Im Sinne guter Kameradschaft

von JASNA ZAJCEK

Sex fällt den meisten Menschen beim Stichwort „Bundeswehr“ nicht sofort ein. Verständlich aber ist, dass spätpubertierende Wehrdienstleistende und junge ZeitsoldatInnen anders über dieses Thema denken. Denn bis zum Alter von 25 Jahren besteht Kasernenwohnpflicht – und unter Umständen müssen Waschbereich, Camp oder Stube vorschriftswidrig mit dem anderen Geschlecht geteilt werden.

Oder auch mit dem klassischen Armee-Albtraum des Hetero-Machos: mit leibhaftigen Schwulen. Sah man noch unter Verteidigungsminister Rudolf Scharping Menschen dieser Ausrichtung als „nicht verwendbar in Funktionen, die an Führung, Erziehung und Ausbildung der Soldaten“ gebunden waren, so hat sich dank der „Führungshilfe für Vorgesetzte: Umgang mit Sexualität“ von Dezember 2000 und der sie mittlerweile ersetzenden „Zentralen Dienstvorschrift 14/3 B 173“ zumindest theoretisch Normalität entwickelt, wie der Vorstand des Arbeitskreises „Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr“ erklärt. Die Realität sei allerdings „durchwachsen“, und Toleranz könne „erwartet werden, wenn man sich zurücknimmt“. Repräsentative Studien liegen zu diesem Thema noch nicht vor. Allerdings auch keine Klagen wegen sexueller Belästigung von Mann zu Mann.

Die Marine hat als erste Einrichtung der Streitkräfte in der Offiziersausbildung Workshops zum „natürlichen Umgang mit (Homo-) Sexualität“ im Pflichtprogramm; Luftwaffe und Heer sind noch nicht so weit. Gleichstellungsbeauftragte sollen erst ab Januar 2005 eingeführt werden, derzeit sind die elf regionalen Ansprechpartner eher Fachfrauen für Frauenfragen. Im Bedarfsfall, einem Coming Out beim Bund etwa, leiten sie Ratsuchende an „Pfarrer und Psychologen“ weiter und nicht immer an die Arbeitsgruppe Homosexueller Soldaten bei der Bundeswehr.

Seit die Bundeswehr im Jahr 2001 die Öffnung aller Bereiche für Frauen vollzog, sind rund 9.800 Soldatinnen in deutsche Kasernen gezogen. Knapp die Hälfte war oder ist an der Waffe tätig. Der Großteil von ihnen stammt laut Statistik aus besonders strukturschwachen Gebieten in Ostdeutschland, hat kein Abitur und ist atheistisch gesinnt. Naheliegend und bereits durch die im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie „Soldat, Weiblich, Jahrgang 2001“ des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr belegt, erhofft sich die Gruppe der Zeit- und Berufssoldatinnen sozialen Aufstieg und einen herausfordernden, krisensicheren Job.

Wie wirkt sich der Einmarsch der gottlosen Flecktarn-Amazonen auf die Moral der Jungs der starken Truppe aus? Irritieren Brust und Pferdeschwanz im Feld? Müssen Frauen doppelte Leistung bringen, um akzeptiert zu werden?

Frauen, so interpretiert ein ranghoher Bundeswehr-Akademiker, weisen ein kommunikativeres Profil bei der Unterrichtsbeteiligung auf. Sie brächten gut entwickelte Sozialkompetenz mit und seien meist überwältigend ehrgeizig. Nicht gut für das männlich-militärische Selbstverständnis. Denn laut der Studie, die den ersten Frauenjahrgang 2001 bis 2003 begleitete, sprachen sich nur nur die Hälfte der befragten Männer für eine vollständige Öffnung der Bundeswehr aus – im Gegensatz zu 84 Prozent der befragten Frauen.

Hat sich dank Gender-Workshops für Führungskräfte und der bevorstehenden Einführung von Gleichstellungbeauftragten die Stimmung vom traditionellen Sexismus entfernt, tobt beim Bund nun gar sexueller Umtrieb statt preußischer Disziplin? „Uns interessieren weder hetero- noch homosexuelle Beziehungen, solange sie nicht den Dienstbetrieb beeinträchtigen“, ist von einem Bundeswehrsprecher diesbezüglich zu hören. Die Intimsphäre als Teil des Persönlichkeitsrechts des Soldaten sei einer Einflussnahme des Dienstherren ohnehin grundsätzlich entzogen.

Bislang aber müssen Vorgesetzte eingreifen, sobald sie von der Aufnahme sexueller Beziehungen innerhalb militärischer Liegenschaften, auch außerhalb der Dienstzeit, erfahren. Diese Eingriffe seien individuell verschieden und müssten, so erläutert Marinesprecher Kapitän Kurt Leonards, im Sinne der „guten Kameradschaft“ geregelt werden. So gestatte er eine eheähnliche Partnerschaft mit dazugehörigem Sex in einer Kaserne – wenn alle anderen SoldatInnen am Wochenende nach Hause fahren können. Ein Wehrdienstleistender in der Berliner Julius-Leber-Kaserne erklärt, es sei ganz einfach: „Wenn man ‘n Mädchen hat, muss man halt den Chef fragen, ist auch ejal, ob die selber dient oder von draußen ist. Sie muss nur früh um sechse wieder raus sein. Bei uns ist det janz locker.“

Was in der Kaserne offenbar geregelt werden kann, ist auf einem U-Boot nach wie vor streng tabu. Sex ist dort gar nicht gern gesehen, erläutert Kapitän Kurt Leonards. Wäre er direkter Vorgesetzter der drei derzeit auf deutschen U-Booten tätigen Frauen und ihrer Kameraden, so würde er körperliche Kontakte strengstens untersagen. Das Kameradschaftsgefüge stünde sonst in Gefahr. „Stellen Sie sich die Situation in einem U-Boot, das bis zu sechs Monate unterwegs ist, doch mal vor. Neid und Eifersucht können wir da nicht gebrauchen.“ Da diese drei Soldatinnen, wie auch die beiden in der Ausbildung zur Mienentaucherin befindlichen Frauen bis zur Beendigung ihrer „physisch und psychisch stark belastenden“ Ausbildung vor Medieninteresse geschützt werden, war leider kein Gespräch mit ihnen möglich. Auch klappte es trotz mehrfacher Anfragen bei diversen Bundeswehrsprechern nicht, einen offiziellen Gesprächstermin mit Soldatinnen anderer Gattungen zu frauenspezifischen Problemen zu erhalten. Die offizielle Begründung war stets, dass die Soldatinnen als „ganz normale Armeeangehörige“ betrachtet werden wollten und daher eine Thematisierung des real existenten Unterschieds ablehnten, um eine „besondere Stellung auch in der Öffentlichkeit nicht zu betonen“.

Ralf Siemens, Sprecher der Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär, interpretiert diese Absagen deutlich anders. Seiner Ansicht nach hat die Bundeswehr weder Interesse an der Aufdeckung aller Missstände zwischen den Geschlechtern noch daran, die Männerdominanz aufzubrechen. Er vermutet eine hohe Dunkelziffer an sexuellen Übergriffen und alltäglichen Diskriminierungen, die zum einen nicht von den Soldatinnen an die Vorgesetzten, zum anderen nicht von den Vorgesetzten an den Wehrbeauftragten weitergeleitet würden.

Der aktuelle Bericht des Wehrbeauftragten fällt so denn auch Siemens‘ Meinung nach „äußerst schwach“ aus. Wilfried Penner sei bereits bei Amtsantritt wegen „zu kritischer Äußerungen“ vor den Verteidigungsausschuss „gepfiffen“ worden, daher halte sich Penner, so Siemens weiter, mit Kritik am Bund lieber zurück. Die rot-grüne Regierung habe Militär mittlerweile als außenpolitischen Faktor gesellschaftsfähig gemacht und die Bundeswehr werde, so Siemens, nicht mehr so stark beobachtet wie noch in den neunziger Jahren – auch deshalb, weil sie mittlerweile nach den modernsten Prinzipien der Unterkommunikation arbeite.

Kann derartigen Misständen, seien sie belegt, vermutet oder verborgen, durch Liberalisierung weiter vorgebeugt werden?

Trotz der bestehenden theoretischen Möglichkeit, die bestehenden Dienstvorschriften locker auszulegen, will Verteidigungsminister Struck in den nächsten Tagen eine Novelle erlassen, durch die Sex in militärischen Liegenschaften generell gestattet wird. Damit auch SoldatInnen im Auslandseinsatz eine Chance auf freiwillige, körperliche Kontakte bekommen – gilt dort doch die Pflicht, sich stets innerhalb des Militärgeländes aufzuhalten. Zudem sollen laut Bericht des Wehrbeauftragten aus dem Jahr 2003 Disziplinarvorgesetzte von der indiskreten Pflicht entbunden werden, einzuschreiten und zu überprüfen, ob eine bekannt gewordene Liaison auf Dauer angelegt ist.

Die aktuell gültige Zentrale Dienstvorschrift 14/3 B 173 sieht vor, den Dienst „sexuell neutral“ zu regeln, sprich: die Geschlechtszugehörigkeit in jedem theoretisch relevanten Punkt zu vernachlässigen. Dank Punkt 4 dieses Erlasses darf bereits jetzt jeder mit jedem bzw. jeder versuchen – also auch die Vorgesetzte mit dem Untergebenen und umgekehrt –, solange die Annäherung nach Dienstschluss passiert. Im Idealfall wird daraus dann die „einvernehmliche Aufnahme einer sexuellen Beziehung“, im schlechtesten Fall eine der knapp hundert Beschwerden, die den Wehrdienstbeauftraften pro Jahr wegen sexueller Belästigung erreichen. Im vergangenen Jahr waren es 83, immerhin waren auch einige Beschwerdeführer männlich.

So hatte sich ein Wehrdienstleistender beschwert, dass eine Soldatin ihn nach einmaliger sexueller Nutzung vom Objekt ihrer Begierde zur Hauptfigur des Kasernentratsches degradiert hatte. „Der bringt es nicht im Bett!“ und „Zu wenig in der Hose“ lautetete die üble Nachrede, derer sich die Soldatin schuldig machte. Der in diesem Fall die Wogen glättende, in Gender-Study-Seminaren geschulte Bundeswehrverantwortliche wusste flugs und unbürokratisch zu helfen: Er holte die beiden Zankparteien an einen Tisch, das Problem wurde zu dritt besprochen. Fortan war klar: Sie hatte sich bei ihrem Ex-Bettkameraden zu entschuldigen und muss die sexuelle Diskriminierung durch üble Nachrede unterlassen.

Die Bundeswehr setzt im gesamten Problemfeld der sexuellen Belästigung auf Schulung der Führungskräfte in Gender-Fragen, nicht aber der Wehrdienstleistenden und ZeitsoldatInnen. Zum Vergleich: Als in einer ersten Studie zur Diskriminierung in der schwedischen Armee im Jahre 1999 rund 65 Prozent der Soldatinnen angaben, belästigt worden zu sein, wurde umgehend beschlossen, alle Militärangehörigen diesbezüglich zu schulen. Bis zum Jahr 2002 hatte sich die Quote der Soldatinnen, die belästigt worden waren, auf 47 Prozent gesenkt.

Als männlicher Mobber oder Diskriminierender kommt man, falls die Frau den Mut aufbringt und das Vergehen meldet, meist nicht schnell davon. Ein Oberfeldwebel etwa hatte eine Rekrutin als faul beschimpft und sie aufgefordert, „ihren fetten Arsch“ zu bewegen. Die Soldatin reichte Beschwerde ein – der Unteroffizier erhielt wegen der verbalen Verfehlungen eine Disziplinarbuße auf Bewährung.

Anne R., Soldatin und LKW-Fahrerin im Logistik-Bataillon in Wilhelmshaven, erklärt sich die niedrige Zahl der Beschwerden damit, dass die meisten Frauen gerne nur als Soldaten, die ihren Dienst so gut und ehrgeizig wie möglich verrichten, gesehen werden möchten. Also genau so, wie der Sprecher eingangs angab. Obwohl die Männer sich oft und öffentlich über sie lustig machten und mobbten – meist im Technischen Unterricht –, würde Anne R. wegen ein paar sexistischen Sprüchen keinen Kameraden beim Vorgesetzten anschwärzen.

Anne R. und ihre Kameradinnen befürchten, bei Einreichung von Beschwerden den täglichen Dienst nicht nur von den übergriffigen Kameraden, sondern auch von den Vorgesetzten erschwert zu bekommen – mit fiesen kleinen Repressalien und subtilen verbalen Entgleisungen. Daher gelte für sie im Umgang mit Männern eine ähnliche Denkweise wie für die Geschlechtsgenossinnen vor dem Kasernentor, die „ja auch nicht wegen allem gleich zur Polizei rennen“. Zudem sei das dienstliche Procedere einer Beschwerde mühsam und ginge immer über den Vorgesetzten, der nicht selten ohnehin seine traditionell-gefestigte Meinung zu Frauen an der Waffe und zum Kameradenverpetzen hätte. Also kontert sie lieber mit frechem Spruch und gesundem Selbstbewusstsein.

„Ja, die Messlatte für Belästigungen liegt bei uns höher als in einem zivilen Büro“, bestätigt Katja Roeder, Oberleutnant und Leiterin der AG Soldatinnen. Schließlich gebe es den „Kodex der Kameraden“, der Frauen ihre Beschwerde oft „runterschlucken“ lasse.

Der erste Soldatinnenjahrgang hatte vom Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut Tagebücher erhalten, mit der Bitte, sie zum Umgang der Männer mit ihnen zu führen. Die Lektüre enthüllt seelische Schmerzen der jungen Frauen: „Es kam mir rauher Ton entgegen (…) und dann dieser Satz: ‚Ich will nicht, dass Du zur Kompaniematratze wirst.‘“ oder: „Uns Mädchen gegenüber sind die total abwertend – mehr oder weniger indirekt, aber allein die Tatsache reicht.“ Und weiter: „Ich pass auf, was ich sage – ich lass mir von niemandem in mein Innerstes gucken!“. In der Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts liest sich das dann so: „Gerüchte und Gerede werden zu die soziale Integration der Frauen behindernden und untergrabenden Instrumenten, denen die Frauen wiederum auch mit Strategien der Selbstisolation begegnen.“

Anne R. und die wenigen jungen Frauen, die gemeinsam mit ihr die Grundwehrzeit in Wilhelmshaven ableisten, legen Wert auf vollkommene Gleichbehandlung: Auch wenn sie nur 25 Kilometer mit Zehn-Kilo-Rucksack marschieren mussten, nahmen sie doch lieber die Männerstrecke von 30 Kilometern in Kauf. Um „es sich selbst zu zeigen“ und um manchmal in den Genuss zu kommen, männliche Kollegen beim erschöpften Aufgeben beobachten zu können. Um fasziniert zu sein vom eigenen Körper, der es doch immer weiter, immer härter schafft.

Einen Freund in derselben Kaserne zu haben können sich die jungen Frauen überhaupt nicht vorstellen. Schon jetzt sei ihre Kompanie ein einziger Tratschhaufen, und Gründe zum Spotten oder Lästern wollten sie den männlichen Schandmäulern unter gar keinen Umständen liefern. An die Dusche mit der ungenügenden Sichtblende aus Milchglas im sanitären Männerbereich hat sich Anne R. längst gewöhnt. Sie „hofft und betet“ einfach weiterhin, dass die Jungs sich den naheliegenden Pennälerspaß aufgrund der strengen Strafen (die von Ermahnung über Beförderungsverbot bis hin zur Entlassung und zur Aufnahme eines zivilen Strafverfahrens gehen können) zu verkneifen wissen.

Die Studie belegt: Angriffsfläche zu bieten ist für die Rekrutinnen tabu. Das Bedürfnis nach Verständnis und Zusammenhalt in der maskulinen Hierarchie scheint zu wachsen. Stutenbissigkeit, die 17,7 Prozent der Frauen im Vorfeld befürchteten, scheint kaum nachweisbar. Eingangs hatten nur 14,9 Prozent der Soldatinnen Angst vor Repressalien durch männliche Kameraden und Vorgesetzte, eine Angst, die sich regelmäßig als gerechtfertigt bestätigt. Neuere Zahlen gibt es voraussichtlich Ende 2004.

Zudem belegt die Untersuchung, dass Frauenfeindlichkeit existiert: „Die Analyse hat ergeben, dass sich die formale Integration leichter als die soziale Integration darstellt (...) und damit eine permanente Herausforderung bleibt.“ Immerhin sah die Hälfte der vom Sozialwissenschaftlichen Institut befragten männlichen Soldaten „Frauen für anspruchsvolle körperliche Tätigkeit nicht geeignet“; drei Fünftel der befragten Soldaten befürchteten „Einbuße der militärischen Kampfkraft“ durch Frauen in den Reihen. Das war 2001, bevor die ersten Frauen kamen.

JASNA ZAJCEK, 30, derzeit Praktikantin beim taz.mag, war bei der Öffnung der Bundeswehr für Frauen ein Jahr zu alt, um noch Marinetaucherin zu werden