Gesichter hinter der Statistik

Am Kottbusser Tor wird heute derer gedacht, die an den Folgen ihres Drogenkonsums starben. Marie war 16, als sie in einem Hinterhof gefunden wurde. Kerstin starb mit 22 auf einem Caféklo

Drogentote nimmt die Masse meist nur in Form von Statistiken wahr. Der einzelne Tote ist dabei lediglich eine Zahl, die die Statistik in die Höhe treibt. Das will der Drogentotengedenktag durchbrechen, der heute bundesweit begangen wird. In Berlin lädt die Drogenhilfeeinrichtung Fixpunkt um 13 Uhr zur Gedenkstunde ans Kottbusser Tor. Hier soll an die einzelnen Menschen erinnert werden, die an den Folgen ihres Drogenkonsums gestorben sind.

Ihre Namen können Freunde oder Angehörige auf Kärtchen schreiben und an einen Sarg heften. „Das ist als Kultur des Bewusstwerdens für die Szene sehr wichtig“, sagt Astrid Leicht, Projektleiterin von Fixpunkt. „Die Leute stellen für einige Minute die Bierbüchse weg und denken nach.“ Auch Angehörige kommen zum Drogentotengedenktag. Er wurde vor sechs Jahren von einem bundesweiten Eltern-und-Angehörigen-Verband ins Leben gerufen.

Kerstin* könnte eine von denen sein, deren Name heute aufgeschrieben wird. Die 22-Jährige ist im vergangenen Jahr an einer Überdosis gestorben. Sie wurde tot auf der Toilette eines Cafés am Ku’damm gefunden. Schon in der Schule hat die Spandauerin angefangen, Heroin zu nehmen. Sie blieb dem Unterricht immer häufiger fern, schließlich kam sie gar nicht mehr. Sie ging auf den Strich, um die Drogen zu bezahlen. Einen Entzug brach sie ab, schließlich schaffte sie eine Langzeittherapie und lebte in einer betreuten Einrichtung. Dann hatte sie mehrere Rückfälle, deshalb flog sie aus der Einrichtung. Kurz danach starb sie an einer Überdosis.

Auch Marie* könnte heute gedacht werden. Elfriede Schulte, Gesundheitsfrau bei Fixpunkt, erinnert sich noch gut an das Mädchen. Einmal hat sie Marie in einer Toilette bei McDonald’s am Zoo gefunden und sie ins Krankenhaus gebracht. „Die hat von Anfang an alles genommen, hat russisches Roulette gespielt.“ Marie war 14, als ihre Drogenkarriere begann, mit 16 war sie tot. „Sie war überhaupt nicht verelendet“, erinnert sich Schulte. „Sie war schick, geschminkt, sah top aus.“ Marie wuchs in einem deutsch-algerischen Elternhaus auf. Die Eltern trennten sich, die Tochter blieb beim Vater. Als er von ihrer Sucht erfuhr, sperrte er sie ein. Marie beklaute ihn und haute durch das Fenster ab. Der Vater ging zur Beratungsstelle am Zoo, um sich Hilfe zu holen. Doch er kam an seine Tochter nicht ran. Schließlich entschied er, sie nach Algerien zu schicken und dort zu verheiraten. „Marie wehrte sich“, sagt Schulte. Ein paar Monate später wurde sie tot in einem Charlottenburger Hinterhof gefunden.

Kerstin und Marie sind zwei von 165 Drogentoten, die im vergangenen Jahr in Berlin registriert wurden. Als Drogentoter zählt dabei nicht nur, wer wie Kerstin durch eine Heroin-Überdosis oder durch Mischkonsum stirbt. Registriert wird auch, wer unter Rauschgifteinfluss bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt, wer an den Folgen von Drogenkonsum wie etwa Aids oder Hepatitis stirbt oder wer als drogenabhängig gilt und Selbstmord begeht. Zumindest dann, wenn ein Zusammenhang hergestellt wird und bei der Obduktion Drogen gefunden werden.

Typische Fälle sind die beiden jungen Frauen nicht. Nach Angaben des Landesdrogenreferats sind die meisten Drogentoten männlich, sie sind durchschnittlich Anfang 30, und die überwiegende Mehrheit wird nicht in der Öffentlichkeit, sondern in Privatwohnungen gefunden.

*Namen geändert