kuckensema: auf bremens leinwand

Ein Gedankenspiel der Liebe: „Reconstruction“ von Christoffer Boe

Alles ist nur ausgedacht! Dieses Grundelement des Fiktiven, sei es nun Literatur oder Film, versucht der Autor meist so raffiniert wie nur möglich zu kaschieren. Er will den Leser oder Zuschauer so mit seiner Geschichte packen, ihn so von ihr überzeugen, dass dieser, zumindest in der Zeit, in der sie erzählt wird, an sie glaubt. „Dispension of Disbelieve“, also die „Aufhebung des Nichtglaubens“, ist das höchste Lernziel in Hunderten von Drehbuchsseminaren.

Sie ist natürlich fast unmöglich zu erreichen, wenn der Erzähler sein Publikum gleich am Anfang mit der Nase auf diesen Widerspruch stößt, aber genau diese vermeintliche Todsünde begeht der junge dänische Regisseur Christoffer Boe in seinem Debütfilm „Reconstruction“. „Es ist alles Film, es ist alles Konstruktion. Und dennoch, es tut weh!“ sagt am Beginn eine Stimme im Off, und es klingt wie eine Herausforderung an den Zuschauer: „Siehe, ich verzichte auf alle Zaubertricks, und trotzdem werden ich dich kriegen!“ Nicht umsonst zeigt er immer wieder einen Straßenkünstler, der scheinbar eine Zigarette in der Luft schweben lässt. Das Kino ist für ihn eine große Illusionsmaschine, und es gefällt ihm, uns zuerst die Mechanik zu zeigen.

Er erzählt die alte Geschichte von der Liebe: Aimée (!) ist mit August verheiratet und betrügt ihn mit Alex, der wiederum Simone untreu wird. Das Bild ist körnig und meist ein wenig unscharf, die Szenen sind in ein unwirtliches, blauweißes Licht getaucht. Christoffer Boe versucht alles, um uns auf Distanz zu der Romanze zu halten.

Dabei herrscht der Autor wie ein Gott über seine Figuren: So bricht nach einer Nacht mit Aimée im Hotel die Hölle über Alex herein. Das Haus, in dem er wohnt, hat plötzlich ein Stockwerk weniger, so dass seine Dachwohnung einfach verschwunden ist, seine Freunde kennen ihn nicht mehr, seine Existenz ist wie ausgelöscht und er hat nur noch die Liebe zu Aimée, an die er sich klammern kann. Aber auch diese ist ja letztlich ein Geschöpf von August.

„Reconstruction“ ist ein kniffliges Verwirrspiel, eine Versuchsanordnung der Liebe, die manchmal droht, zu selbstverliebt in die eigene Raffinesse zu sein. Dass die beiden Geliebten von Alex, Aimée und Simone, auch noch von der gleichen Schauspielerin Maria Bonnevie (mal mit Brillantkollier und mal mit Zöpfen) gespielt werden müssen, ist ein Dreh zuviel.

Aber trotz der Kopflastigkeit des Film, trotz all der Verfremdungseffekte, trotz der ständigen Hinweise darauf, dass alles nur Fantasiegebilde sind, tut es schließlich tatsächlich weh! Vielleicht, weil Nikolaj Lie Kaas als Alex so schön traurig in die Kamera blicken kann, wenn ihm alles genommen wird. Vielleicht auch, weil die Rache des Gehörnten zwar aller Logik widerspricht, aber dennoch tief erschreckt, weil sie ja den Hass des Autors widerspiegelt. Vielleicht auch, weil wir die Emotionen, die in „Reconstruction“ die Geschichte vorwärtstreiben, so genau von uns selber kennen. Denn niemand kann sich alles nur ausdenken! Wilfried Hippen

„Reconstruction“ läuft täglich im Cinema um 20.15 Uhr