Unschlagbar unbedarft

Walter van Rossum zeigt ebenso unterhaltsam wie bitterböse: Das Politpalaver in der TV-Kampfzone Deutschland vermittelt vor allem die Meinung der Chefetagen ans Volk

Der Titel klingt gemütlich. „Meine Sonntage mit ‚Sabine Christiansen‘“: Das hört sich nach Feierabend an. Die Melodie führt in die Irre. Der Publizist Walter van Rossum hat ein bitterböses Buch geschrieben, zornig, fast völlig ohne – bei diesem Thema allzu nahe liegende – ironische Sottisen. Um Medienkritik geht es dem Autor allenfalls am Rande. Er nimmt die Sendung zum Anlass, „das Palaver des Juste milieu“ und die „wandernden Normen der Mitte“ zu analysieren – mithin ein Bild der gesamten tonangebenden Schicht in der Bundesrepublik aus seiner Perspektive zu malen.

Der Blickwinkel wirkt seltsam vertraut und ungewöhnlich zugleich. Vertraut, weil es gar nicht so lange her ist, dass Äußerungen der herrschenden Klasse auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft wurden. Ungewöhnlich, weil das eben längst nicht mehr die Regel ist. Van Rossum kann das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, zu den ganz wenigen zu gehören, die den Kaiser trotz angeblich neuer Kleider auch weiterhin nackt zu nennen bereit sind.

„In den letzten zehn Jahren gab es ein Wirtschaftswachstum von über 15 Prozent. Doch das Netto-Durchschnittseinkommen ist um 4,3 Prozent gesunken. Das ist zwar bloß die reine Wahrheit, aber wahrscheinlich deshalb unvorstellbar in dieser Umgebung.“ Diese Umgebung: das sind die Gäste, die Zutritt bei Sabine Christiansen finden. Ein Zirkel, der einen geschlossenen Kreis bildet. Walter van Rossum: „Sabine Christiansen funktioniert als eine Tonspur in der Endlosschleife mit den stets gleichen Figuren, die bloß unterschiedliche Namen tragen.“ Guido Westerwelle, Hans Eichel, Angela Merkel und Peer Steinbrück, beispielsweise.

Repräsentieren die nicht ganz verschiedene Flügel des politischen Spektrums? Nicht aus Sicht von Walter van Rossum. Er behauptet: „98 Prozent des Wortumsatzes bei Sabine Christiansen ließen sich keiner Person, keiner Richtung, keinem Programm, keinem Konzept und keinem Sprecher zuordnen.“ Und er belässt es nicht bei der Behauptung, sondern er belegt die These. Er lässt seine Leser raten, von wem einige der ausführlichen Zitate stammen, die er anführt. Die (gewollt überraschende) Auflösung am Schluss des Kapitels ist entlarvend. Es fällt schwer, der Schlussfolgerung zu widersprechen: „Die Differenz zwischen Merkel und Müntefering mehrt nicht gerade den Zauber der Demokratie.“

Mit der so genannten Reform der Sozialsysteme – vulgo: deren Abschaffung – beschäftigt sich der Autor besonders ausführlich. „Jetzt soll der ‚Wohlfahrtsstaat‘ liquidiert werden. Als sei die soziale Umverteilung ein karitatives Großprojekt gewesen: Almosen aus dem Füllhorn unerschöpflicher Güte. Als handelte es sich nicht um schwer verdiente Ansprüche.“ Van Rossum zweifelt an nahezu allem, was mittlerweile als unumstößliche Wahrheit gilt. Etwa daran, dass Steuersenkungen und der Abbau sozialer Leistungen zwangsläufig zu Investitionen und somit zu mehr Arbeitsplätzen führen.

Ob es dafür auch nur bescheidene Hinweise gebe, will er wissen, und er schreibt: „Eine der Lieblingssprechblasen, die im Christiansen-Talk pausenlos gen Studiohimmel steigen, ist die Rede vom Zusammenhang zwischen Wachstum und Arbeitsplätzen: Wirtschaftswachstum schafft Arbeitsplätze. Und wenn die erhitzte Konjunktur uns alle mit Arbeit segnet, erledigen sich die Probleme mit der Altersversorgung und der Krankenkasse und den Steuereinnahmen fast von selbst.“ Jeden Sonntag sei es bei Christiansen fünf vor zwölf, stellt van Rossum fest: „Wie selbstverständlich ergibt sich aus der Katastrophendiagnose die einzige Therapie: die Totalreform, um nicht zu sagen: die Systemüberwindung. Allsonntäglich tritt so eine große Koalition der Systemüberwinder gegen ihr Volk an.“

Der Autor bleibt nicht abstrakt, und er beschränkt seine Kritik nicht auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Er nennt Namen, und er benennt die Verbindungen, die prominente Talker wie beispielsweise der FDP-Politiker Günter Rexrodt und der CSU-Politiker Peter Gauweiler zu einzelnen Wirtschaftsunternehmen geknüpft haben. Das ist verdienstvoll – umso bedauerlicher ist es, dass dies nicht die stärksten Passagen des Buches sind. Der rigide Ton, in dem van Rossum nahezu jede nebenberufliche Tätigkeit von Politikern geißelt, wäre überzeugender, wenn er nicht über das Ziel hinausschösse und zugleich den Talk-Runden von Sabine Christiansen jede Fähigkeit zu ehrlicher Erschütterung abspräche. Der Versuch des Autors, auch noch die Reaktionen auf den Tod von Jürgen Möllemann in einen Zusammenhang mit jeweiligen konkreten Interessen der Fernsehgäste zu bringen, streift die Grenze zur Verschwörungstheorie.

Aber was verschlägt das gegen eine Analyse wie diese: „Das Weltbild, das bei Sabine Christiansen zusammengeplappert wird, ist nicht gerade neu, und es ist keineswegs exklusiv. Doch im Sendegebiet der deutschen Kampfzone dürfte es keine politische Talkshow geben, die auf ähnliche Weise die Wünsche der Chefetage ans Volk durchreicht – und dabei eine unschlagbare journalistische Unbedarftheit an den Tag legt.“ Klare, wahre Worte.