Von St. Pauli ins Schwarzfußland

Als kleiner Junge pflegte Ramon Kramer einen dieser wundersamen Ticks, den Kinder manchmal haben. Einen von der Sorte, die verspielt sind und zugleich von einer Ernsthaftigkeit, dass Eltern tief durchatmen, wenn sie vorbei sind. Kramer wollte ein Indianer sein. Er lief stets in einem braunen Fransenanzug mit Zickzackmustern rum, verbrachte Stunden tagträumend in einem Mini-Wigwam und kannte jeden Western, in dem Rothäute vorkamen, auswendig. Das war in den 70ern.

Es folgten Teenagerjahre, die er weitgehend ohne Federschmuck verbrachte. Dann, er war 19, machte sich Kramer auf den Weg, die eigenen Kindheitsfantasien mit der Realität zu konfrontieren. „Damals sollte im Land der Blackfeet nach Öl gebohrt werden“, erzählt der Mittvierziger mit dem blondgewellten Haar. Anlass für ihn und zwei Begleiter, das Indianerland im Bundesstaat Montana auf Pferden zu durchqueren. Das Vorhaben scheiterte: Ein Pferd lahmte, ein Unwetter pustete das Zelt des Trios um. Wenig später fanden sich die Greenhorns in einem Wohnwagen wieder – auf Einladung einer Blackfeet-Familie.

Seither hat es Kramer, der in Hamburg-St. Pauli Musik für Werbespots komponiert, jedes Jahr aufs Neue in die USA gezogen. Er hat nur wenige Fettnäpfchen ausgelassen, mit einer Menge Indianer-Klischees aufgeräumt und Freundschaften fürs Leben geschlossen. Er hat Dia-Vorträge gehalten, zwei Filme über die Blackfeet gedreht und eine CD mit indianischer Musik aufgenommen.

Seine Erlebnisse schildert er in dem kürzlich erschienenen Buch „Ich weißer Mann, Du Indianer gut!“ Ohne zu romantisieren berichtet er von Begegnungen mit den Menschen in der Reservation. Voller Freude an der Selbstdemontage erzählt er von seinem Status als „Möchtegern-Indianer“ im Land der Blackfeet.

Mittlerweile trägt Kramer sogar einen indianischen Namen: „Ah-Say-Kee“ – „Guter Flötenspieler“. Der „Kevin Costner von St. Pauli“, zu dem ein Boulevardblatt ihn ernannt hat, will er nicht sein. „Ich bin kein Indianer“, sagt er und bei aller Leichtigkeit, die sein Buch versprüht, geht es ihm doch um einen ernsten Kern. „Die Indianer sind für viele Menschen eine Projektionsfläche für eigene Sehnsüchte geworden“, sagt Kramer. Die großen Mythen vom Spiritualismus und Alkoholismus hätten weniger mit dem Leben indianischer Völker zu tun, als mit unseren Gefühlen von verlorener Ursprünglichkeit. „Dieser New-Age-Krempel“, sagt Kramer, „ist eine Erfindung von Weißen. Und auf St. Pauli sehe ich öfter Betrunkene, als in der Reservation.“