Die Kinder des 20. Juli

„Willst du mal sehen, wie ich heiße“, fragte der Junge einen Mithäftling – und klappte den Latz seiner Lederhose runter. Auf der Innenseite war sein Name zu lesen: Christoph Graf Schwerin von Schwanenfeld. Und eben nicht: Christoph Seifert, wie der Junge jetzt eigentlich heißen sollte. Der absurd-komische Akt des jungen Grafen war so etwas wie eine Widerstandstat gegen Hitler. Denn der rachsüchtige Diktator, soeben mit knapper Not dem Bombenattentat des Grafen Stauffenberg entronnen, wollte, dass die Familien der Attentäter des 20. Juli 1944 ausgelöscht werden. Oder zumindest deren Namen. Hitler ließ deshalb seine jüngsten Feinde, 46 Kinder aus häufig adligen Offiziersfamilien, internieren. Sie sollten eine neue Identität und neue (Adoptiv-)Eltern erhalten. Aus SS-Familien, ausgerechnet.

Wenn heute im Bendlerblock in Berlin mit einem öffentlichen Gelöbnis von Bundeswehr-Rekruten und einer Rede des Bundeskanzlers der Attentäter des 20. Juli gedacht wird, will auch Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld dabei sein. Er hat diese Lederhosen-Geschichte seines jüngeren Bruders noch genau in Erinnerung. Beim Tee auf dem Familiengut im mecklenburgischen Woldegk Göhren erzählt der Adlige von seinem am 8. September 1944 als „Verräter“ hingerichteten Vater Ulrich-Wilhelm und von der „Sippenhaft“ der Kinder der Verschwörer.

Und wie bei jeder guten Geschichte vermischen sich dabei Tragödie und Komödie untrennbar. Manchmal wirkt es wie Selbstschutz, wenn der Adlige lustige Anekdoten erzählt, wo man weinen will. Aber ein Mann wie der Graf Schwerin weint nicht. Nur seine Augen werden manchmal feucht, wenn der 75-Jährige von seinem „alten Herrn“ spricht.

Dabei fehlte offenbar nicht viel, und die Kinder und Frauen der Attentäter hätte das gleiche Schicksal ereilt wie ihre Väter und Männer, die nach einer Prozessfarce vor dem Volksgerichtshof gnadenlos an Fleischerhaken in Berlin-Plötzensee erhängt wurden. Auf der Gauleitertagung am 3. August 1944 in Posen verwies der Reichsführer-SS, Heinrich Himmler, auf die alten Germanen, um zu erklären, was mit den Angehörigen der Attentäter zu geschehen habe: „Wenn die Familie vogelfrei erklärt wird und in Acht und Bann getan wird, sagten sie: Dieser Mann hat Verrat geübt, das Blut ist schlecht, da ist Verräterblut drin, das wird ausgerottet. Und bei der Blutrache wurde ausgerottet bis zum letzten Glied in der ganzen Sippe.“ Die Gauleiter applaudierten.

Zunächst wurden die Frauen und Kinder der Attentäter interniert, manche, auch die älteren Kinder, kamen ins KZ. Die jüngeren wurden nach Bad Sachsa im Südharz verschleppt. Ohne ihre Mütter. Im dortigen Kindererholungsheim des Gaues Weser-Ems, einem Komplex aus mehreren Häusern im Schwarzwald-Stil, sollten sie erst einmal auf unbestimmte Zeit bleiben. Die Stauffenberg-Kinder waren hier, die Tresckows, die Hofackers, die Trotts, die Lehndorffs, die Goerdelers und viele andere – kurz: die Nachkommen der wichtigsten Verschwörer. Der jüngste Häftling war zehn Tage alt. Alles natürlich hoch geheim.

Der Militärhistoriker Eberhard Birk hat eine Geschichte ausgegraben, die beweist, dass es mit der Geheimhaltung nicht so weit her war. Ein Invalide, der im Heim aushalf, bekam bei dem Spiel eines Jungen mit einem Mädchen zufällig mit, wer da inhaftiert war: „Ich bin ein Graf“, sagte der Bube, „bist du auch eine Gräfin?“ „Ja“, antwortete es. „Dann kann ich dich ja heiraten!“ Da schwante dem Beobachter: „Mensch, das sind alles Adlige, die sind vom 20. Juli.“ Dem Historiker Birk zufolge wurden den Inhaftierten alle persönlichen Dinge abgenommen, darunter Fotos der Eltern. Jeder Briefkontakt war verboten. „Ihr werdet eure Eltern nie mehr wiedersehen“, sei ihnen gedroht worden – und was den Vater anging, stimmte dies auch in der Regel.

Die Schwerins kamen am 14. September 1944 nach Bad Sachsa, Wilhelm war mit 15 das älteste der dortigen Kinder. Ihr Vater war da schon sechs Tage tot, ohne dass die Familie davon wusste. In der Zeitung stand nichts. Die beiden Brüder wurden aufgefordert, von sich aus nach Bad Sachsa zu fahren. Mit eigenem Geld lösten sie die Fahrkarte nach Nordhausen – ihre Mutter war inhaftiert, was blieb ihnen übrig?

Auch die Töchter des Diplomaten Adam von Trott zu Solz, eines der führenden Köpfe der Widerstandsgruppe „Kreisauer Kreis“, kamen nach Bad Sachsa: Verena und Clarita, die noch nicht mal ein Jahr alt war. Gretel und Berta Steinke sollten sie heißen. Bei der Verhaftung der beiden Kinder empörte sich ihre amerikanischstämmige Großmutter vor einem Gestapo-Mann: „Was ist das für ein Staat, wo sie kleine Kinder mitnehmen?“, wie sich Clarita, heute mit Nachnamen Müller-Plantenberg in Berlin lebend, erinnert. Erinnerungen an Bad Sachsa hat sie natürlich nicht.

„Ihr werdet eure Eltern nie mehr wiedersehen“, drohte man ihnen – und was den Vater anging, stimmte es„Ich habe meinen Vater nie als Held gesehen“, sagt Graf Schwerin. Aber als einen aufrechten Mann

„Wir waren Verschwundene“, sagt sie heute. Sie weiß mehr zu berichten, über die Nachkriegszeit, dem Aufwachsen als Halbwaise, hinein in eine außergewöhnliche Familie. „Viel vermacht“, habe ihr der Vater, sagt Clarita Müller-Plantenberg: „viele Freunde“. Dazu eine „klare und weltoffene Sicht“, auch wenn es hart gewesen sei, ohne Vater. „Aber man wächst da rein.“

Auch sie kann die Tränen kaum zurückhalten, wenn sie von den Aufnahmen erzählt, die ihren Vater vor dem Volksgerichtshof zeigen: Wie mutig und gefasst er vor dem Richter/Schlächter Roland Freisler stand und auf dessen Frage, ob man Hitler habe ermorden wollen, geantwortet hat: „Gewiss.“ Hitler hat die Hinrichtungen filmen und sich vorführen lassen. Das Hängen wurde so gestaltet, dass der Todeskampf möglichst lange dauerte. Clarita Müller-Plantenberg kennt diese Geschichte. „Ich weiß, dass er sehr gelitten hat“, sagt sie zweimal.

Für sie, sagt die Soziologieprofessorin und Mitbegründerin der „Lateinamerika-Nachrichten“, sei Adam von Trott zu Solz nie der Übervater, der Held gewesen, sondern „ein aufrechter Mensch“. So habe auch sein Erbe sie nie erdrückt, sondern vielmehr befreit: „Ganz genau!“ Und als mal jemand sich verwundert gezeigt habe, dass er seine Familie in gewisser Weise „einfach hat sitzen lassen“, entgegnete seine Tochter: „Er hat es für uns getan.“

Ein einfaches Erbe war es trotzdem nicht: Noch in den 50er-Jahren musste Clarita Müller-Plantenberg häufiger erleben, wie ihr toter Vater als „Verräter“ beschimpft wurde. „Natürlich habe ich das gehört.“ Es dauerte auch eine Weile, bis ihre Mutter, die nach 1945 Medizin studierte, die Kinder selbst ernähren konnte – eine Witwenrente, wie sie die Frauen gestorbener Naziverbrecher in der Bundesrepublik längst erhielten, bekam sie erst ab 1955.

Die Heldenverehrung für die Attentäter des 20. Juli vonseiten der Bundesregierung habe sie lange Zeit als etwas „Künstliches“ empfunden, das nicht wirklich in der Bevölkerung verankert gewesen sei, sagte Clarita Müller-Plantenberg. Erst in den vergangenen etwa zehn Jahren habe sich das verändert. Das öffentliche Gelöbnis am Gedenktag habe sie nie verstanden, schließlich sei ihr Vater, wie viele andere auch, aus dem zivilen Widerstand gekommen. Im Hinrichtungsraum mit den Fleischerhaken, wo alljährlich ein Gottesdienst in Erinnerung an die Ermordeten stattfindet, war Clarita Müller-Plantenberg nie: „Ich habe das jeden Tag meines Lebens vor mir: Warum soll ich da noch hingehen?“

Graf Schwerin geht möglichst jeden 20. Juli zum Gottesdienst nach Plötzensee. Wie bei seinem Vater hat der Glaube für ihn eine große Bedeutung. Das war schon zu Nazizeiten so, als Wilhelm von der thüringischen Klosterschule Roßleben flog. Zusammen mit anderen „Rädelsführern“ hatte er fast alle Mitschüler überzeugt, dem Direktor nicht zu folgen – der wollte, dass seine Schüler am Heldengedenktag vor dem Altar der Klosterkirche Nazilieder singen. Das war im März 1944.

Der Vater holte den relegierten Jungen damals am Anhalter Bahnhof in Berlin ab, lobte ihn, das habe er „hervorragend“ gemacht. Nur der Zeitpunkt sei nicht so günstig, deutete der Vater an. Die Planungen des Attentats wurden zu dieser Zeit konkret. Auf die Familie durfte kein Verdacht fallen.

Nach dem Attentat versuchte die Familie Schwerin alle Spuren von den Treffen der Attentäter auf dem Schloss in Göhren zu vernichten. Vergeblich. Die Familie wurde enteignet. Immerhin kamen die jungen Grafen und ihre Mutter nach einigen Wochen wieder frei. Kurz vor Kriegsende brannte das Schloss derer von Schwerin ab – die Witwe floh mit ihren drei Söhnen vor den anrückenden sowjetischen Truppen. Sie hatten alles verloren. Die Kinder aus den Kernfamilien des Widerstands wie die Stauffenbergs, Tresckows und Hofackers sollten noch wenige Tage vor der Kapitulation von Bad Sachsa ins KZ Buchenwald gebracht werden – ein Bombenangriff vor dem Bahnhof verhinderte dies in letzter Minute.

Graf Schwerin erlebte den 8. Mai 1945 wie eine Erlösung: „Ich bin befreit worden.“ Auch er tut sich schwer mit dem Ausdruck „Held“ für seinen Vater: „Ich habe meinen Vater nie als Held gesehen.“ Aber „aufrechte Männer“ seien die Attentäter gewesen, die Verantwortung für ihr Vaterland übernommen hätten, bereit, dafür ihr Leben zu geben. „Solche Leute wachsen ja auch nicht auf den Bäumen.“ Dass man sich einsetzen müsse für andere, habe er von seinem Vater gelernt. Und dass man jedem Recht angedeihen lassen müsse. Graf Schwerin war 21 Jahre lang ehrenamtlicher Präsident der Johanniter Unfallhilfe. Er war in einem deutschen Konzern tätig.

Vor zehn Jahren, nach seiner Pensionierung und genau 50 Jahre nach der Flucht aus Göhren, kehrte er aus Westdeutschland zurück auf das alte Gut des Vaters. Vom Schloss sind nur noch die Grundmauern im Wald zu erkennen. Den Rasen des Parks davor, wo er früher immer spielte, mäht er nun jede Woche mit seiner Frau sechs Stunden lang. Der Graf geht über den Rasen zur Kapelle gleich neben dem Schloss, sie ist erhalten geblieben. Hier wurde er getauft und konfirmiert. Vor so langer Zeit. Die Stühle seiner Eltern sind noch da, die Taufschale mit dem Wappen der Familie – hier hängt auch eine Tafel in Erinnerung an seinen Vater.

Dass sich sein Vater aus Rücksicht auf die Familie dem Widerstand gegen Hitler hätte verweigern können, diesen Gedanken versteht Graf Schwerin gar nicht recht: Man könne doch nicht seine Überzeugung zurückstellen „aus privaten oder materiellen Gründen“, sagt er. Der Geist des 20. Juli lebt.