MODERNES LESEN: NEUE BÜCHER KURZ BESPROCHEN VON SUSANNE MESSMER

Schweinsgalopp

Dai Sijie: „Muo und der Pirol im Käfig“. Aus dem Französischen von Giò Waeckerlin Induni. Piper, München 2004, 400 S., 19,90 €

Manche werden sich noch an ihn erinnern, an „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“, Dai Sijies ersten Roman und dessen Verfilmung, eine herzzerreißende Dreiecksgeschichte, in der der chinesische Autor, der seit zwanzig Jahren in Frankreich lebt und auf Französisch schreibt, seine Umerziehung in einem chinesischen Bergdorf Anfang der Siebzigerjahre verkitscht hat. Mit seinem neuen Roman nun begibt sich Dai Sijie auf ein anderes Terrain, das weniger zur Verfilmung taugt: Sein neuer Held Muo aus „Muo und der Pirol im Käfig“ ist nach Jahren des Exils in Frankreich nach China zurückgekehrt, um seine große Liebe aus politischer Gefangenschaft zu befreien. Dazu muss er den Richter Di bestechen. Der aber hat schon so viel Geld, dass er kein weiteres braucht. Richter Di will etwas, das weitaus schwerer zu beschaffen ist: Er will eine Jungfrau.

Muo ist ein tapsiger Antiheld, ein Querschläger, der nicht besonders zur Identifikation einlädt und auch mal im Dunkeln einen Besenstiel streichelt, weil er ihn für den Fuß eines hübschen Mädchens hält. Ausgerechnet er, der noch nie Sex hatte, schlägt sich mit einer Theorie durch, bei der sich alles um Sex dreht. Man fühlt sich direkt an Don Quichote erinnert: Der hatte es mit Ritterromanen, bei Muo sind es die Lehren Freuds, die in China nicht so richtig funktionieren und ihn immer wieder in die Irre führen.

Es ist nicht das Prinzip Einfühlung, sondern das der Verfremdung, mit dem sich Dai Sijie diesmal dem heutigen China nähert: Von einer versehentlichen Einweisung in die Psychiatrie bis hin zu einem surrealen Bergvolk kommt so ziemlich alles vor, um die Geschichte weiter ins Unwahrscheinliche zu schrauben. Und trotzdem: Je grotesker alles wird, desto härter schimmert durch, was nun mal lauert – die Brutalität der sozialen Unterschiede in China, die Bestechlichkeit der chinesischen Justiz, die Beschränktheit der chinesischen Zensur.

Xu Xing: „Und alles, was bleibt, ist für dich“. Aus dem Chinesischen von Rupprecht Mayer und Irmy Schweiger. SchirmerGraf, München 2004, 273 S., 19,80 €

Diese Helden sind faul. Ihr höchstes Glück ist es, „sich zur Ruhe zu betten“. Sie finden, dass „Plackerei nicht nötig ist“. Doch haben die Helden in Xu Xings Roman „Und alles, was bleibt, ist für dich“ auch gute Gründe für ihre Blindgängerei: Es sind die Verlogenheit der kommunistischen Partei, die so genannte Öffnung Chinas und der damit verbundene Turbokapitalismus mit seinen „geschniegelten, aufgemotzten“ Menschen, was ihnen so wenig passt. Nur ganz en passant erfahrt man: Einer von ihnen, der Ich-Erzähler, schreibt nebenher Romane. Dass er deshalb in einer Bürgerlichkeit ankommen will: Davon kann keine Rede sein. Einmal erklärt er seiner neuen Freundin: „Ich will weder arbeiten noch studieren, noch heiraten, noch Kinder in die Welt setzen und auch keine Lotterielose kaufen oder elektrische Haushaltsgeräte reparieren“ – dann unternimmt er eine kleine Reise per Anhalter durch Tibet, ein Land, das ihm besonders wegen seiner gelassenen Widerständigkeit imponiert.

„Und alles, was bleibt, ist für dich“, der Debütroman Xu Xings und das erste extrem unterhaltsame Stück Prosa von ihm, das ins Deutsche übersetzt worden ist, scheint nach dem Schema eines Schelmenromans aufgewickelt: Ein Held erzählt aus der Sicht des sozial Unterprivilegierten von seinen vielen Abenteuern – und nimmt damit die gesamte Gesellschaft ins Visier. Dabei erinnern Xu Xings Rüpel, ihre Schnoddrigkeit und ihr grober Humor stark an die eines Altersgenossen, an die Lieblingsfiguren des Erfolgsautors Wang Shuo, der allerdings zugibt, bei Xu Xing gelernt zu haben. Der Unterschied: Während Wang Shuos Gestalten gewiefte Trittbrettfahrer der Reformen sind, suchen die von Xu Xing nach wie vor nach Sinn und Moral, allerdings anders als vorgegeben. Es geht ihnen darum, bei sich zu bleiben.

Xu Xing gehört mit seinen knapp fünfzig Jahren zu der Generation von Autoren, die man in China als verloren bezeichnet. Seine Familie wurde während der Kulturrevolution aufs Land verschickt, so dass er mit elf Jahren allein in Peking zurückblieb, bald den Status eines Schwererziehbaren bekam und schließlich selbst zur Umerziehung aufs Land musste. Seine ersten veröffentlichten Kurzgeschichten aus den Achtzigerjahren, in denen er bereits den Typus des „überflüssigen Menschen“ schuf, verschafften ihm den Ruf des Vorreiters einer postmodernistischen Literatur in China. Nach den Massakern auf dem Platz des Himmlischen Friedens lebte Xu Xing einige Jahre lang in Deutschland und Frankreich, kehrte dann aber nach Peking zurück, wo sein Buch allerdings nicht wird erscheinen dürfen.

Aki Shimazaki: „Tsubame“. Aus dem Französischen von Bernd Wilczek. Antje Kunstmann, München 2004, 119 S., 14,90 € Ľ

Gao Xingjian: „Das Buch eines einsamen Menschen“. Aus dem Chinesischen von Natascha Vittinghoff. S. Fischer, Frankfurt a.M. 2004, 478 S., 19,80 €

Schon sein erstes Buch, „Der Berg der Seele“, für das der chinesische Autor Gao Xingjian vor vier Jahren den Nobelpreis für Literatur bekam, war kein Buch, das sich einfach so weglas. Konnte man aber die Anekdoten über Chinas Landbevölkerung durchaus noch als informative Reiselektüre begreifen, ist sein ebenso dicker Roman „Das Buch eines einsamen Menschen“, sein erster, der in China wie auch im Westen spielt, nur am Schreibtisch zu genießen. Es geht um einen Schriftsteller, der wie Gao Xingjian in den Sechzigerjahren in Peking studiert, während der Kulturrevolution aufs Land verschickt wird und Ende der Achtzigerjahre nach Paris emigriert. Das Buch setzt 1997 mit der Begegnung des Erzählers mit einer deutschen Jüdin ein, die viel über die Geschichte ihres Volkes nachdenkt. Wegen ihr sieht er sich veranlasst, seine vergessen geglaubte Vergangenheit wieder auszugraben. Auch wenn dieser Auslöser für seine nun einsetzenden Rückblicke etwas aufgesetzt wirkt: Das, was sich nun anschließt, die assoziativen Erinnerungen an die Kulturrevolution, ist so plastisch, wie es bislang in der chinesischen Literatur noch kaum zu lesen war.

Gao Xingjians Erzählung setzt mit dem Beginn der Kulturrevolution ein. Noch ist sein Ich-Erzähler ein Mitläufer. Im Laufe der Zeit aber verwandelt er sich zu einem Rebellen, der selbst Kritikveranstaltungen leitet. Immer wieder durch Reflexionen über persönliche Schuld durchsetzt, erfährt man viel über den Mechanismus von Selbstkritik und Denunziation, den Wahn, die Revolution von innen heraus immer wieder zu erneuern, die willkürlichen Säuberungen, die jeden erwischen konnten.

Dann tauchen Schwierigkeiten auf. Der Held bekommt es mit der Angst und lässt sich aufs Land verschicken. Als er versucht, einer Schülerin zu helfen, die vergewaltigt wurde, scheitert er an den starren Dorfstrukturen. Die Geschichte einer Begeisterung wandelt sich immer mehr in die einer Desillusionierung. Das Buch endet damit, dass sich der Erzähler als heimatlos beschreibt – doch empfindet er dies nicht als schmerzhaft, sondern als befreiend.

Es passiert selten, dass man sich ein Buch nicht ein bisschen kürzer, sondern ein paar Seiten länger wünscht. Verliert man bei dicken Büchern, wenn sie allzu detailverliebt werden, oft die Geduld, so geht es einem bei dem neuen Roman „Tsubame“ der in Kanada lebenden und auf Französisch schreibenden japanischen Autorin Aki Shimakazi genau andersherum. Man will mehr Fleisch.

Banana Yoshimoto: „Hard-boiled, Hard Luck“. Aus dem Japanischen von Annelie Ortmanns. Diogenes, Zürich 2004, 141 S., 16,90 €

Die erste der beiden neuen Geschichten der japanischen Autorin Banana Yoshimoto, „Hard-boiled“, handelt von einer Ich-Erzählerin, die – ohne sich dessen bewusst zu sein – ausgerechnet am Todestag ihrer Exfreundin in den Bergen wandern geht und so eine ihrer unheimlichsten Nächte erleben muss.

Die viel stärkere Erzählung ist aber die zweite, die Erzählung mit dem Titel „Hard Luck“. In dieser Geschichte muss ein junges Mädchen mit dem bevorstehenden Tod ihrer Schwester klarkommen. Diese hat eine Hirnblutung erlitten und die Familie wartet jetzt nur noch damit, die Beatmungsgeräte auszuschalten, bis das Hirn vollständig abgestorben ist. In diesem Zwischenstadium, einen grauen November lang, wird die Ich-Erzählerin wie in Watte beschrieben, alles ist wunderbar unwirklich.

Man freut sich bei diesen beiden Geschichten über den gewohnt einfachen, leichten Stil, über das bekannte und ewig tolle Themenspektrum der japanischen Kultautorin, das wie immer von Popmusik, Mangas, Horrorfilmen und Soap-Operas beseelt ist: Geschlechterverwirrung, postmoderne Patchworkfamilie, Melancholie und Tod – das alles hat noch seine Existenzberechtigung, und dennoch hat es an Zauber verloren. Vielleicht liegt es daran, dass über die Jahre so wenig dazugekommen ist, vielleicht liegt es aber auch daran, dass Banana Yoshimoto in diesem Jahr vierzig wird. Möglich, dass sich ihr mädchenhaft verspielter Ton einfach nicht mehr so leicht herstellen lässt.

Mariko T. ist gerade mal zwölf Jahre alt, als sie beim großen Erdbeben in Tokio im Jahr 1923 ihre Mutter und ihren Onkel verliert. Fortan wächst sie als Waise auf. Auf Anweisung ihrer Mutter verrät Mariko niemandem in ihrer fremdenfeindlichen japanischen Umgebung, dass sie eigentlich Koreanerin ist. Erst als Großmutter erfährt sie, dass ihre Mutter nicht in einem Erdbeben, sondern bei einem Massaker an den „koreanischen Volksfeinden“ gestorben ist. Zum ersten Mal gerät ihr Entschluss ins Schwanken, selbst ihrer Familie ihre koreanische Herkunft zu verschweigen.

Im allzu knappen Schweinsgalopp schubst Aki Shimakazi den Leser ihres Romans nicht nur durch einen bislang wenig erinnerten Vorfall, sondern auch durch das ganze lange Leben einer Frau. Zunächst stellt man sich den neuen Roman der Autorin, die sich auf Katastrophenliteratur spezialisiert zu haben scheint – ihr erster handelte vom Abwurf der Atombombe über Nagasaki – mit einer derart schmucklosen Sprache sehr charmant vor. Dann aber, wenn man das Buch zugeklappt hat, fühlt man sich doch nur noch überrumpelt.