Ein General wechselt die Front

AUS BERLIN UND DÜPPENWEILERBARBARA BOLLWAHN

Der ehemalige Bundeswehrgeneral Reinhard Günzel wagt sich knapp sieben Monate nach seiner unehrenhaften Entlassung aus der Bundeswehr aus dem Schützengraben. Auf Einladung der rechten Zeitung Junge Freiheit und des „Instituts für Staatspolitik“, das sich als „Reemtsma-Institut“ von rechts versteht, hielt er am Samstag einen Vortrag zum „Ethos des Offiziers“. In Anzug, Schlips und Kragen feuerte er mit voller Kraft gegen die Bundeswehr, ganz nach dem Geschmack der über 400 Männer und einiger Frauen, die im Saal des Logenhauses im bürgerlichen Berlin-Wilmersdorf zum Teil stehen mussten.

Günzel sprach, als hätte in den fast 41 Jahren bei der Bundeswehr ein anderer in seiner Uniform gesteckt. „Ich bin als Angehöriger des gegnerischen Lagers geoutet worden“, verkündete er und bekam tosenden Applaus. Frenetisches Klatschen auch für seine auf die Bundeswehr angewandte Evolutionstheorie. „Von einem Offizier darf man erwarten, dass er sein Leben an anderen Prinzipien ausrichtet als an den Maximen einer Amöbe.“

Verteidigungsminister Struck hatte Günzel im November vergangenen Jahres einen „verwirrten General“ genannt. Am Samstag im Logenhaus wurde er als Held gefeiert. Als einer, der rechts von der Mitte steht, dessen Karriere „im Namen des Krebsgeschwürs Political Correctness zerstört wurde“, wie er es nennt, der sich „historische Wahrheiten“ nicht verbieten lassen will. „Angefangen von dem Zwang, der Singularität des Holocaust unsere Referenz zu erweisen.“ Applaus bekam Günzel auch von Martin Hohmann, der wegen seiner Rede, in der er über die Juden als Tätervolk schwadronierte, aus der Unionsbundestagsfraktion ausgeschlossen wurde. Kürzlich teilte die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt mit, dass es kein Strafverfahren gegen Hohmann geben werde. Seine Rede trage zwar antisemitische Züge, falle aber unter den Schutz der freien Meinungsäußerung. Am Samstag saß Hohmann in der ersten Reihe und applaudierte Reinhard Günzel. Dieser leistete ihm erneut Schützenhilfe, indem er vom Podium herab erklärte, dass die einzige Kritik an Hohmanns Rede darin bestünde, dass man „bei der herrschenden Klasse rhetorische Fragen oder den Konjunktiv nicht voraussetzen kann“.

Eine Woche vor seinem Auftritt in Berlin erzählt Reinhard Günzel an der gedeckten Kaffeetafel in seinem Wohnzimmer in Düppenweiler, einem 3.000 Einwohner zählenden Ort nördlich von Saarbrücken, dass er in diesem Jahr zehn weitere Vorträge halten werde. „Vor Publikum, das ich nicht überzeugen muss.“ Damit will er „den Eindruck ein bisschen reparieren“, der entstanden sei durch die Bezeichnung „verwirrt“. Günzel legt die linke Hand vor die Stirn, schließt die Augen und sagt, dass die Vorträge ähnlich wie Besuche am Grab der Mutter seien. „Da gibt es Wehmut, Erinnerung und an verschiedenen Stellen tut es weh.“

Durch eine großzügige Glasfront geht der Blick hinaus auf einen gepflegten Garten, hinter dem sich der Wald erstreckt. Heller Fliesenfußboden mit Teppichen, weiße Schrankwände mit Belletristik, Reiseführern und Politikbüchern, eine verstreute Sammlung von Glaskugeln – nichts erinnert an die Bundeswehr. Günzel, der ohne den sonst üblichen „Dank für die dem deutschen Volk geleisteten treuen Dienste“ entlassen wurde, sagt, dass er dieses Kapitel verarbeitet habe. Dazu wählt er Worte, die passen zu der ländlichen Idylle des Ortes mit Dorfmuseum und Bienenzüchterverein. „Es ist wie ein ganz entferntes Maikäfergebrumm.“

Seine Karriere sei „im Namen der Political Correctness“ zerstört worden, sagt GünzelJetzt hat Reinhard Günzel bei der neuen Rechteneine Heimat gefunden

In seiner schwarzen Hose, dem Wollpullover und ohne metallische Brille wirkt Günzel etwas lockerer und drahtiger als auf den Bildern in Uniform. Er läuft jeden morgen, spielt Tennis und lebt asketisch. Morgens isst er einen Apfel, mittags ein halbes Brötchen und abends eine Schüssel Salat. Er ist kein Genussmensch. Während er von seiner Entlassung spricht, wird schnell klar, dass er sie noch lange nicht verarbeitet hat. „Bis heute hat mir niemand gesagt, was ich falsch gemacht habe.“ Günzel nestelt an der Tischdecke. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen. So was muss eine Demokratie aushalten.“ Das entfernte Maikäfergebrumm kommt näher. „Selbst wenn ich einen Fehler gemacht habe, ist das ein Hammer“, sagt Günzel und haut mit der Hand auf den Tisch. Es ist die Bezeichnung „verwirrt“, die den Soldaten getroffen hat.

Einen verwirrten Eindruck macht Günzel keineswegs. Seine Ansichten sind glasklar. Martin Hohmann, den er auf einer Soldatenwallfahrt nach Lourdes kennen gelernt hatte, sei „ein Politiker, der Zeichen setzt und heiße Themen anpackt“. Dass er Hohmann zu dessen als antisemitisch kritisierten Rede mit einem Brief mit KSK-Kopfbogen gratuliert hat, ist für den Asketen so selbstverständlich, dass er zum Feinschmecker wird. „Wenn mir jemand Pralinen schenkt, bedanke ich mich, wenn sie mir schmecken.“

Günzel ist ein Mann mit Prinzipien. Prinzipien, die wenig geeignet scheinen zum Führen der Elitegruppe KSK. „Ein Soldat, der schwört, sein Vaterland zu verteidigen, muss konservativ sein“, sagt er im Brustton der Überzeugung. In der Bundeswehr, so klagt er, sei versucht worden, „mit allem zu brechen, was an die Wehrmacht erinnert“. Dabei seien „Tugenden wie Kameradschaft“ über Bord geworfen worden. Ein Vorbild ist ihm Generalmajor Gerd Schultze-Rhonhof, einst ranghöchster Offizier in Niedersachsen, der nach seiner Pensionierung mit dem Buch „Wozu noch tapfer sein?“ für Aufsehen sorgte. Darin tragen die Polen eine Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, hat Hitler die Arbeitslosigkeit beseitigt und das deutsche Volk von heute seine Werte verloren.

Mit 19 Jahren ist Günzel, dessen Vater im Ersten Weltkrieg Soldat war und im Zweiten Weltkrieg Schauspieler, zu den Fallschirmjägern gegangen. Da ist der Direktor des humanistischen Gymnasiums in Westfalen, das er besuchte. „Der sagte, dass niemand an seiner Schule Abitur macht, der dann zur Bundeswehr geht.“ Aus „jugendlichem Trotz“ und aus finanziellen Interessen habe er sich zu drei Jahren verpflichtet – und ist über 40 geblieben. „Das Hohelied der Kameradschaft war mein ein und alles“.

Zu sechs Kommandeursverwendungen hat es Günzel gebracht. Statt ins Ministerium oder zur Nato zog es ihn zur Truppe. „Im Ministerium hätte ich nicht reüssiert“, sagt er, es klingt sarkastisch. „Manchmal geht mir die Zunge durch.“ Als wolle er eine Kostprobe liefern, schimpft der Träger des Ehrenkreuzes der Bundeswehr in Gold über die Innere Führung, die Einbindung der Soldaten als Staatsbürger in die Gesellschaft und die Anwendung rechtsstaatlicher Prinzipien. „Das ist keine zeitgemäße Menschenführung“, sagt der ehemalige Kommandeur der „härtesten Kämpfer Deutschlands“. „Wir haben ja nicht mal Staatsbürger.“

Soldat sein heißt für Günzel Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Gehorsam, Disziplin – „die traditionellen Werte“. Ein Offizier, der 1995 mit ihm eine Gefechtsübung absolviert hat, gab im November vergangenen Jahres einen Satz wieder, den Günzel zu ihm gesagt hatte: „Ich erwarte von meiner Truppe Disziplin wie bei den Spartanern, den Römern oder bei der Waffen-SS.“ Es ist verwunderlich, dass der Offizier davon erst nach seiner Pensionierung berichtete. Und Günzel? Der hat kein Problem mit diesem Vergleich. „Der Satz kann so gefallen sein.“ Er wirbelt mit den Armen. „Es geht um die Disziplin von Eliteverbänden.“

Wie konnte es jemand mit solchen Ansichten zum Chef der Bundeswehr-Elite bringen? Der ehemalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD), der Günzel zum KSK-Kommandeur ernannte, will sich nicht äußern. Sein Vorgänger Volker Rühe (CDU) macht ebenfalls von seinem Privileg Gebrauch, ohne Angaben von Gründen Versetzungen auszusprechen und schweigt. Sein persönlicher Referent erklärt, dass Günzel 1997 wegen der Videos in Schneeberg versetzt wurde, weil Rühe „einen anderen Typ von Soldat“ haben wollte. „Einen Truppenführer, der politisch führen kann.“ Der Wehrbeauftragte der Bundesregierung, Wilfried Penner, zeigt sich sehr überrascht über Günzels Haltung zur Inneren Führung. „Das widerspricht der Vorschriftslage in der Bundeswehr.“ Selbst unter dem Siegel der Diskretion gebe es aus den Reihen der Bundeswehr „keinerlei Kritik“ daran. Die Vorsitzende der Grünen, Angelika Beer, die als verteidigungspolitische Sprecherin ihrer Partei mehrmals das KSK besuchte, findet es „kaum vorstellbar“, dass Günzels Haltung unbemerkt geblieben sei. „Das muss einen nachdenklich machen“, sagt sie.

Im Februar gab Günzel der Jungen Freiheit ein Interview. Freimütig erzählte er, dass er seit Anfang des Jahres regelmäßiger Leser des Blattes sei. Früher sei er „dem Label“ aufgesessen, dass man die Zeitung, die in Bundeswehrkasernen verboten ist, nicht lesen dürfe. Weil sie so „oh, oh, oh“ sei. Jetzt hat er sich ein eigenes Bild gemacht. „Man liest gerne affirmativ“, sagt er mit feinem Lächeln. „Ich finde keinen Fehl, nichts Böses. Rechts darf man stehen.“ Nach vierzig Jahren bei der Bundeswehr hat Günzel bei der neuen Rechten eine Heimat gefunden.

Vielleicht hätte Günzel doch sein Geschichts- und Philosophiestudium beenden sollen, das er in seiner Zeit als Kompaniechef begonnen hatte. Er hat mit dem Gedanken gespielt nach der Entlassung. Doch er hat es sein lassen. „Soll ich beweisen, dass ich einen Studiengang beenden kann?“ Ein Bekannter wollte ihm einen Job beim „Deutschen Lottoblock“, der Vereinigung der staatlichen Lottogesellschaften, besorgen. Günzel winkte ebenso ab wie bei der Trimm-dich-Gruppe aus Düppenweiler, die ihn gern als Trainer hätte. Stattdessen hat er nach seiner Entlassung Briefe geschrieben. Antworten auf den Zuspruch, den er bekommen hat und der drei Ordner fülle. Zeigen will er die Briefe von „Professoren, Ärzten und Hochschullehrern“ nicht. Auch den Namen des „britischen höheren Offiziers“ verschweigt er, der ihm schrieb, „dass die Deutschen eine Macke haben“. Er will seine Unterstützer nicht in die Bredouille bringen. Günzel weiß, was dann passieren kann.

Kurz nach seiner Entlassung hatte Günzel angekündigt, gegen die Bezeichnung „verwirrter General“ zu klagen. „Verteidigungsminister Struck hat mich fernmündlich erschossen.“ Doch nachdem er sich über Kosten und Aussichten informiert hatte, ließ er es sein. „Im Moment bin ich der Depp. Der angeblich Mainstream verurteilt mich. Aber Geschichte wird später geschrieben.“ Günzel hat sich nichts vorzuwerfen. „Ich bin mir nicht untreu geworden.“