedeutenden Bildjournalisten nach seinen Vorbildern gefragt wird, fällt der Name dieses am 22. August 1908 in Chanteloup im Departement Seine-et-Marne geborenen Fotografen: Henry Cartier-Bresson. Für die Wertschätzung, ja Bewunderung der Berufskollegen gibt es plausible Gründe.

Die gelassene Sicherheit, mit der Cartier-Bresson aus dem Fluss der Zeit, aus dem Wandel des Geschehens vor seinem Auge bedeutungsvolle und perfekte Fotografien gleichsam abruft, ist ohne Beispiel. Es sei das Ereignis selbst, schrieb Cartier-Bresson einmal, das den organischen Rhythmus der Formen spürbar werden lasse. Häufig zitierte er Victor Hugo mit dem Satz: „Die Form ist der an die Oberfläche geholte Sinn.“ Kein Fotograf hat wie Cartier-Bresson gerade in der Begrenztheit dieses technischen Mediums den Ozean der Möglichkeiten erkannt und aus ihm überreich geschöpft. Er war immer bereit.

Seine Methode wie seine fotografische Ausrüstung imponierten durch ihre mönchische Einfachheit. Eine unauffällige Leica-Sucherkamera, fast alle Aufnahmen hat er mit dem Normalobjektiv gemacht, kein Blitz. Keine gestellten Aufnahmen. Lustvoll bestätigte er immer aufs Neue, dass Offenheit und äußerste Konzentration genügen, dass es die Wirklichkeit selbst ist, die die besten Bilder bereithält.

Ursprünglich wollte Cartier-Bresson Maler werden. Das Kunststudium, das der Sohn eines Textilfabrikanten als 19-Jähriger begonnen hatte, brach er jedoch bald wieder ab, um sich der Fotografie zu widmen. 1935 erlernte er die Filmkunst, arbeitete als Regieassistent für Jean Renoir und drehte 1937 einen Dokumentarfilm über republikanische Krankenhäuser in Spanien. Drei Jahre später geriet er in Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Flucht engagierte er sich im Widerstand und drehte einen Dokumentarfilm über die Heimkehr der Kriegsgefangenen. 1946 gründete er mit vier Kollegen die Fotoagentur Magnum, die sich ihr legendäres Renommee bis heute erhalten hat. Seit 1974 widmet er sich wieder dem Malen und Zeichnen.

Die Bilder, die unvergessen bleiben werden, schuf er mit der Kamera. Dass Cartier-Bresson sein verblüffendes Vermögen so leichthändig entwickelte, ist kein zusätzliches Attribut seiner Arbeitsweise, sondern ihre Voraussetzung. Cartier-Bresson hat seiner Zunft und aller Welt gezeigt, wie weit die Grenzen in diesem Medium gesteckt sind. Die Kamera verwandelte sich in seinen Händen wie Aladins Wunderlämpchen zu einem wundersamen Gerät. Kaum streicht sein Finger über den Auslöser, schon schenkt sie ihm Bilder, wie man sie zuvor nicht gesehen hat: Mit einem Sprung setzt ein Mann über eine Pfütze und sein Anblick und der seines Spiegelbildes korrespondiert in einer verblüffenden Weise mit Bildern einer springenden Artistin auf einem Plakat im Hintergrund – eingebunden in eine perfekte Komposition und flirrend wie ein Geheimnis. „Alles ist in Bewegung“, notierte Cartier-Bresson lakonisch, „da muss auch der Fotograf in Bewegung sein.“

Nicht dass Henry Cartier-Bresson blitzartig auf ein Ereignis reagieren würde, kennzeichnet seine Kreativität. Sondern Gleichzeitigkeit und Übereinstimmung: So wie das Ereignis sich kulminierend konstituiert, seinem Höhepunkt zustrebt, so nähert sich Cartier-Bresson gelassen wie ein Zen-Meister und geschmeidig wie eine Raubkatze diesem Punkt von Raum und Zeit, an dem sich alles entscheidet. Zurück bleibt eine Fotografie: der „entscheidende Augenblick“, mit dem Cartier-Bresson gerne zitiert wird. Verblüffend ist – und es mag ein Grund für den Respekt sein, den ihm andere Fotografen zollen –, dass ihm dies so beständig, immer und immer wieder, gelang. Ein unendliches Vertrauen in diese Fähigkeit scheint ihre Voraussetzung zu sein.

Nicht der Sensation gehört die hypnotische Wachheit, das permanente Bereitsein des Cartier-Bresson. Sondern den Menschen des Alltags, die sich selbst nur als Beobachter des Lebens fühlen. Seine leise Sympathie für die kleinen Leute drückt sich gerade darin aus, dass er deren Neugier selbst zum Thema macht. Immer wieder hat er die Beobachter beobachtet, den Trieb zu schauen ins Bild gesetzt. In ihm äußert sich für Cartier-Bresson die Sehnsucht des Einzelnen nach Zugehörigkeit, nach Verbundenheit. Geadelt durch seinen wachen Blick findet sein beherzter Zugriff mit der Kamera im Alltäglichen den Ort des Essenziellen. Dabei ist in seinen Fotografien von der Präsenz des Fotografen nichts zu spüren. Einem stummen Halbschatten gleich, lautlos wie ein unbemerkter „teilnehmender Beobachter“ scheint er fotografiert zu haben, in einem inneren Mittelpunkt des Geschehens verankert.

Seine Porträtfotografien verweisen auf ein instinkthaft sicheres psychologisch-visuelles Gespür. Die Fotografien von Schriftstellern, Philosophen und Künstlern zeigen, dass Cartier-Bresson den flüchtigen Moment erkannte, in dem das Seelische an der Oberfläche aufscheint, ein Gesicht prägt. Ein schönes Beispiel seiner Porträtkunst ist eine Fotografie, die er von Marilyn Monroe kurz vor deren Tod aufgenommen hat. Sie zeigt die Schönheit der Schauspielerin gerade in ihrer Verlorenheit inmitten einer begierigen Öffentlichkeit – eine anrührende Studie seelisch-sozialer Befindlichkeit. Wie er das Einzelne im Ganzen ordnet, wie sich Linien, Flächen und Muster, wie sich Hell und Dunkel fügen, welche Anmutung der Bildhintergrund hat: All das schafft eine assoziative Resonanz, einen Rhythmus, der eng mit Leben und Werk der Porträtierten verwoben ist.

Das Ungeheuerliche in Cartier-Bressons Bildern lauert wie eine gespannte Feder unter einer meist unspektakulären Oberfläche. Manche seiner Fotos beeindrucken nicht auf den ersten Blick, aber da ist etwas, das sich festhakt, den Blick festhält, insistiert wie ein unbewusstes Verlangen. Dann ergeht es einem wie dem Fotografen selbst, wenn er ein Motiv entdeckt: „Wumm, es springt einen an!“ Fassungslos taucht der Blick ins Bild, jenseits aller abgeklärten Sehgewohnheit, plötzlich kann man sehen, wie es Kinder noch können. Eine Fotografie von Cartier-Bresson so zu betrachten, macht staunen über sein Vermögen. Es ist eine Inspiration. Bis zum Schluss lassen seine Fotografien aber ein Geheimnis offen, einer Wunde gleich, die sich nie ganz verschließt, die einen immerzu an etwas erinnert.

Am Dientag, wenige Wochen vor seinem 96. Geburtstag, starb Henry Cartier-Bresson in seinem Haus „Le Claux“ im südfranzösischen Céreste.