Wahre Empfindungen

von JÖRG MAGENAU

Don Juan stellt man sich als verführerischen Draufgänger vor, als smarten Frauenversteher und skrupellosen Frauenbenutzer, den am Ende der Teufel holt. So tritt er in Mozarts „Don Giovanni“ auf, so geistert er seit Tirso de Molinas Urfassung von 1630 durch die europäische Literaturgeschichte. Ganz anders die Figur, die Peter Handke über die Gartenmauer einer französischen Klosterruine stürzen lässt, wo sie dem Erzähler wie ein plötzlicher Einfall direkt vor die Füße fällt. Dieser Don Juan ist auf der Flucht. Ein junges Paar, das er in einem Wäldchen beim Liebesakt beobachtet hat, verfolgt ihn auf dem Motorrad. Handke lässt keinen Zweifel daran, dass er gewillt ist, den Mythos umzudeuten. Der Jäger wird zum Gejagten. Der Eroberer zum Heimatlosen. Der Sexprotz zum Melancholiker. Der Agierende zum staunenden Beobachter. „Don Juan ist ein anderer“, heißt es am Ende der Erzählung. „Ich sah ihn als einen, der treu war – die Treue in Person.“

Don Juan (erzählt von ihm selbst)“ lautet der etwas gespreizte Titel, der gar nicht wirklich stimmt. Denn es gibt sehr wohl einen Erzähler, der wiedergibt, was er von Don Juan im Verlauf einer Woche erfuhr. Dieser Koch, Gärtner und Leser hat sich im ehemaligen Pförtnerhaus der Klosteranlage Port-Royal-des-Champs in der Nähe von Versailles einsiedlerisch eingerichtet. Der Ort ist mit Bedacht gewählt. Port Royal war im 17. Jahrhundert Mittelpunkt der jansenistischen Bewegung, einer als elitär geltenden, sehr frommen Glaubensrichtung. Nach dieser Lehre kann die menschliche Seele nur durch die Gnade Gottes gerettet werden. Der Wille des Menschen zum moralisch Guten hat keinen Einfluss auf die göttliche Gnade. Es gibt keine Belohnung für irdische Taten, keinen Deal, keinen Ablasshandel. Die Kirche in Rom begriff, dass damit ihre Macht untergraben würde, und bekämpfte den Jansenismus erbittert.

Immer wieder bezieht sich Handke explizit auf diese Geschichte des Orts. Schließlich geht es in seinem Entwurf des Don Juan auch um Fragen der Moral oder besser gesagt: um eine Lebensform, die nicht nach Gut und Böse schielt und in keine bürgerlichen Schemata passt. Dieser Don Juan ist viel zu sehr unbeteiligter Zuschauer des irdischen Geschehens, als dass er sich handelnd darin verstricken würde. Er ist eine zeitlose Gestalt, die auch aus dem 17. Jahrhundert stammen könnte. Als eine Art Weltgeist zieht er durch die Länder. Er ist allerdings nicht, wie Hegels Weltgeist, der Geschichte zugewandt, sondern ganz und gar der Natur: dem Erleben von Landschaft, von Tieren, mit denen er sprechen zu können scheint, von Pflanzen, die in seiner Gegenwart aufblühen, von Licht und Luft und Liebe, wenn man die Begegnungen mit Frauen so nennen will. Er selbst benutzt das Wort Liebe nicht: „Das hätte nur abgeschwächt, was geschah.“ Sieben Tage ist dieser Don Juan im Klostergarten zu Gast und erholt sich von den Strapazen seiner Wanderschaft. Sieben Tage sind eine symbolische Zahl. In sieben Tagen schuf Gott die Welt und gönnte sich auch noch eine Ruhepause. Zusammen mit dem Erzähler unternimmt Don Juan Ausflüge, die systematisch in alle Himmelsrichtungen führen – als ob die ganze Welt abgeschritten werden müsste. Währenddessen erzählt er von den sieben Tagen zuvor, in denen er sieben Frauen begegnete. Von einer Hochzeit im Kaukasus gelangte er nach Damaskus, von dort ins nordafrikanische Cuëta, dann nach Norwegen und auf eine holländische Düne. Die Begegnungen mit den Frauen aller Länder sind magische Momente der Zusammengehörigkeit. Don Juan agiert wie ein Schlafwandler, der mit offenen Augen träumt und doch, wie es heißt, „alle Macht“ besitzt. Die Frauen verfallen ihm, weil ihnen durch seine Anwesenheit ihre Einsamkeit bewusst wird. „Magnetfeld“ nennt der Erzähler, was da entsteht. Oder ereignen sich all diese Momente nur in der Vorstellung Don Juans? Geträumte Gegenwart eines autistisch veranlagten Fantasten?

Um die „Stunde der wahren Empfindung“ geht es Peter Handke schon lange. Mit Don Juan erzählt er davon symbolistisch und gewissermaßen außerhalb von Raum und Zeit. Doch Geborgenheit und Aufgehobenheit sind nur von kurzer Dauer. Don Juan, der ruhelose Weltwanderer, zieht weiter. Die Gegenwart bedrängt ihn mit ihren Einzelheiten. Statt weiter zu erzählen, beginnt er zu zählen: seine Schritte, die Knöpfe seines Hemdes, die Schwalben am Himmel, die Autos auf der Straße. Das Zählen löst das Erzählen ab. Die Zahl ersetzt die Sprache. Das ist die äußerste Form der Entfremdung: ein Herausfallen aus der Gegenwart, aus der Übereinstimmung des Beobachters mit den Dingen. Man könnte Don Juan auch durchaus als manisch-depressives Charakterbild deuten.

Handke versucht in diesem Buch, verschiedene Weltwahrnehmungsweisen zu isolieren. Es geht weniger um das, was erzählt wird, als um eine Einübung in innere Einkehr und Konzentration. Poesie ersetzt die Politik, wenn es nicht schon eine politische Aussage ist, aus einem aggressiven Eroberer einen friedfertigen Träumer zu machen. Empfindungsfähigkeit geht vor Reflexion. Doch Wachheit und Traum, Fühlen und Denken sind so verschmolzen, dass daraus eine gesteigerte Sensibilität entsteht. „Don Juan“ ist ein merkwürdig schillerndes Buch: radikal im Gestus, widersprüchlich in seiner weltabgewandten Sinnlichkeit, irritierend in seiner gelegentlich kostbar tönenden Sprache, faszinierend in seiner mythischen Unabschließbarkeit. Am Ende weiß man weniger von Don Juan, als man am Anfang zu wissen glaubte. Literatur kann auch dazu dienen, aufzuräumen und Platz zu schaffen für neue Möglichkeiten.

Peter Handke: „Don Juan (erzählt von ihm selbst)“. Suhrkamp, Frankfurt/Main 2004, 160 Seiten, 16,80 Euro