ach ja, die kinder … von RALF SOTSCHECK

Dublins Jugend hat Humor. Vor allem, wenn sie betrunken ist. Am Wochenende, wenn die Kids spät nachts voll wie die Nattern aus den Diskotheken in der Innenstadt gen Heimat wanken, kommen sie auf die lustigsten Ideen. Mit zweieinhalb Promille kommt es einem vermutlich brüllend komisch vor, einen Kanalisationsdeckel zu verstecken und darauf zu hoffen, dass der nächste Autofahrer in das Loch fährt.

Der nächste Autofahrer war ich. Mein Kleinwagen saß mitten in der Dame Street vor der Zentralbank fest. Natürlich im Halteverbot. Es dauerte nicht lange, bis eine Polizeistreife anhielt. Ich solle sofort verschwinden, bellte der Beamte, sonst gebe es eine saftige Geldstrafe. Außerdem riet er mir, bei nächster Gelegenheit meine Stoßdämpfer prüfen zu lassen, da der Wagen eine merkwürdige Schieflage habe. Ich wies ihn auf die unvorhergesehene Öffnung der Fahrbahn hin, worauf der Polizist lächelte und meinte: „Ach ja, die Kinder …“ Schließlich erbarmte er sich und half mir, den Wagen aus dem Loch zu schieben.

An die Heimfahrt war vorerst nicht zu denken, der Reifen hatte eine elliptische Form angenommen. Wenigstens fand ich im Kofferraum ein halbwegs intaktes Reserverad, das ich unter den hämischen Zurufen einer Gruppe Jugendlicher – wahrscheinlich die Kanalisationsdeckelverstecker – wechselte. Der Polizist sagte, er könne auf die Schnelle keinen neuen Deckel auftreiben, und machte sich aus dem Staub. Wie viele Autos in dieser Nacht in dem Kanalisationsschacht landeten, ist mir nicht bekannt.

Eine Woche später wählte ich eine Alternativstrecke durch eine Industriesiedlung, um den Deckeldieben ein Schnippchen zu schlagen. Die Straße führt über eine Brücke, die so stark gewölbt ist, dass man die andere Seite der Brücke erst sieht, wenn man oben auf dem Buckel ist. Da war es jedoch zu spät. Quer über die Fahrbahn war eine Absperrung aus Holzlatten gezogen, davor ein Stoppschild, das nun auf meiner Windschutzscheibe lag.

Ich fuhr in Windeseile über den Gehweg, um eventuell nachfolgenden Autos auszuweichen. Ich parkte in sicherer Entfernung und begann, die gemeingefährliche Hürde beiseite zu räumen, als ein Streifenwagen vorbeikam. Ob ich Straßenschilder sammle, wollte der Beamte wissen und deutete auf das Stoppschild unter meinem Arm. Ich erklärte ihm, dass ich seinen Dienstwagen gerade vor Schaden bewahrt habe, da jemand heimtückisch die Straße gesperrt hätte. Er meinte: „Ach ja, die Kinder …“

Zwei Tage später hatte jemand die Rücklichter an meinem vor dem Einkaufszentrum geparkten Wagen zertrümmert. Ein Mitbürger hatte ein Kennzeichen eines Mopeds notiert und es mir mit dem Hinweis, dass die Täter zwei Jugendliche seien, hinter den Scheibenwischer geklemmt. Ich ging mit dem Zettel zur Polizeiwache. Nachdem der Beamte den Halter und seine Adresse ermittelt hatte, riet er mir, die Sache zu vergessen: „In dieser Siedlung laufen selbst die Rottweiler nur paarweise herum, ein uniformierter Beamter ist dort seines Lebens nicht sicher.“ Ach ja, die Kinder …