Eine ausgesprochen attraktive Täterin

Englisches Starkino: Außer Konkurrenz läuft Stephen Daldrys Verfilmung des Romans „Der Vorleser“ im Wettbewerb, mit Kate Winslet und Ralph Fiennes. Die Banalität des Bösen und das bewusst Gefühlsselige gehen dabei eine unbehaglich erfolgreiche Allianz ein

„Der Vorleser“, Bernhard Schlinks jetzt mit vornehmlich englischer Besetzung verfilmter Roman, erzählt eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Holocaust. Regie führte Stephen Daldry, das Drehbuch schrieb der Film- und Theaterautor David Hare. Die Gewissenhaftigkeit, mit der das Buch die Themen Schuld, Vergebung und Unerlösbarkeit umkreist, gerät im Film ins Vage – der Holocaust erscheint als Kulisse. Dabei folgt der Film seiner literarischen Vorlage mit Respekt. Aber ihr eher bildkarger Wortreichtum ist nur schwer in das Suggestivmedium Film zu übersetzen.

Der Roman beginnt mit der Affäre des 15-jährigen Michael Berg mit einer mehr als doppelt so alten Frau. Das Verhältnis endet abrupt, als sie ohne Ankündigung verschwindet. Die Liaison zwischen den ungleichen Liebenden, der das Scheitern vom ersten Moment an eingeschrieben ist, besitzt melodramatische Züge. Der Film hingegen setzt nüchterner ein – mit einer Rückblende aus der Perspektive des inzwischen erwachsenen Mannes (Ralph Fiennes), den schon die erste Szene als emotional beschädigt zeigt. Eine Frau verlässt ihn nach einer Liebesnacht, ratlos über seine Verklemmtheit. Als sie aus der Tür ist, erinnert er sich an seine erste Liebe.

Zu deren Ritualen gehörte die Aufforderung der Frau (Kate Winslet) an ihren jungen Liebhaber (David Kross spielt den jungen Michael Berg), ihr aus Klassikern der Weltliteratur vorzulesen: eine, wie es zunächst scheint, romantische Marotte. Die Spannung wird durch thrillerhafte Elemente verstärkt: sie, Hanna Schmitz, ist von Anfang an undurchschaubar. Jahre später findet Michael, inzwischen Jurastudent, heraus, was ihr Geheimnis ist. Als Zuschauer bei einem Prozess um KZ-Verbrechen sieht er Hanna wieder – als Angeklagte. Sie gehörte zur Wachmannschaft eines Konzentrationslagers und ließ später auf einem der sogenannten Todesmärsche mehrere hundert Frauen in einer verschlossenen Kirche verbrennen. Michael erfährt, dass sie sich auch ihrer Opfer als Vorleser bediente.

In diesem Moment kommt die Geschichte zu ihrem eigentlichen Thema, dem der Schuld, des unfassbar Bösen und seiner Nachwirkungen: Ist auch der im späteren Leben beziehungsunfähige Michael Berg ein Opfer von Hanna Schmitz? Verursacht er durch seine Unfähigkeit zur Anteilnahme Katastrophen im Leben anderer Menschen? Und wird Michael nicht seinerseits zum Täter, als er feststellt, dass Hanna beim Prozess eine Falschaussage macht, er aber nicht fähig ist, sie zu berichtigen? Macht er sich durch seine Tatenlosigkeit zum Mitschuldigen?

Ralph Fiennes spielt den älteren Michael mit so verhaltenem Understatement, mit so viel resignierter Tristesse, dass alle Möglichkeiten – auch für ihn – denkbar bleiben. Der größte Konflikt liegt in der Frage, wie eine vielfache Mörderin zur Liebe seines Lebens werden konnte – eine Liebe, die ihn, wie der Film zeigt, schließlich ruiniert.

Problematischer ist die Blickrichtung, die sich nicht vornehmlich den Opfern zuwendet, sondern den Tätern: einer ausgesprochen attraktiven Täterin, die Kate Winslet als enigmatische Verführerin spielt. Beim Versuch, die Motive ihrer Verbrechen zu erklären, begibt sich „Der Vorleser“ in eine prekäre Situation: Wird das Unsagbare durch seine vermeintliche Nachvollziehbarkeit, nämlich den Analphabetismus der Figur, nivelliert?

Sicher beabsichtigt der Film, dem seine ernsthafte Intention überdeutlich anzumerken ist, dies nicht. Dennoch bleibt der Eindruck von Zwiespältigkeit: Es ist eine Auseinandersetzung mit dem deutschen NS-Erbe, die sentimentale Effekte nicht scheut und zugleich komplexe Fragen stellt, die schließlich – dies wiederum redlicherweise – offen bleiben. Auf der einen Seite das bewusst naiv Gefühlsselige, auf der anderen Seite das Bemühen, die Banalität des Bösen nicht durch Klärung von Widersprüchen aufzulösen.

Diese beiden Motive gingen schon im Roman eine Unbehagen stiftende, aber trotzdem – wie sich am weltweiten Erfolg des Romans und seiner jetzigen Verfilmung zeigt – offenbar wirkungsvolle Verbindung ein.