Der Schattenmann

Rolf Aldag bestreitet in diesem Jahr seine zehnte Tour de France. Der Teamfahrer steht dabei selten im Mittelpunkt

In den nächsten knapp drei Wochen rückt der Radsport in den Fokus des öffentlichen Interesses: Die Tour de France, das oft beschriebene, überstrapazierte „härteste Radrennen der Welt“. Seit acht Jahren auch in Deutschland ein Volksereignis. Schuld daran sind die beiden deutschen Tour-Stars: Jan Ullrich, einziger deutscher Sieger der Tourgeschichte und seitdem unglücklicher, ausdauernder Herausforderer der amerikanischen Mensch-Maschine Lance Armstrong und Erik Zabel, der Sprinter aus Unna. Sechs mal das grüne Trikot des Punktbesten bei der Tour, dazu zwölf Etappensiege. Zabel und Ullrich gehören zum T-Mobile-Team, früher Team Telekom.

Im Schatten der Beiden fährt seit vielen Jahren Teamkollege Rolf Aldag. Der 35-jährige Radprofi aus dem westfälischen Beckum bestreitet in diesem Jahr seine zehnte Tour. Ein Jubiläum, das zwischen dem Zweikampf Ullrich und Armstrong unterzugehen droht. Zu Unrecht: Mehr Teilnahmen national schafften bisher nur das Arbeitstier Udo Bölts und mit der aktuellen Tour: Erik Zabel.

In den Ergebnislisten taucht der Name Rolf Aldag selten vorne auf. Er gehört zur Kategorie Edelhelfer, Teamfahrer, der für seine Kapitäne auch schon mal das Tempo, die Drecksarbeit machen muss. Auf den Flachetappen gilt es für Erik Zabel den Sprint anzuziehen, Jan Ullrich muss er unbeschadet in die Berge bringen. Team-Manager Walter Godefroot dazu: „Rolf ist ein Stratege. Ihm haben wir schon so manchen Sieg zu verdanken.“

Zumindest bei der Tour waren es die Siege der Anderen. Bestenfalls die Siege des Teams. Im vergangenen Jahr kam Aldag auf der Bergetappe nach Morzine hinter dem Kletterspezialisten Richard Virenque als Zweiter ins Ziel. Seine beste Tagesplatzierung. Netter Nebeneffekt: das rot-gepunktete Trikot des Führenden der Bergwertung. Für den 1,90 Meter großen und 75 Kilogramm schweren Fahrer eher untypisch. Er ist zu groß und zu schwer für die Berge. Am nächsten Tag fuhr er dem Feld hinterher und verlor das Trikot. Aldag gilt als ehrlich und trocken. „Eigentlich ist das Schwachsinn und kein Radrennen, sondern modernes Gladiatorentum“, sagte er einmal über sein Lieblings-Hassrennen Paris-Roubaix – dem Frühjahrsklassiker auf Kopfsteinpflaster.

Podiumsplatzierungen blieben eher die Ausnahme: Im Jahr 2000 wurde Rolf Aldag Deutscher Meister, hinzu kommen Etappensiege bei der Tour de Suisse, der Deutschland Tour, sowie ein Sieg bei den Berliner Sixdays im Jahr 2002.

Wie lange Aldag noch weiter fahren möchte, ist unklar. „Ich entscheide mich in meinem Alter von Jahr zu Jahr. Deshalb läuft mein Vertrag vorerst nur bis Ende 2004“, sagte er vor kurzem. Nach der Karriere will Aldag sich ganz seinem Hobby widmen: Seit einigen Jahren betreibt er einen Bauernhof und züchtet Büffel. Passt zur Quälerei auf dem Drahtesel. Die Anerkennung für seine Arbeit im Schatten der Großen scheint ihm dennoch sicher. Seit Mitte Juni steht Aldag gemeinsam mit Erik Zabel im Mittelpunkt des Kino-Dokumentarfilms „Höllentour“ von Oscar-Preisträger Pepe Danquart