Ungeniert, launisch und gegen die Zeit

Antoinette ist eine Künstlerin, die den DDR-Underground mitgeprägt hat. Bis heute liebt sie es, sich zu verausgaben. Mal als Provokateurin, mal als Wandmalerin, mal als eine, die für Berlin ein Sittengemälde entwirft. Im Mittelpunkt aber ihrer Sujets steht immer der Einzelne und seine Bedeutung

Eine schwerfällige, überlebensgroße, aus farbigen Mosaiksteinen zusammengesetzte „Europa“ – halb Äffin, halb Frau – steht in ihrem Atelier. Ansonsten sei es leer, meint Antoinette immer wieder. Das sieht sie heute so. Sie weiß, wie es bis vor kurzem war, als der 80 Quadratmeter große Raum in Kreuzberg noch von 127 Menschen bevölkert wurde. Von Alten, Jungen, Egomanen, Narzissten, Freunden, Geliebten, Alkoholikern, Unbekannten, Traurigen, Reichen, Nahestehenden und Weitgereisten. Jeder hatte ein Bild von sich. Dazu kam jenes, das die Künstlerin von ihm malte. „Die subjektive Wahrheit ist die eigentliche Wahrheit“, sagt sie. Für sie ist es wie ein Aufatmen, die Horde nun los zu sein. Endlich ist sie mit ihren eigenen Geschichten wieder allein. Mit denen hat sie genug zu tun.

Als Kind mochte Antoinette ihren Namen nicht. Zu barock. In der DDR der Sechzigerjahre war damit nicht zu gewinnen. „Antonjette, Antoynette, was machst du in deinem Bette.“ Weil sie, als sie jung war, mit dem viel belächelten Namen gelebt hat, hat sie ihn später, als es möglich gewesen wäre, nicht mehr geändert. Heute möchte sie, dass er wie ein Label, ein Abdruck daherkommt. Egon Bahr, Antje Vollmer, Friede Springer, um nur einige zu nennen, tragen ihn schon auf der Haut.

„Das Wichtigste steht immer im Mittelpunkt bei Wahnsinnigen“

Die drei gehören zu den 127 Leuten, die lebensgroß im Atelier der 47-Jährigen standen. Gerahmt zwar, damit sie ein Jahrhundert lang halten, trotzdem belagerten sie die Künstlerin. Der Platz so eng, dass es schwer fiel, noch Raum zum Atmen zu haben, ob so vieler Geschichten. Jetzt hängen hundert dieser Bilder in der Nikolaikirche als „Sittengemälde“, als Sammlung „Berliner Portraits“. Der Rest ist bei Dussmann ausgestellt.

Fast drei Jahre hat Antoinette an diesem Zyklus gearbeitet. Alles fing als Spiel an. Die Künstlerin und ihre Freundinnen wollten ihre älter werdenden Körper ins Bild setzen. Ungeniert, launisch, gegen die Zeit. Bis immer mehr Leute kamen, deren Abbild festgehalten sein wollte. Noch eine, noch eine und noch einer, noch einer. Und das, obwohl Antoinette niemandem schmeichelte. Die Gesichtszüge der Abgebildeten sind kantig geschnitten, das Farbspektrum der dunklen Seite zugewandt, kein Gesicht, dessen Teint nicht ins Blaue fällt. Viel Handwerk mutet sich die Künstlerin dabei zu.

Diesen Frühling hatte Antoinette den Querschnitt durch die Berliner Bevölkerung am Anfang des 21. Jahrhunderts fertig. Leute, die den Lauf der Zeit politisch beeinflussen, sind darunter. Aber auch solche, die sich treiben lassen. Dazu jene, die der Zeit das Schöne abgewinnen. Und dann noch die, denen es niemals gelingen wird, Leben und Zeit in Einklang zu bringen. „Am Ende hatte ich Mühe aufzuhören, so begeistert, so fanatisch war ich“, sagt sie. Die Künstlerin hat Glück, denn unabhängig von ihrer Idee, die Leute zu malen, veränderte sich das Image der Porträtmalerei im Laufe der Monate, die sie daran arbeitete. Derzeit ist ihr Werk en vogue. Nun schwimmt sie auf der Welle mit.

Das Sittengemälde ist keine Auftragsmalerei. Denn jedes ihrer Porträts hält nicht nur die Person fest, sondern die „Lebensländer“ der Porträtierten. „Lebensländer“ – ihr Wort. Sie sei eine, die die Welt im Blick hat. Erklären kann sie nicht, was sie sieht, wohl aber malen. Deshalb schweben um den Schriftsteller Joachim Fest pastellfarbene Lilienthal-Gleiter en miniature. Deshalb sitzt Regine Hildebrandt auf einem Sessel, über den ein weißes Tuch gelegt ist. Ein bisschen Wolke schon so kurz vor ihrem Tod. Deshalb wird Odalys Mundry, ein schwarze Berliner Kubanerin, im weißen Hochzeitskleid gezeigt. Zu ihren Füßen liegen Gartenzwerge. Tiefsinnig und trivial in einem.

Antoinette stammt aus einer Kartenlegerinnenfamilie. Großmutter und Urgroßmutter haben sie eingeführt in die Kunst. So hat sie gelernt, die Umstände, in denen der Mensch lebt, als die Summe von Sehnsüchten, Albträumen und Lebensgeschichten zu erkennen. Bildnerisch umgesetzt entsteht eine Mischung aus Pop und Surrealismus. Antoinette wehrt ab: „Ich weiß gar nicht, was die Leute mit Surrealismus meinen“, sagt sie. „Für mich ist ganz klar, was auf den Bildern zu sehen ist.“

Eigentlich ist sie Außenwandmalerin. „Ich mache nie etwas, was nicht mit dem Ort und den Menschen zu tun hat“, sagt sie. Ihre größte Arbeit: 350 Quadratmeter. Ein Kosmos aus unerfüllten Wünschen, bestandenen Initiationen, überwundenen Gefahren ist darauf gemalt. Denn auf die Brandwand im sächsischen Wilthen hat sie die sorbischen Märchen gebannt. Knochenarbeit, Wahnsinnsarbeit das – darin ist sie Meisterin. Auf diese Weise kämpft sie gegen ihre Schwächen an. Die körperlichen. Es kam vor, dass sie fiel und nicht mehr aufstehen konnte.

Antoinette wurde in Dresden geboren. Schon mit drei Jahren habe sie begonnen zu lesen, wird berichtet. Der Vater, „ein begnadeter Pianist“, stirbt, als sie 12 ist. Sie selbst bekommt mit 19 einen Sohn, ist Kellnerin, Nachwächterin, Postbotin. Mit 23 beginnt sie zu studieren, kauft sich fünf Jahre später eine Wassermühle in der Uckermark und macht daraus zu DDR-Zeiten ein informelles Kunstzentrum. Bis zu 300 Leute aus aller Welt trafen sich mitunter auf der Mühle. „Dauerkunstfestspiele“ hießen die Events. Wilde Achtziger in der DDR. „Eine Verschwendung von mir selbst“, sagt Antoinette. Die Stasi habe ihr Ärger gemacht. „Aufträge gestrichen, keine Ausstellungen mehr, faktisches Berufsverbot“, sagt sie. „Ich hab mein Kreuz hingehalten, um etwas zu bewegen.“

Allerdings verdankt sie der Stasi, was sie erst seit der Wende weiß, auch den Kontakt zu ihrem Mann, als sie die Mühle aufgibt und nach Dresden geht. Dort trifft sie den Maler Johannes Heisig, Sohn des Malers Bernhard Heisig. Einen, dessen künstlerisches Lebensthema die deutsche Geschichte ist. Auch Antoinettes Thema ist die Geschichte, die sie als Summe aller Geschichten begreift.

„Ich mache nie etwas, was nicht mit dem Ort und den Menschen zu tun hat“

Wie es in Antoinettes Fantasie zugeht, das legt sie nicht in ihren Porträts dar, wohl aber im Zyklus „Helden des gewöhnlichen Alltags“ oder in den „Wochenblättern“. Letzteres ist ein gemaltes Tagebuch. Im Zentrum steht sie, Antoinette, selbst. Mal mit Schlangen und riesigen Eidechsen, die ihr auf Schoß und Kopf tanzen, mal mit nackten Erwachsene, die ihr klein wie Kinder in den Schoß fallen, mal mit Pferd und Raubkatze, die ihre Eingeweide schützen, als ihr Geliebter nach ihrem Herzen greift, mal mit drittem Auge, das zu erblinden droht. Denn alles spielt in einer Welt, in der Caesaren neue Aufmärsche proben. „Bestimmte Seeleninhalte erzwingen das figürliche Malen“, sagt sie. Ihr großes Vorbild aus der Kunstgeschichte: die Prinzhorn-Sammlung. Kunst psychisch Kranker. „Das Wichtigste steht immer im Mittelpunkt bei Wahnsinnigen“, sagt sie.

Um das Wichtige geht es: die Beziehung zu den Menschen. „Der Einzelne muss beschrieben werden, damit ihm seine Bedeutung zurückgegeben werden kann“, sagt die Malerin. Dafür steht das Berliner Sittengemälde. Die Individualität sei das Vermächtnis an das neue Jahrtausend. Gegenkonzept zu einer globalisierten Welt. „In einem Augenblick, in dem alles unübersichtlich wird, muss man seinen Ort bestimmen.“ Wird dabei nicht übersehen, dass die Fülle der Porträts den Einzenen erneut austauschbar macht?

Vielleicht wird Antoinette bald in andere Länder fahren, um dort andere Leute zu malen, so ihre Idee. Vor allem in europäische, denn die weibliche Figur, die den Kontinent symbolisiert, liegt ihr am Herzen. Der aus Mosaiken zusammengesetzten Halb-Äffin-halb-Frau in ihrem Atelier jedenfalls möchte die Künstlerin noch einen Zeus, einen gehörnten Stier, beigesellen. Damit Wirklichkeit und Fiktion nicht länger getrennt sind. „Europa, das sind wir, das ist der Kontinent, den wir durch unsere Existenz täglich neu gestalten“, meint sie. Wofür aber steht Zeus?