Iphigenie in der Uckermark

Anetta Kahane erzählt von ihrem Leben in einer rassistischen DDR und ihrem Kampf gegen den Rechtsextremismus im vereinten Deutschland

Iphigenie, die Tochter des griechischen Flottenkönigs Agamemnon und der Klytämnestra sollte eines Frevels gegen die Göttin Artemis wegen geopfert werden, um den bei einer Flaute im Hafen von Aulis liegenden griechischen Schiffe die Ausfahrt gegen Troja zu ermöglichen. Die Göttin rettete Iphigenie und versetzte sie nach Tauris, wo sie als Priesterin der Artemis alle dort auftauchenden Fremden gleichermaßen töten sollte. Aus diesem Mythos hat Goethe ein Stück gemacht, das als Höhepunkt des deutschen Humanismus gilt – ist es doch bei ihm Iphigenies Auftrag, die barbarischen, fremdenfeindlichen Sitten der Taurer und ihres Königs zu humanisieren.

Gelegentlich in der Uckermark weilend und ansonsten rastlos im Einsatz gegen Alt- und vor allem Neonazis, hat eine Iphigenie von heute, die ihren Goethe kennt, ihre bisherige Lebensgeschichte vorgelegt, eine Story, an deren Ende der Leser wähnt, dass es sich vielleicht eher um einen Sisyphos weiblichen Geschlechts handelt.

Anetta Kahane, eine alles andere als priesterliche Persönlichkeit, in den späten Achtzigerjahren als erste Ausländerbeauftragte der DDR im Gespräch, dann bekannt als unermüdliche Mitarbeiterin der Regionalen Arbeitsstellen gegen Ausländerfeindlichkeit (RAA) und vor allem als Gründerin der Amadeu Antonio Stiftung, erzählt anrührend und genau von Kindheit und Jugend eines jüdischen Mädchens in der Nomenklatura der DDR. Hierüber hätte man gern noch mehr gelesen, zumal deutlich wird, dass in der DDR alles noch viel schäbiger war, als man es sich vorstellen konnte.

Frühe Auslandsaufenthalte in Indien und Brasilien – Kahanes Vater war Journalist – begründen ihre Liebe zum Süden und zu den dort lebenden Menschen ebenso wie sie der unter der Tünche sozialistischer Gesinnung fortdauernde Rassismus und Antisemitismus der DDR schon früh anwidert. Gleichwohl war sie jenem realen Sozialismus, dem ihre Eltern allen Erfahrungen zum Trotz die Treue hielten, in seiner Gestalt als Staat – nicht als Partei – eine Zeit lang widersprüchlich und in völlig belangloser Hinsicht zu Diensten: Die unbewusste Delegation antifaschistischer Eltern in Verbindung mit der verkorksten Antifa-Romantik eines Teenagers lassen sie einem Agentenführer der Stasi auf den Leim gehen, bis sie ihm 1982 die Kooperation aufkündigt.

Ein Schlüsselsatz des Buches stellt fest, dass die DDR, sofern sie nicht als Bollwerk gegen Antisemitismus und Rassismus wirke, letztlich ihre Legitimität verloren habe. Anetta Kahane hat diesen Legitimitätsverlust schon früh verspürt: in einem Kinderheim, in dem ein schwarzes Mädchen von treudeutschen Heimeltern psychisch misshandelt wurde und Jahre später beim Studium der Lateinamerikanistik in Rostock, wo den Studierenden aus der DDR der persönliche Umgang mit ausländischen Studenten verboten war.

Nach einem Aufenthalt auf der Insel São Tomé sind die Hoffnungen auf einen besseren, einen antirassistischen deutschen Staat restlos verflogen und was bleibt, ist der Versuch, in der maroden DDR zu einem neuen, einem jüdischen Selbstverständnis zu finden. In ihren letzten Jahren war der Staat Erich Honeckers auf der Suche nach Krediten und kam auf die wenig überraschende, allemal antisemitische Idee, dass der Weg zu besseren Beziehungen zu den USA nur über dessen Judentum führen könne. Daher ermutigte die DDR-Führung die Kinder assimilierter jüdischer Kommunisten, sich zu ihrem Judentum zu bekennen und räumte der winzigen jüdischen Gemeinde etwas mehr Spielraum ein.

In der Schilderung jener Jahre wird Kahanes Lebensgeschichte zu einer Fallstudie über jüdische Identitätsbildung. Hier lässt sich nachvollziehen, wie viele verschiedene innere und äußere, psychische, soziale und politische Motive zusammenwirken müssen, damit ein deutsch-jüdisches Selbstverständnis wiedererfunden werden konnte. Kahane zeigt, wie die traditionelle Haltung der Großeltern zu einem entbeinten Universalismus der Kinder wurde und angesichts des mörderischen Nationalsozialismus zum blinden Selbstbehauptungssozialismus der DDR mutierte.

Erst die von einer nächsten Generation über die Erfahrung von Stigmatisierung und Erniedrigung geweckte Sensibilität öffnet die Augen für den Irrgang des sozialistischen Experiments, in dem einige Intellektuelle wähnten, ein besseres Deutschland aufbauen zu können. Freilich, Kahane registriert es aufrichtig, brachten der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung mit den Pogromen von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen zunächst einen neuen, gewalttätigen Schub des Rassismus. Dem Kampf dagegen gilt die politische Existenz der Autorin, in diesem Kampf gewinnt sie den Kern ihres jüdischen Glaubens; die Schilderungen der Bat Mizwa (einer Art jüdischer Konfirmation) ihrer Tochter gehört zu den schönsten Stellen des Buches, in denen sie emphatisch erzählt, dass wohl noch nie so viele Afrikaner und Vietnamesen in einer Synagoge gewesen seien. In diesem Abschnitt auch führt sie die zunächst auseinander strebenden Fäden ihres Lebens zusammen, hier feiern jener antikommunistische Rabbi, der einst die Ostberliner Juden aufforderte, in den Westen zu gehen, und ihr Vater, der den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei begrüßte, ihre leibhaftige Versöhnung – als ob es in der Politik auf die Ziele und nicht vor allem auf die Verfahren ankäme.

Das letzte Drittel der Lebensgeschichte geht ein wenig zu ausführlich auf die verschiedenen antirassistischen Aktivitäten und Programme der Autorin ein, zudem ist unverkennbar, dass sie – den Befunden der politischen Soziologie zum Trotz – das deutsche Gemeinwesen ernstlich von offenem Rechtsextremismus und dessen stillschweigender Duldung bedroht sieht. Aber wie dem auch sei: Hier schlägt Kahanes Herz, hier schreibt sie im Zorn und aus Engagement. Am Ende seines Essays über Sisyphos vermerkt Albert Camus, dass dieser ein glücklicher Mensch gewesen sei. Wir könnten anfügen: Iphigenie auch!