SCHEIBENGERICHT: NEUE PLATTEN, KURZ BESPROCHEN VON CHRISTOPH WAGNER

Abgeklärt

Kraan: „Through (Bassball Recordings BAS 20032/www.bassball.net)

Die Rockgruppe Kraan, Veteranen des Krautrock der 70er-Jahre, haben das Problem des Altwerdens auf intelligente Weise gelöst: Sie haben sich weder in der Vergangenheit eingebunkert noch sich den Imperativen der DJ-Culture gebeugt, sondern den Mittelweg einer behutsamen Erneuerung gewählt.

Der Klang der Revolte ist einem abgeklärten Sound gewichen, der sich entspannt zurücklehnt, um lässige Riffs und gemächliche Grooves aus dem Ärmen zu schütteln. „Slow down, slow down“, heißt es in einem der Songs, und genau das macht die Band. Die Stücke sind zumeist im mittleren Tempo gehalten, der Sound ist trockener geworden und wird mit kühlem Understatement vorgetragen: „Urlaubsmusik“, wie ein Titel heißt.

Für Kontinuität sorgt die eigenwillige Melodik der Songs, darüber hinaus kann man in der kristallinen Gitarrenarbeit von Peter Wolbrandt und in den luftigen Synthesizermelodien von Ingo Bischof Spuren der Vergangenheit erkennen, was keineswegs stört, haben die vier Musiker doch insgesamt einen überzeugenden Weg gefunden, musikalisch in Würde zu altern, ohne alt zu wirken. Darin besteht das Kunststück!

Charlotte Greig: „Winter Woods“ (Harmonium Music HM725)

Charlotte Greig gilt in Großbritannien als Folk-Minimalistin. Aus dem Geist der Tradition heraus schreibt sie Songs in brutal einfacher Form. Diese Art des Reduktionismus findet man auch in der alternativen Countryszene der USA, bei Velvet Underground und Nico sowie Sonic Youth, die alle zu ihren Inspirationsquellen gehören.

Von Sonic Youth hat die Sängerin aus Cardiff den Song „Cotton Crown“ übernommen und von Nico das Harmonium, das inzwischen zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Als etwas schwerfälliges Instrument eignet sich die Tretorgel ideal zur schnörkellosen Begleitung von Liedern: Ihr eher undeutlicher Ton vermischt sich mit den gebrochenen Akkorden des Begleitgitarristen zu einem verwaschenen Klang, der in reizvollem Gegensatz zu Greigs kristallklarer Stimme steht.

Oft singt sie sacht, manchmal haucht sie die Worte nur, was den dunklen melancholischen Stimmungslagen ihrer Songs eine zerbrechliche Qualität gibt. „Fragile – handle with care!“ könnte darauf stehen.

Visionfest – Visionlive (Thirsty Ear/EFA THI 57131.2./www.thirstyear.com)

„Freejazz ist tot!“, lautete vor ein paar Jahren die Diagnose. Inzwischen sagt das niemand mehr, jetzt ist sogar von einem Revival die Rede.

Das New Yorker „Vision Festival“ wirkte dabei als Katalysator. Die mehrtätige Veranstaltung, die alljährlich die Creme der New Yorker Improvisationsavantgarde versammelt, hat sich über die Jahre zu einem der bedeutendsten Jazzereignisse der Stadt gemausert, obwohl es immer noch ein von Musikern organisiertes Festival ist, das ohne nennenswerte Subventionen auskommt. Wer sich als Künstler zu schade ist, bei der Bewirtung mitzuhelfen, kriegt keinen Gig.

Die Höhepunkte vom letzten Jahr sind jetzt im Doppelpack auf einer CD/DVD erschienen. Neben dem selten gehörten Karen Borca Quartet, dem Douglas Ewart Quintet und dem Billy Bang Trio bietet die Eröffnungsnummer die Albert-Ayler-Komposition „Truth is Marching in“, gespielt vom Ensemble Muntu des Altsaxophonisten Jemeel Moondoc, selbst ein Veteran des Genres. Es ist eine kraftvolle Meditation, die fast die Form eines hymnischen Gebets annimmt. Als einziger Europäer ist der Ende letzten Jahres verstorbene Bassist Peter Kowald mit einem Solo vertreten. Kowald war der New Yorker Szene und dem Vision-Festival eng verbunden, das er einst mitgegründet hatte. Die Musiker der Lower East Side betrachteten ihn als einer der ihren. Was für ein Kompliment!

Karlheinz Stockhausen: „Tierkreis/Zodiac –12 Melodien der Sternzeichen“ (Wergo 6659-2/www.wergo.com)

Keine Angst vor Stockhausen! Wer schon bei der bloßen Namensnennung zusammenzuckt, sollten der Musik des Monomanen der Neuen Musik eine zweite Chance geben. Denn Tierkreis ist eines der zugänglichsten Werke Stockhausens und eine der schönsten Musiken seines Schaffens, meint der amerikanische Posaunist Mike Svoboda, der federführend bei dieser Einspielung war. Dafür brachte Svoboda beste Voraussetzung mit, hat er doch zehn Jahre lang als Hausposaunist für Stockhausen gearbeitet und kennt dessen Musik aus dem Effeff.

Tierkreis unterscheidet sich von anderen Werken Stockhausens. Es gewährt den Interpreten größeren Gestaltungsspielraum, den man sich allerdings hart erarbeitet muss. Wochenlang saß Svoboda am Schreibtisch und arbeitete die Partitur des Werks aus, um den Ansprüchen Stockhausens an die Interpretation als Verdeutlichung der Komposition gerecht zu werden. Der Aufwand hat sich gelohnt. Entstanden ist eine Musik, deren Klangfarbensprache feinfühlend poetisch ist, die melodische Qualitäten besitzt, sich gelegentlich clusterhaft verdichtet und in manchen Passagen auf überraschende Weise groovt. So rockig hat man Stockhausen noch nie erlebt.

Back Door: „Askin’ the Way“ (Cultural Foundation CULT 023/www.cultfound.com)

Im Zeitalter der industriell fabrizierten Popstars, klingt die Geschichte von Back Door wie eine Sage des klassischen Altertums. Back Door war ein Trio, das in einem abgelegenen Pub in den Mooren von Yorkshire als Hausband auftrat. Weil sie bei keiner Plattenfirma unterkamen, finanzierte ihnen der Pubbesitzer des „Lion Inn“ die erste Produktion. Die Platte schlug wie eine Bombe ein. Ihr völlig eigenständiger Stil aus Blues, Jazz und Rock erregte derart großes Aufsehen, dass das Album binnen kurzem von Warner Brothers übernommen wurde.

Was folgte, war ein internationaler Triumphzug. Allerdings zehrte der Druck des Big Business an der Substanz: Nach drei weiteren Alben warf die Band das Handtuch. Letztes Jahr haben sich die drei Musiker im gleichen Pub wiedergetroffen und erneut eine Einspielung gemacht. Wer befürchtete, dass dabei nur ein lauer Aufguss vergangener Glorie herauskommen würde, sieht sich getäuscht.

Vital wie in der Frühphase geht das Trio zur Sache. Colin Hodgkinson greift mächtig in die Saiten und lässt seine Bassgitarre in typischer Manier knarren und heulen. Sein akkordisches Spiel liefert das Gerüst für die Songs, die von Ron Aspery in wunderbar singenden Saxofonlinien weitergesponnen werden, angetrieben vom federnden Puls des Schlagzeugers Tony Hicks. Im Lion Inn in Blakey Ridge standen die Leute Kopf – wie vor 30 Jahren.

Borah Bergman: „Meditations for Piano“ (Tzadik/Sunny Moon 7180/www.tzadik.com)

In der Serie „Radical Jewish Culture“ seines Plattenlabels Tzadik stellt John Zorn, Enfant terrible der Avantgarde, avancierte Formen jüdischer Musik vor, die weit über Klezmer hinausgehen bzw. nichts mit diesem Strang jüdischer Tradition zu tun haben.

Der Pianist Borah Bergman, Jahrgang 1927, stammt aus einem Milieu jüdischer Linksradikaler aus Brooklyn, in deren Kreisen Anarchisten wie der Exildeutsche Rudolf Rocker verkehrten. Man stand in Opposition zum gesellschaftlichen Mainstream, und diese Haltung hat Bergman auf die Musik übertragen. Er hat nie einer Szene wirklich angehört, ist immer ein Außenseiter geblieben. Seine individuelle Spielweise, die mit ungewöhnlichen Fingersätzen und Griffweisen neue pianistische Möglichkeiten auslotet, entwickelte er gegen die herrschende Lehrmeinung vom „richtigen“ Jazzpianospiel. Bergman hat auf dieser Einspielung einmal sein Temperament gezügelt und ausschließlich ruhige Stücke improvisiert: Meditationen auf der Tastatur. Behutsam setzt er spärliche Akkorde und spielt karge Tonfolgen, die in ihrer Gültigkeit und dunklen Stimmung mehr an Beethovens letzte Streichquartette als an Jazz erinnern.

Zwischen den verklingenden Tönen kann man ein paar untergründige Melodien ausmachen – Klagelieder, wie sie vielleicht Bergmans Großvater noch gesungen hat, der Kantor einer Synagoge war.

Rose Consort of Viols: „Alfonso Ferrabosco – Consort Music“ (cpo Records/WDR 3 999859/Lübecker Str. 9, 49124 Georgsmarienhütte)

In der Renaissance-Zeit galt Italien als das führende Musikland Europas. Italienische Instrumentalisten und Komponisten standen in derart hohem Ansehen, dass selbst der englische Könighof sich um sie bemühte. Wahrscheinlich waren es jüdische Musiker aus Italien, die in den 1540er-Jahren die Viola da Gamba, ein damals beliebtes Streichinstrument, nach England brachten, und mit ihm das Violen-Consort, eine Ensembleform, die aus lauter Gambeninstrumenten bestand.

Um von der herrschenden Italienbegeisterung nicht ins Abseits gedrängt zu werden, sahen sich einheimische Musiker gezwungen, italienische Namen anzunehmen, wie der Komponist John Cooper, der sich fortan Coprario nannte.

Eine der schillerndsten Persönlichkeiten der damaligen Londoner Musikwelt war der Italiener Alfonso Ferrabosco (1543 bis 1588), der am Hof größtes Ansehen genoss. Gerüchte besagten, dass er möglicherweise ein päpstlicher Spion gewesen sei oder sogar ein Doppelagent der Königin, zu der er in direkter Verbindungen stand.

Mit Finesse komponierte Ferrabosco für das Gamben-Consort und bewies darin eine Kunstfertigkeit, die später von seinem Sohn Alfonso Ferrabosco II (1578 bis 1628) weitergeführt wurde. In ihrer komplexen Verschränktheit gleichen die Gambenstücke der Ferraboscos einem komplizierten Räderwerk, dessen verschiedene Teile präzise ineinander greifen. Es waren kleine Meisterwerke polyphoner Komponierkunst, die der höfischen Gesellschaft zur Ergötzung nach den Mahlzeiten oder in abendlichen Konzerten präsentiert wurden.

Das Rose Consort of Viols ist eines der erfahrensten Ensemble des Genres, das seit mehr als zwei Jahrzehnten das englische Gambenrepertoire erkundet. Sie musizieren die Stücke der Ferraboscos mit einer derartigen Perfektion und Noblesse, dass man sich unmittelbar in die englische Renaissance zurückversetzt fühlt.

Robert Crumb: „Hot Women – Women Singers from the Torrid Regions of the World“ (Kein & Aber Records 2003)

Sammler gelten als verschrobene Käuze. Wer nicht selbst vom Sammelfieber infiziert ist, kann nur schwer verstehen, dass es Mitmenschen gibt, die tausende von Bierdeckeln, Telefonkarten oder alte Postkarten horten. Robert Crumb gehört zu dieser Spezies der Obsessiven. Der Mann, der sich als Underground-Cartoonist mit „Fritz the Cat“ in den 70er-Jahren weltweiten Ruhm erworben hat, sammelt Schellackplatten – und wie! Überall stöbert er sie auf. Kein Flohmarkt, kein Trödelläden, keine Auktion ist vor ihm sicher. So hat er in den letzten 30 Jahre eine beachtliche Kollektion zusammengetragen, deren Tresore er jetzt öffnet. Unter dem Titel „Hot Women“ hat er 24 seiner Fundstücke auf einer CD versammelt, als Hommage an die Sängerinnen dieser Welt. Das Spektrum reicht von legendären Vokalistinnen der Schellack-Ära wie Lydia Mendoza und Cleoma Flacon bis zur Flamenco-Königin La Nina de los Peines, bezieht aber auch unbekannteren Stimmen aus Algerien, Burma und Ostafrika mit ein, die ihnen in nichts nachstehen.

Da man Schellackplatten beim Kauf selten anhören kann, ist ihr Erwerb ein Lotteriespiel, und nicht selten folgt der Euphorie beim Einkauf die Enttäuschung beim Abhören. Dies mag erklären, warum Schellacksammler oft solch massive Kollektionen zusammentragen. Um einige gute Platten zu besitzen, muss man hunderte haben. Robert Crumb hat tausende. Die besten bringt er hier zu Gehör. Man sollte ihm dankbar sein.