KIRSTEN FUCHS über KLEIDER

Die Spur der Strauchheidelbeeren

Gärten machen aus zivilen Menschen Schlumpflurche: Die schicke Einteiler-Frau überlebt nur als T-Shirt-Kind

Ein Garten verändert den Menschen, zumindest für die Zeit, die er dort verbringt. Das ist mit Schwimmbädern ähnlich. Wenn ich im Garten meiner Großeltern bin, werde ich immer auf Charaktereigenschaften zurückgeworfen, die in der großen Stadt nicht passen. Ich werde ein Kind und ein Dreckspatz. Meine lackierten Fußnägel sehen fremd aus unter dem Klapptisch, und die Schmetterlinge flattern irritiert um meine knallroten Haare.

Letztens war ich wieder im Garten, Oma und Opa beim Vernichten von Johannisbeertorte helfen. Ich kam wie eine moderne junge Frau bei ihnen an, in einem grauen, engen Einteiler, weil ich abends in der großen Stadt eine wichtige Verabredung hatte, für die ich schön aussehen wollte. Ich sah auch schön aus, sagte meine Oma gleich.

Nachdem ich also für ein schönes Enkelkind befunden wurde, entdeckte der großmütterliche Blick aber einen Fleck auf meinem Po. Ich hatte ja schon beim Losgehen abgewägt, dass ich mich im Garten anschmutzen könnte, noch dazu, wo die Sauerkirschen reif waren und nicht entfernbare Flecken verursachen könnten. Jetzt hatte ich mich schon vorher irgendwo reingesetzt.

Meine Oma nahm mir mein schickes Teil ab und wusch es. Ich bekam ein riesiges, weißes T-Shirt und kurze Jeans. Die saßen bei mir wie bei diesen Jungs, die zu kleine Fahrräder fahren und Strinbänder mit Sonnenschirm auf dem Kopf haben. Ich kam mir aber gar nicht cool vor, nur als hätte ich eine zu große Hose an. Ich zog die schönen roten Schuhe aus und trat in Baumharz. Daran blieben dann Ameisen kleben, und ich versuchte den Harz unter der Pumpe mit der Kartoffelbürste zu entfernen. Mit einer Bürste die Fußsohlen schrubben kitzelt ungemein.

Dann gab es endlich Johannisbeertorte, und ich bekleckerte mich. Großeltern machen aus völlig normalen Menschen Enkelkinder. Und Gärten machen aus zivilen Menschen Schlumpflurche. Ich nahm die Uhr vom Handgelenk, um streifenlos braun zu werden, obwohl ich mir die Anstrengung hätte sparen können, weil ich immer streifenlos weiß bleibe. Der Besuch im Garten beinhaltet noch den Programmpunkt „Beschenkung der Enkelin“. Das ist ein cleverer Trick meiner Großeltern, damit ich nicht immer nur ans Erbe denke, denn meine Großeltern können mir ja viel mehr geben, wenn sie leben.

Mein Opa fragte, ob ich eigentlich Basilikum habe. Ich bekam auch ein Rezept für grünen Salat mit Tomaten und alle Zutaten. Dann wurde ich informiert, dass die Zuckererbsen bald reif sind und ich dann vorbeikommen solle. Auch die Rosen mussten geschnitten werden, weil sie zu weit auf den Weg hingen, und eine Vase bekam ich auch gleich. Wir stiegen zu dritt durch die Beete, und das T-Shirt wurde nass (Rasensprenger vom Gartennachbarn), zerriss am Ärmel (Apfelbaum), und die Hose sah aus (Strauchheidelbeeren, Erde, Kirschen). Aber es waren ja nur Schlumpumpensachen, und außerdem hatte ich eine Menge leckere Natur, die mit Liebe gewachsen war und meinen Kühlschrank füllte, ohne mein Portmonee zu leeren.

Ich packte alles in meine Chemiefasertasche, und schon fing ich an, mich wieder in die Frau aus der großen Stadt zu verwandeln. Ich duschte mich unter der Outdoordusche, in deren Regentonne das Wasser von der Sonne erwärmt wird. Aus den zerzausten Haaren wurde eine Frisur gemacht. Die Frisur heißt: zerzauste Haare, aber das sieht nicht von allein so aus. Ich zog das ehemals weiße T-Shirt aus, und die zu große Jeans kam zurück in die Truhe. Aus meinen roten Schuhen vertrieb ich eine Spinne, der die Schuhe sowieso zu groß waren. Mein Einteiler war inzwischen getrocknet und sah immer noch toll an mir aus.

Meine Großeltern fingen gleich an, mich zu siezen. Und wie ich sie so umarmte, meine Oma in der Schürze und meinen Opa in der Turnhose, kam ich mir vor, als ob ich jetzt von ihnen gehen müsse. Hach ja. Ich ließ sie zurück an ihrem Ort Garten, und in der Bahn setzte ich mich in was Klebriges. Die Stadt ist auch nur ein großer Garten.

Fragen zum Gartenlook? kolumne@taz.de Morgen: Philipp Maußhardt über KLATSCH