Bei offenem Fenster schreiben

Der Mangel an Imagination führt in die Niederlage: Zum 60. Todestag eine Erinnerung an den Historiker Marc Bloch

„Die seltsame Niederlage“ – dieses Buch eines Mittelalterhistorikers aus dem Jahr 1940 ist nicht im Geist des historischen Seminars verfasst worden, sondern aus der eigenen Erfahrung in den Wochen der Blitzkrieg-Okkupation Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht. Marc Bloch, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Sorbonne, Freiwilliger und Patriot, hatte sie als ältester Hauptmann der Armee erlebt.

Dass sich ein Historiker der Beschäftigung mit der unmittelbaren Gegenwart öffnet, war im Fall von Marc Bloch nicht ungewöhnlich; schließlich war es Programm der 1929 gegründeten französischen Historiker-Schule der „Annales“ (unter Leitung von Marc Bloch und Lucien Febvre), „bei offenem Fenster zu schreiben“. Die Schule wollte von der Geschichtsschreibung als reiner Textwissenschaft wegkommen, seither hat sie durch ihre strukturalen, vergleichenden und Langzeitstudien zwischen Wirtschafts- und Mentalitätengeschichte das Fach tief greifend verändert. In Deutschland kam sie allerdings erst verspätet an; hier wurde sie bis in die Siebzigerjahre hinein ignoriert, marginalisiert und ausgesessen.

Als Pionier der Agrar- und Technikgeschichte untersuchte Bloch Landschaften, Feldformen, Werkzeuge und Techniken – sie waren für ihn Bildquellen und Gegenstände einer Lektüre im Bemühen, die Sprache der „stummen Zeugen“ zu verstehen. Wie ein Ochse, ein Pflug oder eine Koppelwirtschaft aussieht, habe vor Bloch keinen Agrargeschichtler geschert, schrieb Febvre. Als militärischer Aufklärer hatte der Historiker die Auswertung von Serienbildern kennen gelernt, die Spurensuche der Luftbildfotografie. Diese Technik des Blow-up, der fotografischen Ausschnittvergrößerung, übernahm er als Autor, um ein Detail hervorzuheben, in dem etwa ein über Jahrhunderte wirksames mentales Ereignis verdichtet ist. Bahnbrechend wurde sein Buch „Die wundertätigen Könige“ von 1924, eine Studie über den Glauben an die wundertätige Macht der englischen und französischen Könige.

Seine Erfahrungen aus dem Blitzkrieg fasste Bloch in eine niederschmetternde Kerndiagnose: „Unsere Chefs waren unfähig, den Krieg zu denken.“ Für ihn war die Kapitulation 1940 eine intellektuelle Niederlage der Nation, seiner Erziehung, seiner Schulen, aufgrund fehlender geistiger Beweglichkeit, kurz: ein Mangel an „Imagination“. Die Fähigkeit des Historikers, richtiges Wissen zu liefern und damit richtiges Handeln möglich zu machen, stand für Bloch in Frage, und er zitiert jenen düsteren Satz eines besiegten Soldaten, der lange in ihm nachhallte: „Sollte die Geschichte uns getäuscht haben?“ War sie korrupt, eine Herrschaftsideologie geworden, untauglich für die Erkenntnis der Gegenwart?

Ab Sommer 1940 trieb den Historiker diese traumatische Beunruhigung zu seinem nächsten Buch: „Apologie der Geschichte oder Der Beruf des Historikers“, das er mit der Kinderfrage seines Sohns beginnt: „Papa, erklär mir doch mal: Wozu dient eigentlich die Geschichte?“ Dieses methodische Vermächtnis Blochs ist bis heute in sechsstelliger Auflage weltweit die am meisten verkaufte Einführung für Studierende und Geschichtsinteressierte; damals kreiste das Denken des Autors und Widerständlers um den Tod, den er als Krieger und Citoyen erwartete.

Von der Zeugenschaft der Niederlage vom Sommer 1940 über die „Apologie“ bis zu jenem 16. Juni 1944, an dem Marc Bloch mit 29 Mitgefangenen von einem deutschen Hinrichtungskommando exekutiert wurde, scheint ein direkter Weg zu verlaufen: Geschichte schreiben und Geschichte machen, das fiel in diesen Jahren für ihn immer mehr zusammen.

Bloch hatte mit der Okkupation auch seine Pariser Wohnung und seine Bibliothek verloren und war als Jude Verfolgter. Nach der Besetzung der französischen Südzone schließt sich Bloch der aktiven Résistance an und wird ab März 1943 in Lyon zu einem Führer des Widerstands und zum Planer des Aufstands. Im April 1944 fällt er der Gestapo in die Hände, wird gefoltert und zwei Monate darauf, wenige Tage nach der Landung der Alliierten, auf Befehl Klaus Barbies ermordet.