Pollen und Aussterbeereignisse

Wo der Archäopteryx und auch avancierte Wissenschaftslyrik zu Hause sind: Ein Besuch im Naturkundemuseum in Berlin – einem zauberhaften Ort, in dessen Forschungsräumen allerdings inzwischen schon mal die Ratten an den Präparaten nagen

VON JOCHEN SCHMIDT

Mit dem Aussterben kennen sich Paläontologen aus. Schließlich ist die Paläontologie die Wissenschaft vom Leben in der Vorzeit. Außerdem ist sie nun auch selbst vom Aussterben bedroht, zumindest in Berlin. Seit der Emeritierung seines Professors vor vier Jahren ist der Lehrstuhl an der Berliner Humboldt-Universität nicht wieder besetzt worden. Zudem: Die Arbeitsbedingungen sind schlecht, nicht nur von René Grube, einem der hier beschäftigten Paläobiologen.

Sechs Wissenschaftler teilen sich einen Kellerraum des Naturkundemuseums, immerhin eines der berühmtesten Museen Deutschlands, wo die Paläontologen forschen. Die alte Heizung wird nur lauwarm, wegen der Einfachfenster trägt man im Winter Schal. Wenn er hier spätnachts am Mikroskop Pollen studiert, laufen fette Ratten durch den Raum. Außerdem leisten ihnen Blaps mortisaga Gesellschaft, Totenkäfer, die von den Forschern in einer Badewanne gesammelt werden. Seit dem Krieg ist hier nicht viel renoviert worden, das ehemalige Gebäude der archäologischen Sammlung im Innenhof ist eine der letzten Ruinen Berlins, in der inzwischen hohe Birken wachsen.

Seine Diplomarbeit hat Grube über Nahrungsreste von fossilen Elefanten und Nashörnern geschrieben, die westlich von Merseburg gefunden wurden. Aus dem Magen und den Schmelzfalten der Zähne wird die so genannte Mudde geborgen und nach Pollen untersucht. Die Beschreibung der Pollenformen kann es mit avancierter Naturlyrik aufnehmen: „Proximaler Ansatzwinkel der Luftsäcke sehr stumpf, keine deutliche Einschnürung zwischen Luftsack und Zentralkörper … die Form der Aperturen wird als trizonoporat oder trizonocolporat beschrieben, bei apomiktischen Gruppen auch als tetrazonocolporat.“ Es ist eine eigenartige Vorstellung, dass man von vielen vorzeitlichen Pflanzen nicht weiß, wie sie aussahen; man kennt nur ihre Pollen. Nur mit Glück findet sich manchmal irgendwo auf der Welt eine unbekannte Pflanzenart, deren Pollen sich zu den vorzeitlichen zuordnen lassen.

Die Paläobiologie war früher wichtig für die Einschätzung des Alters von Kohlefundstellen, heute nutzt man dafür geophysikalische Methoden. Wozu müssen wir wissen, was vor 200.000 Jahren gewachsen ist, fragt man heute, wo das heroische Pathos der Forschung Profitabilitätsdenken gewichen ist. Die Institutsbibliothek kann sich nicht einmal die Fachzeitschrift Revue of Palaeobotany & Palynology leisten, und das obwohl sie in einem Panzerschrank das millionenschwere Original des Archäopteryx beherbergt.

Die Politik fördert das evolutive Gerangel zwischen den Fakultäten. Symbolisch der Fall des Homo erectus aus Bilzingsleben, wo sich eine der bedeutendsten altpaläolithischen Fundstellen Europas befindet. Der Landkreis wurde nach der Wende zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt geteilt, alle früheren Funde werden in Halle aufbewahrt, die späteren in Jena. „Deutscher Föderalismus spaltet Urmenschenschädel“, könnte die Schlagzeile lauten. Gefragt nach seinen wissenschaftlichen Träumen, schwärmt Grube von einer „Systematik der Nacktsamer“. Ob die Gingkophyten mit den Koniferen zusammenhängen, wüsste er gern. Zurzeit überwintert er im Graduiertenkolleg „Evolutive Transformation und Massenaussterbeereignisse“.

In der Antarktis, wo bis vor 20 Millionen Jahren üppige Flora blühte, werden Schwemmschichten unter Wasser 800 Meter tief angebohrt. Die Bohrkerne werden weltweit in vier core repositories verwahrt, drei in den USA, eines in Bremen. Während Grube Proben des Bohrkerns untersucht, platzen in ihren Kellerräumen die Rohrleitungen, die Ratten nagen über Nacht an den Wachspositiven der Amphibien.

Wegen solcher Widrigkeiten hat Grube für die dekadente Romantik des Naturkundemuseums nicht viel übrig, aber für Besucher ist es immer noch ein zauberhafter Ort. Jedes Berliner Kind ist mit den berühmten Saurierskeletten aufgewachsen, die aus dem Fundort Tendaguru in Tansania, damals deutsche Kolonie, stammen. Das kaiserliche Vorzeigeprojekt ist allerdings noch immer nicht vollständig ausgewertet, im Keller lagern seit 90 Jahren Kisten mit tonnenweise Gestein und Sediment. Erst kürzlich ist darin wieder ein Zahn gefunden worden.

Grubes kleines Labor erinnert fatal an den ungeliebten Chemieunterricht mit seinen Sinnsprüchen: „Erst das Wasser, dann die Säure, sonst geschieht das Ungeheure.“ Es gibt einen Abzugskamin und eine Notdusche für Säureunfälle. Mit Salzsäure werden in den Proben die Karbonate gelöst und mit der um ein Vielfaches gefährlicheren Flusssäure die Silikate. Übrig bleiben die Pollen, deren Hülle aus Sporopollenin besteht, einem hochresistenten Biopolymer, das auch von der Flusssäure nicht geknackt wird. Das Gefährliche an ihr sei die Verdampfung. Er habe oft Albträume mit der Zwangsvorstellung, sich die Lungen verätzt zu haben. Einmal sei auch der Chemikalienbeauftragte des LKA hier gewesen, weil sie verdächtigt wurden, Drogen herzustellen.

Noch beeindruckender ist der „Fischsaal“, in dem in endlosen Regalen Fischpräparate in gelblichem Alkohol schwimmen. Die Sammlung wurde unter Friedrich dem Großen von Marcus Elieser Bloch (1723–1799) begründet, es handelt sich um die größte ichthyologische Kollektion aus dem 18. Jahrhundert. Kleine Haifische schwimmen in länglichen Gläsern für immer steil in den Himmel. Bei Gläsern, die ein roter Punkt ziert, handelt es sich um Typusexemplare, also Originale, nach denen die Art beschrieben ist. Was überhaupt das Kriterium für eine Art sei, frage ich und lerne den Begriff „reproduktive Isolation“. Ein Zustand, der für viele Forscher aufgrund ihrer mangelnden Sozialkontakte zum Fluch wird, gemeint ist aber die Unmöglichkeit, sich über Artgrenzen hinweg fortzupflanzen, denn Arten sind potenzielle Fortpflanzungsgemeinschaften. Bei manchen Tieren gibt es noch Zweifel; ob zum Beispiel der Schimpanse und der Bonobo zur selben Art gehören, kann man nicht prüfen, weil sich der eine in Missionarsstellung paart und der andere a tergo.

In einem früheren Hörsaal, dessen Dach nach dem Krieg von russischen Pionieren notdürftig mit Holz und Teer gedeckt wurde, befindet sich die weltweit einmalige Karbonpflanzensammlung, bergeweise graue Brocken mit schwarzen Pflanzenablagerungen. Bei großer Hitze tropft der schmelzende Teer von der Decke auf die Fundstücke. Vieles ist noch nicht systematisch erfasst, vom Bau der Thüringer ICE-Trasse stammen neue, in Zeitungspapier eingeschlagene Brocken. Wenn Baggerfahrer etwas fänden, sei das für sie immer eine spannende Abwechslung. Man dürfe sie aber nicht zu lange aufhalten, sonst würden sie einen beim nächsten Mal nicht mehr rufen.

Die wenigsten Besucher des Museums ahnen, dass neben dem Ausstellungsbereich auch geforscht wird. Dabei gelte es wegen der Dialektik von Forschungswert und Anschauungswert für die Wissenschaftler als abwertendes Urteil, etwas als „Ausstellungsstück“ zu deklarieren. Bei den Karbonpflanzen bilde sich beispielsweise durch fortschreitende „Inkohlung“ Gümbelit, ein weißes Tonhäutchen, das dem Präparat einen besonders schönen Glanz verleihe, es aber für die Untersuchung anatomischer Details der Pflanze wertlos mache.

Für die Objekte im Ausstellungsbereich wird in Berlin mit einer großen Patenaktion geworben. Man kann Pate eines scheußlichen Marans werden oder für einen riesigen, hässlichen Heilbutt spenden, den man dann zweimal im Jahr besuchen darf. Schöner sind die Vergrößerungspräparate von Spinnen, Insekten und Maden, die Alfred Keller von 1930 bis 1955 aus Gips, Wachs, Pappmaché und Zelluloid gefertigt hat. Eine seltsame Vorstellung, wie dieser Virtuose sich in den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit der Herstellung solcher akribisch genau gearbeiteter Insektenmodelle hingegeben hat.

Jedes mal, wenn Grube spätnachts nach Hause geht, kommt er durch den Säugetiersaal mit ausgestopften Nashörnern und Nilpferden. Die Systematik sei nicht mehr aktuell, aber für eine Überarbeitung fehle das Geld. Über meinen Vorschlag, sich, um die Politik endlich wachzurütteln, in einer nie da gewesenen Protestaktion nackt in eine Vitrine neben den ausgestopften Gorilla Bobby zu setzen, muss er erst noch nachdenken.

Jochen Schmidt ist Schriftsteller und lebt in Berlin