Gut gewienerte Edelsteine

Tom Verlaine und Richard Lloyd spielen mit ihren Gitarren Doppelpass bis zum Exzess: Die inzwischen älteren Herren von Television traten in der Volksbühne auf. Rockmusik ist hier gepflegt und genau

Über den Zusammenhang zwischen einem gezielt ins Eck gezirkelten Freistoß und einem punktgenauen Powerchord ist schon viel spekuliert worden. Selten konnte man ihm so zeitnah nachspüren. Zinedine Zidane hatte gerade den Ball auf der virtuellen, vom ZDF-Computer vorgezeichneten Linie dahin geschickt, wo er hinsollte, als zwei Minuten später Television auf der Bühne der Volksbühne so etwas von genau den elektrischen Wohlklang trafen, dem jede Rockmusik verpflichtet sein müsste. Jeder Ton ein Treffer, jeder Soundeffekt saß, kein Vibrato wimmerte auch nur eine Nanosekunde zu lang.

In diesen Tagen, in denen gerade wieder neue Generationen von Rockmusikern heranwachsen und also wieder von vorne mit allem anfangen, ist es eine Wohltat, älteren Herren zuzusehen, die keinerlei primäre psychische Nöte zu versorgen haben, sondern sich den Essentials so widmen wie ein Streichquartett einem alten Meister. Zur Rockmusik gehört indes, dass der alte Meister man selber ist, die eigene Vergangenheit. So kehrt auch das Seelische zurück.

Television sind vor allem die Band, die eine unmittelbar einleuchtende Form gefunden hat, die Linien zweier Lead-Gitarristen zu einem kunstvoll geflochtenen Band zusammenzuspannen – ohne Virtuositätswettbewerbe auszuschreiben. Das war das historische Verdienst, auf das sich immer wieder junge Generationen bezogen haben. Ihr erstes Erscheinen spielt während der Tage des New Yorker Punk, die Band agierte im kulturellen Milieu des C.B.G.B.s und galt daher auch als so etwas wie eine Punkband. Das war schon damals falsch, aber heute sind Television von Punkrock so weit entfernt wie das Modern Jazz Quartet von einer New Orleans Marching Band.

Die vier Männer kommen auf die Bühne und wickeln Kostbarkeiten aus. Jeder Song ein Juwel, ein gut gewienerter Edelstein, der langsam ausgepackt und dann auf ein samtenes Kissen gebettet und gestreichelt werden will. Rock ist hier nicht impulsiv und insistierend, sondern gepflegt und genau. Aber es bleibt bei aller Petrifizierung auch eine Musik der Emotionen: eine sublimierte, zuweilen in einem hispanisierenden Sehnsuchtsmelos aufflackernde Sentimentalität.

Während Richard Lloyd eher noch einem Rockgitarristen klassischen Zuschnitts ähnelt, der sich von seinen filigranen Figuren mitreißen lässt und beim Spielen die Augen schließt, hat man bei Tom Verlaine eher den Eindruck, er sei selbst noch live mit der handwerklichen Herstellung des ultimativen elektrischen Klangs beschäftigt. Seine in einem immer klar definierten Spektrum angesiedelten Notenbilder sind eher Koordinaten für die Schönheiten der Soundgestaltung als um ihrer linearen Tonfolge willen gespielte Soli.

Dabei sind die Klangideale von Television, vom Gesang abgesehen, eher an der US-Westküste zu suchen als im gerade endgültig klassisch gewordenen New York der späten 70er. Denen sind das akkurat sentimentale Soundbild eines Surf-Instrumentals der frühen 60er und die euphorischen Wimmer-Gitarren eines John Cipollina deutlich wichtiger als irgendeine Aggressionstradition. Dennoch sind alle eindeutigen kulturellen Korrelata solcher historischen Bezüge zugunsten eines meist abstrakt coolen Umgangs mit ihnen gekappt. Man orientiert sich auf die Immanenzebene. Das einmal bestimmte Material wird immer weiter in seinen Binnenbezügen bearbeitet und museal präpariert, bis wir uns darin spiegeln können.

Television begannen mit vorwiegend neuen Songs und steigerten sich zu den alten Hits. Dass Television in all den Jahren immer wieder auseinander gebrochen ist oder als Projekt ruhte, wird wohl auch an der musikalisch magischen, aber menschlich komplizierten Grundidee gelegen haben, den Chefjob des Lead-Gitarristen mit Verlaine und Lloyd doppelt zu besetzen, dann aber doch einen Leader zu haben, der das Material schreibt und singt, nämlich Verlaine.

Zuletzt, so war aus den USA zu hören, sollen die beiden sich gegenseitig zu ganz neuen Dialogformen hochgespielt haben. In Berlin kam der ersehnte Exzess der Doppelpässe erst gegen Ende. „Marquee Moon“, der für solche Momente reservierte Klassiker, gab dann auch den Blick frei auf ein Potenzial jenseits einer bildhaft fixierenden, perfekten Gitarrenmusik, das vorher nicht ganz entfaltet wurde: der Fähigkeit nämlich, all die Emotionskristalle, die im Verlauf des Konzerts schon so zum Funkeln gebracht worden waren, wieder zu verflüssigen und uns die Geschichte der Kristallisationsprozesse selbst erleben zu lassen.