Das Psycho-Hauptquartier

AUS BISCHOFSWIESEN JÖRG SCHALLENBERG

Wenn man auf das weiß getünchte Haus zugeht, fällt als Erstes der holzgeschnitzte Reichsadler auf, der über dem Eingang thront. Nur das Hakenkreuz ist aus seinen Krallen verschwunden, das haben die GIs bereits 1945 rausgeschnitten. Sie waren lange Zeit ohnehin die Einzigen, die wussten, was sich in diesem im oberbayerischen Landhausstil erbauten Gebäudekomplex im Bischofswiesener Ortsteil Stanggaß verbirgt. Die US Army hatte sich das ganze umliegende Areal am Fuße des Watzmanns nach dem Krieg als Wohnsiedlung und Kaserne einverleibt. Mit dem Auto fährt man von hier in wenigen Minuten zum Obersalzberg bei Berchtesgaden, wo Hitlers ehemaliger Berghof die Touristenmassen anzieht.

Erst Mitte der Neunzigerjahre enthüllte ein amerikanischer Major eher zufällig, dass Hitler in Stanggaß eine Art zweite Reichskanzlei installiert hatte. In der „Dienststelle Berchtesgaden“, wie das 1937 errichtete Gebäude offiziell hieß, ließ der Führer den Reichskanzlei-Chef Heinrich Lammers die Regierungsgeschäfte abwickeln, wenn er, wie so oft, in seinem Domizil in der „Alpenfestung“ weilte.

Als die US-Soldaten 1996 abzogen, fiel das Gelände an den Bund, der es nach langen Querelen um die mögliche Nutzung als Museum oder Hotel an eine Gruppe privater Investoren verkaufte. Jetzt werden die Armeegebäude zu Wohnungen umgebaut – für einen Teil der ehemaligen Reichskanzlei hat sich allerdings bereits ein Mieter gefunden, ein prominenter sogar. Und zugleich ein ziemlich zweifelhafter. „Hellinger-Schule“ steht auf dem Klingelschild unter dem nunmehr hakenkreuzlosen Holzadler. Wir klingeln.

Hier, genauer gesagt in Hitlers ehemaligem Arbeitszimmer, Urbanweg 28, Bischofswiesen, residiert seit einigen Monaten Bert Hellinger, hochumstrittener Psychoguru, der ein eigenartiges Verhältnis zum Nationalsozialismus und zu NS-Tätern propagiert. Hellinger, 78, ist durch die von ihm betriebenen so genannten Familienaufstellungen berühmt geworden.

Die Methode ist ziemlich simpel und gut geeignet, vor größerem Publikum angewandt zu werden: Um Konflikte innerhalb der Familie zu demonstrieren, stellen Betroffene zufällig ausgewählte Zuschauer auf eine Bühne, die dort die Rollen von Verwandten einnehmen sollen. Mit ein paar Sätzen Information zur jeweiligen Familiengeschichte und manchmal innerhalb einer Viertelstunde kann Hellinger so auch schwerste physische und psychische Probleme erkennen und ausräumen – zumindest behauptet er das.

Das Geheimnis seiner Methode, so erklärt Hellinger in diversen Büchern und Schriften, besteht in einem von ihm so bezeichneten „wissenden Feld“, das während der Familienaufstellungen auf mysteriöse Art und Weise entsteht und das allein der Aufsteller, also er selbst, deuten kann. Diese Form der Therapie im Schnellstverfahren hat dem früheren Weltkriegssoldaten und Missionar in Südafrika innerhalb weniger Jahre einen gigantischen Erfolg beschert: Weit über eine halbe Million Lehrbücher und Videos hat Hellinger in Deutschland verkauft, mittlerweile werden seine Werke in diverse Sprachen übersetzt und verbreiten sich weltweit. Zu den Großveranstaltungen, auf denen auch intimste Probleme ausgebreitet werden, kommen oft über 500 Besucher.

Gern berichten Teilnehmer von der besonderen Ausstrahlung, die Hellinger auf der Bühne hat. Abseits der Bühne ist davon allerdings wenig zu spüren. Interviews mit kritischen Medien lehnt er seit Jahren ab – telefonische und schriftliche Interviewanfragen der taz blieben unbeantwortet. Und so schaut er etwas verwundert auf den unangemeldeten Besuch, als er die schwere Haustür öffnet: ein weißhaariger Mann im grauen Jogginganzug, der wesentlich jünger als 78 wirkt. Mittelgroß, mit einem fragenden Lächeln.

„Die Täter sind nämlich die ärmsten Opfer. Sie haben es am Ende am schwersten“

Antworten gibt er dagegen nur ungern – weder auf die Frage, ob es einen bestimmten Grund hat, dass er ausgerechnet in Hitlers ehemaliger Reichskanzlei-Außenstelle wohnt, noch auf die nach seinem Verhältnis zum Nationalsozialismus. „Da ist doch schon die Frage falsch gestellt“, ärgert sich Hellinger, „warum ist das denn überhaupt ein Thema für Sie, dass ich hier wohne?“

In erster Linie, weil Bert Hellinger den Nationalsozialismus und den Umgang mit NS-Tätern selbst immer wieder zu seinem Thema macht – in seinen Werken und bei seinen Aufstellungen. Und leider oft verharmlosend. So findet sich auf seiner Homepage www.hellinger.com prominent platziert und ausführlich beschrieben das Beispiel einer Familienaufstellung, bei der es darum geht, dass der Großvater eines hyperaktiven Jungen bei der Waffen-SS war. Nachdem Hellinger das Problem im Handumdrehen löst, indem der Junge und sein Vater dem Großvater ihre Liebe erklären, liefert er den Publikum noch ein wenig Weltanschauung nach: „Waffen-SS heißt Täter. Nicht immer im bösen Sinn. Viele von der Waffen-SS waren keine Verbrecher. Aber sie haben gekämpft. Und da gab es Tote, viele Tote.“

Und, etwas später: „Es gibt die weit verbreitete Auffassung, als seien die NS-Täter persönlich verantwortlich im Sinne von: Sie waren völlig frei, sich zu entscheiden, und all diese Verbrechen sind ihnen persönlich anzulasten.“ Das bestreitet Hellinger aufs schärfste: „Sie waren in Besitz genommen von einer gewaltigen Bewegung, gegen die die Einzelnen sich nicht wehren konnten, die meisten nicht.“

Woher diese Bewegung kommt, ist für Hellinger klar: „Von Gott.“ Und weil die Täter demnach hilflos in den Klauen einer göttlichen Bewegung zappelten, folgert der 78-Jährige: „Die Täter sind nämlich die ärmsten Opfer. Sie haben es am Ende am schwersten.“ Im Buch „Anerkennen, was ist“ untermauert er seine Einsichten noch: „Die Nazibewegung und den Kommunismus […] betrachte ich als unausweichlich. Es gab keinen, der es in der Hand hatte, sie zu stoppen. Das sind Ausbrüche einer Macht, die größer sind als das Ich.“

Kommentieren will Bert Hellinger diese Äußerungen ebenso wenig wie viele andere, die mit anderen Worten dasselbe sagen. Er spricht überhaupt ungern über seine Weltanschauung, er verkündet sie lieber: Eine Familie ist bei ihm ebenso wie eine Gesellschaft, die er lieber „Volk“ nennt, strikt hierarchisch geordnet. Diese Ordnung wiederum ist von göttlicher Natur, also nicht zu hinterfragen. Wer sich gegen sie stellt, hat bei Hellinger von vornherein verloren. Ein geschlossenes, zutiefst autoritäres Weltbild also.

Zur Familienaufstellung hat Hellinger einmal gesagt: „Bei der Psychotherapie geht es einem wie einem guten Führer. Ein guter Führer sieht, was die Leute wollen, und das befiehlt er.“ Nun hat Hellinger also ein neues Führerhauptquartier.

Aber auch das wird er sicher empört als die übliche Hetze gegen ihn abtun. Wer ihn kritisiert, den charakterisiert Hellinger normalerweise mit großen Worten als politisch verblendet. „Die, die mich jetzt beschuldigen, mussten sich nie bewähren“, lautet einer dieser Sätze, den er jetzt, im Türrahmen stehend, deklamiert. Und darum möge auch jeder, der nicht dabei war damals im Dritten Reich, lieber die Klappe halten.

Und doch wirkt Hellinger zusehends unsicherer. Während des Gesprächs hält er ständig die Hand in der Tür und überlegt offensichtlich, ob er sie gleich zuschlagen soll oder doch lieber noch etwas erklären. Dann sprudelt es aus ihm heraus: „Ich war im Dritten Reich selbst verfolgt. Ich bin nur entkommen, weil ich zur Armee gegangen bin.“ So steht es in seiner Biografie. Und: „Ich habe Versöhnungsarbeit in Israel geleistet, was wollen Sie mir denn vorwerfen?“

Überhaupt: Das mit der Reichskanzlei sei reiner Zufall, er habe sie nur übergangsweise gemietet. Dass er, der Hitler schon mal bei Familienaufstellungen mit auf die Bühne holt, sich in einem ehemaligen Zentrum der Macht von der „göttlichen Bewegung“ des Nationalsozialismus inspirieren lassen wolle, bestreitet Hellinger mit verständnislosem Kopfschütteln: „Ich bin doch nicht wahnsinnig.“ Dabei hat Hans-Joachim Reinecke vom „Virtuellen Hellinger-Institut“ im Internet, der nach eigenen Angaben die Pressearbeit für Bert Hellinger macht, am Telefon gesagt: „Er war neugierig, hat sich da reingesetzt und dann begonnen, über Hitler nachzudenken.“ Doch auch davon will Hellinger nichts wissen, außerdem: „Reinecke? Kenne ich nicht.“

Noch ist die Tür auf. Zeit für Fragen, diese zum Beispiel: Wirkt es nicht befremdlich, wenn sich die „Hellinger-Schule“ ausgerechnet in Hitlers Arbeitszimmer niederlässt, in dem noch der Konferenztisch des Führers steht? Da zeigt sich der freundliche ältere Herr, der stets sein stoisches Lächeln behält, dann ein wenig aufgeregt. Wie zur Abwehr streckt er die Hände aus und beteuert hastig: „Hier drin findet überhaupt nichts statt, das sind ganz normale Wohnräume.“ Und das Klingelschild? „Das macht alles meine Frau, damit habe ich überhaupt nichts zu tun.“ Man wäre in diesem Augenblick nicht verwundert, wenn er als Nächstes behaupten würde, er sei gar nicht Bert Hellinger, sondern nur sein Doppelgänger.

Seine Frau, die mit ihm zusammenarbeitet, hat in der Tat die Wohnung unter ihrem Namen gemietet. Toni Altkofer, Bürgermeister von Bischofswiesen, sieht sich getäuscht: „Wir wussten ja nicht, dass dann der Herr Hellinger da mit einzieht.“ Erst durch den Besuch eines Fernsehteams sei er darauf aufmerksam geworden, wer nun in dem historisch vorbelasteten Gebäude wohnt: „Das ist eine sehr ärgerliche Angelegenheit, darauf hätten wir gern verzichtet.“

Der Bauunternehmer Johann Hölzl, der die Reichskanzlei gekauft und vermietet hat, schimpft dagegen auf die Presse: „Die wissen doch gar nichts von dem Hellinger. Die schreiben doch nur voneinander ab. Gehen sie doch hin zu ihm und fragen ihn selbst!“ Gute Idee. Wenn er nur etwas mehr sagen würde. Doch nach einer Viertelstunde wird es Hellinger zu viel: „Es ist genug.“ Kein Foto, bitte. Einen Blick in seine Wohnung werfen? Auf gar keinen Fall. Er lächelt. Dann schließt er die Tür.