KIRSTEN FUCHS über KLEIDER

Skelett zeigen und Fleischfarbe bekennen

Kleidung erzählt über den Menschen, der sie trägt. Was bitte schön bedeuten aufgemalte Bauchmuskeln?

Vor ein paar Jahren habe ich zum ersten Mal gesehen, dass ein Mann ein Shirt trägt, das einen nackten Oberkörper mit Tätowierungen vortäuscht. Der Mann war Joey Kelly von der Kelly-Family. Die hat ja irgendwann beschlossen, an der Welt wieder teilzunehmen und Errungenschaften wie das Fernsehen nicht mehr zu ignorieren. Daraufhin haben sie gleich ganz massiv wieder mitgemacht und waren stets bemüht, auf eine moderne Weise besonders fesch auszusehen.

Der Moment, in dem ich dachte: „Öy, Mönch, der Kelly, der ist ja überall tätowiert“, war sehr kurz. Dann folgte der Moment: „Hey, hey, das ist aber witzig, weil ja alle denken, Mönch, der ist ja überall tätowiert.“ Was freilich Quatsch ist, weil ich es auch schnell durchschaut hatte, das nur scheinbar durchschaubare Hemd. Und für diesen kurzen Scherz haben irgendwelche Designer so einen Aufwand betrieben: Hannibal Lektor beauftragt, dass er Haut von Seemännerunterarmen zusammennäht, bis ein Musterexemplar des Oberteils fertig ist. Nur für den Moment: „Dis is aber mal was anderes!“

Oder steckt etwas anderes als „mal was anderes“ dahinter? Wollen wir angezogen und nackt sein, gleichzeitig? Weil wir uns nicht trauen, tatsächlich nackt zu sein? Naja, frieren wollen wir auch nicht und wir wollen keine Makelschau machen. Wollen wir zwar viel von uns zeigen, aber nicht das, was wir wirklich haben, sondern etwas Besseres? Es gibt diese fleischfarbenen Oberteile auch mit aufgemalten Bauchmuskeln. Leider habe ich diese Variante der verhüllten Nacktheit nur an Männern gesehen, die ohnehin einen strammen Bauch haben. An einem Mannsbild mit Wanst hätte ich das zum Kringeln gefunden. Als Hose habe ich diesen Modegag noch nie gesehen. Und wenn ich mir das vorstelle, entweder mit übertriebenen Geschlechtsteilen oder schnieker Badehose, will ich das auch nicht schön finden. Das ergibt auch keinen Sinn. Wenn eine Frau viel Bein zeigen will, kann sie das ja tun. Oft tragen Frauen dann Feinstrumpfhosen, auch so eine Art Überhaut, die sieht dann besser aus als die eigene: brauner, glatter oder sogar glänzend, wie ein Barbiebein.

Und wenn ein Mann Bein zeigen will, kann er auch. Es gibt ja diese sehr kurz abgeschnittenen Jeans. Genau, der Gürtel ist geflochten und dazu Sandalen. Warum sollte also irgendwer eine Hose anziehen, auf der nackte Beine sind? Weil Winter ist und Geltungsdrang von Tuten und Blusen keine Ahnung hat? Das geht als Bühnenoutfit durch, aber wer das Leben als Bühne begreift – was hat der eigentlich begriffen? Es gibt auf jeden Fall schwarze Hosen, da sind weiße Skelettbeine drauf. „Slowly we rot“, lallt der Punker, jaja, bei lebendigem Leibe und ein dreifaches Memento mori.

Ich habe mal auf einer Designerparty einen Absolventen sagen hören, er habe kein Interesse an Kleidung, wenn sie keine Aussage hat. Wir sind, was wir drunter sind? Wir sind, was wir drüber haben? Wir haben drüber, was wir uns leisten können? Wir können es uns nicht leisten, nackt rumzulaufen? Wir haben ein Skelett? Was ist eine Aussage? Ich bin ein fleischfarbener Stiefel? Igitt, das habe ich auch auf dieser Party gesehen. In nordisch Rosa, nicht in warmem Beige, nein, wie ein nacktes, pralles Babybein. Oben über den Stiefelrand schwappte die Wade. Es hatte schon etwas Wurstpelliges an sich, wie die moderne Sie ihre Füße in diesen Chemielederersatz stopfte. Nicht schön, aber selten, sagt meine Schwester dazu, und ich hoffe, dass sie Recht hat. Dass es selten bleibt.

Der Gedanke ist nahe liegend, dass wir so was wie Zwiebeln sind, psychologisch sowieso und in unseren Textilien auch. Wir pellen abends unsere Alltagsrolle ab, Schicht für Schicht: Outdoorkleidung, Underwear bis zur Skin, und dann wird die Indoorkleidung angezogen, schlabber, schlump. Es ist schon absurd, als Outdoorkleidung eine Nachbildung der untersten Schicht zu tragen. Wie weit geht das? Gibt’s bald Brandwunden auf Kinderhemdchen, oder den Gunther-von-Hagens-Look mit Sehnen und Muskeln? Wir Zwiebelchen.

Fragen zur Zwiebel? kolumne@taz.de Morgen: Robin Alexander über SCHICKSAL