Noch ist der Widerstand sporadisch

Im Irak kommt es jeden Tag zu mehreren Überfällen auf die US-Truppen. Noch sind diese Aktionen nicht organisiert. Gemäßigte Kräfte fürchten, in eine militärische Dynamik hineingezogen zu werden. Was sie brauchen, ist eine politische Alternative

Als die britischen Kolonialtruppen 1918 in den Irak einmarschierten, dauerte es über zwei Jahre, bis die Iraker sich militärisch gegen ihre Besatzer erhoben. Diesmal scheint es schneller zu gehen. Nur zweieinhalb Monate nach dem Beginn der amerikanischen-britischen Besatzung vergeht kein Tag mehr, an dem US-Truppen im Irak nicht gleich mehrmals angegriffen werden. Auch gestern wieder wurden bei drei Angriffen im Zentralirak zehn US-Soldaten verletzt und mindestens zwei Iraker getötet.

Zunächst veröffentlichte die US-Militärverwaltung im Irak die Version, hinter all diesen Anschlägen stecke der Geist Saddam Husseins. Inzwischen hat US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld seinen unsichtbaren Gegner in fünf Kategorien ausgemacht. Neben den Überresten des alten Regimes steckten hinter den Attacken tausende frei herumlaufender Krimineller, gewöhnliche Plünderer, Freiwilligenkämpfer aus anderen arabischen Ländern und Leute, die vom Iran beeinflusst würden. Die Realität ist wohl noch komplizierter. Hinzu kommen das Element der Blutrache und ein militärisch gut ausgebildetes Potenzial, dass die USA besser nicht gegen sich aufbringen sollten.

Viele Iraker vermuten, dass US-Verwalter Paul Bremer jetzt den Preis für eine Entscheidung bezahlt, die er vor wenigen Wochen gefällt hatte, als er befahl, das 400.000 Mann starke irakische Militär aufzulösen – einen der wichtigsten Arbeitgeber, von dem Millionen Iraker wirtschaftlich abhängen. „Die US-Truppen haben ihre eigene Sicherheit als oberste Priorität gesetzt und waren sich der Loyalität des Militärs nicht sicher“, erklärt der Wamid Nathmi, Politologe an der Universität Bagdad. Politisch, sagt er, war das ein grober Fehler. Für die Sunniten könnten die ehemaligen Offiziere, für die Schiiten deren religiöse Rechtsgelehrte den Katalysator eines in Zukunft stärker organisierten Widerstand darstellen. Was Rumsfeld in Washington nicht erwähnt, ist der wachsende Unmut, selbst jener Iraker, die die US-Truppen zunächst als Befreier gefeiert hatten. Die Menschen warten weiterhin auf grundlegende Dienstleistungen; es gibt keine Arbeit, eine eigene Regierung ist nicht in Sicht und die Straßen sind als alles andere als sicher.

„Das Ganze ist eine Reaktion auf die leeren Versprechen der Amerikaner“, sagt Scheich Ahmad Abed al-Janabi, Imam in einer Moschee in der westirakischen Stadt Falludscha, einer der Hochburgen des Widerstands. Dieser, so beschreibt der Scheich, werde bisher vom Ärger der Menschen getragen, sei aber noch nicht organisiert. Das könnte sich allerdings ändern. Bislang hat sich keine der großen politischen Organisationen dem Widerstand angeschlossen. Selbst die Führer radikaler Schiitenorganisationen haben erklärt, dass die Stunde für den bewaffneten Widerstand noch nicht geschlagen habe und man den Amerikanern mehr Zeit geben müsse. Aber je brutaler die US-Armee mit ihren großen Miltäroperationen versucht, den bisher sporadischen Widerstand zu brechen, umso mehr Zulauf bekommt er – das typische Dilemma des Besatzers. Nach mehreren hundert erschossenen Irakern scheint die bisher noch kleine Gruppe, die ihre Waffen gegen die US-Armee erhoben hat, ihrem Ziel näher zu kommen: eine Bresche zwischen der irakischen Bevölkerung und den Besatzern zu schlagen.

Selbst moderate Gruppen fürchten inzwischen, in diese Dynamik hineingezogen zu werden. „Bewaffneter Widerstand gegen die Amerikaner ist falsch, aber wenn wir den Leuten keine Alternative anbieten können und ihnen stets nur sagen, wartet erst einmal ab, dann werden wir eines Tages gezwungen sein, uns dem Widerstand anzuschließen“, fürchtet Zaid Saffar, Mitglied der Demokratischen Verfassungspartei, einer der über 70 Parteien, die in den letzten Wochen gegründet wurden. „Wir brauchen eine politische Perspektive als Alternative zum bewaffneten Widerstand“, fleht der Politologe Nathmi. Die Amtsgeschäfte müssten so schnell wie möglich an einer irakische Interimsregierung übergeben werden. Nach drei Kriegen und zwölf Jahren UN-Sanktionen, so Nathmi, bräuchten die Iraker kein weiteres Desaster wie einen Abnutzungskrieg mit den Besatzungstruppen.