Die Sprache des Materials

Das Absehen von den Dingen und das Hinsehen auf die Struktur: Heidi Specker fotografiert das von Mies van der Rohe entworfene Landhaus Lemke. Jetzt sind ihre Aufnahmen ebendort zu sehen

Die Fotografie des gelben Schweinsledersessels aus dem Herrenzimmer des Landhauses Lemke rehabilitiert den Mann, dessen Werk unglücklicherweise im Barcelona Chair aufzugehen scheint. Die Aufnahme stammt von Heidi Specker und ist Teil ihrer Ausstellung „Landhaus Lemke“. Die Schau findet just in eben dem Landhaus Lemke statt, das inzwischen als Mies van der Rohe Haus vom Kulturamt Lichtenberg als Ausstellungs- und Veranstaltungsort im Bereich Kunst und Architektur genutzt wird. In der Aufnahme des abgesessenen, rissigen Ledersessels lässt sich der heute weitgehend unbekannte, subtile Gestalter Mies van der Rohe entdecken, der hinter wuchtigen, aber wenig feinsinnigen Entwürfen wie der Neuen Nationalgalerie verschwand. In dem kleinen, 1932/33 für Karl Lemke, Besitzer eines grafischen Kunstdruckunternehmens, und seine Frau Martha gebauten Haus aus rotem Backstein aber beweist sich Mies van der Rohe als einer der großen Meister der modernen Architektur.

Das bescheidene, zurückgenommene Haus am Obersee in Hohenschönhausen, das sich das Paar wünschte, geriet ihm zu einem kleinen Wunderwerk an Leichtigkeit und modernistischer Eleganz, geboren aus dem Zusammenspiel von Stein, Stahl, Glas und Gartenvegetation. Es sollte Mies’ letztes noch realisiertes Wohnhaus sein, bevor er 1938 in die USA emigrierte. Nach 1945 erklärte die Rote Armee das Areal rund um den Obersee zum militärischen Sperrgebiet und beschlagnahmte das dort gelegene Haus.

Sein Mobiliar, das Lilly Reich, Mies van der Rohes langjährige Mitarbeiterin, entworfen hatte, wanderte mit den Eigentümern in den Westteil Berlins. Deshalb findet sich der gelbe Schweinsledersessel heute im Kunstgewerbemuseum am Kulturforum wieder. Man möchte sagen, zum Glück. Denn im Mies van der Rohe Haus diente er zwangsläufig nur der banalen dreidimensionalen Illustration. Doch illustrativ ist dem besonderen Zauber und Reiz des flachen Ziegelbaus im Stil der klassischen Moderne mit seinen drei Räumen – dem Wohn-, dem Arbeits- oder Herrenzimmer und dem Schlafzimmer – nicht beizukommen. Dazu braucht es die Abstraktion.

Und das ist nun genau Heidi Speckers Fall: Das Absehen von den Dingen und das Hinsehen auf die Struktur. Etwa wenn sie sechsmal ihre Kamera auf die sonnenbeschienenen, hellroten Backsteinmauern des Hauses richtet, mal aus einer Distanz von wenigen Metern, so dass die eine oder andere Pflanze ins Bild kommt, mal ganz von Nahem, so dass man plötzlich meint, nicht gebrannte Ziegel, sondern aufeinandergestapelte Goldbarren zu sehen.

Ausgerechnet im flachen Raster der goldenen Haut des Hauses ist dessen komplexe räumliche Anlage perfekt eingefangen. Denn umstandslos ist in diesem Bild zu erkennen, wie sehr die Architektur des Hauses erst im Zusammenspiel mit seiner Umgebung entsteht. Wie sie sich mit dem Verlauf des Tageslichts und der Jahreszeiten entfaltet und wandelt. Wie sie ihren Charakter verändert, in der Wärme und dem Licht des Sommers, wenn sich die Räume großzügig zum Garten und See hin öffnen und das Haus weitläufiger erscheint, als es tatsächlich ist; oder wenn sich die Räume bei Regen und Wind heimelig hinter die Ziegelwände des Hauses zurückziehen, auf ihre wahre Dimension, wobei sie sich kleinzumachen scheinen.

Warum Heidi Specker die schiere Fläche genügt, Raum zu evozieren, warum ihr der bildfüllende Ausschnitt einer Ziegelwand reicht, den Betrachter in den Genuss der ganzen architektonischen Raffinesse Mies van der Rohes gelangen zu lassen, ist schwer zu erklären. Ständig fragt man sich, was macht sie nur mit der Kamera, dass ihre motivisch ausgesprochen minimalistischen Fotografien so viel erzählen? Sie zeigt ja nicht den ganzen Sessel, sondern nur eine Ecke.

Sie fotografiert ja nicht das Haus, wie es inmitten des Gartens liegt, der sich zum See erstreckt, sondern nur die Spiegelung einiger weniger, am Wasser stehender Bäume in der Glasfront des Hauses. Sie nimmt nicht den Schrank auf, sondern nur ein Stück seiner Palisandermaserung. Sie abstrahiert Mies van der Rohe, und paradoxerweise gelingen ihr so die denkbar präzisesten und konkretesten Aussagen zu dessen Architektur.

Vielleicht liegt es daran, dass sie mit dem Architekten, dessen Werk sie so kongenial fotografiert, das Vertrauen in die Sprache des Materials teilt. Die große Architektur des kleinen Hauses verdankt sich nämlich letztlich der mühevollen Detailarbeit, in der Mies van der Rohe den Gebrauch seiner Materialien immer weiter differenzierte, bis hin zu dem Moment, in dem ihre Verwendung alternativlos erschien. Dieser Moment birgt die Schönheit, die – nach einem Satz von Augustinus, den Mies van der Rohe für sein Werk in Anspruch nahm – „der Glanz der Wahrheit ist“.

Diesen Moment bekommt Specker mit ihrer Werkgruppe „Landhaus Lemke“ zu fassen, in 22 Aufnahmen, die ihn im Faltenwurf eines Vorhangs entdecken, in einer Glasspiegelung oder in einer Sesselecke, noch immer lebendig, selbst an einem fremden Ort.

Wie sehr Heidi Specker Mies van der Rohes Idee vom materialgerechten Arbeiten teilt, zeigen auch die ausgestellten Fotoprints, die im aufwändigen Handoffset-Verfahren hergestellt wurden, in einer speziellen Druckwerkstatt der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, an der Heidi Specker seit drei Jahren unterrichtet. Das handwerkliche Herausarbeiten der kostbaren Farbnuancen scheint dem Bekenntnis zur digitalen Fotografie zu widersprechen, das die Künstlerin mit ihren 1995/96 entstandenen „Speckergruppen“ so offensiv vertrat. Deren Computerästhetik aus verschobenen Farb- und Schärfenkontrasten hatte sie damals weithin bekannt gemacht.

Doch die Annahme trügt, nach wie vor setzt Heidi Specker auf die Ausdrucksmöglichkeiten der digitalen Fotografie. Nur ist deren Auflösungsvermögen inzwischen so hoch, dass es erst im handwerklichen Druckverfahren richtig zur Geltung kommt. Indem sich aber die neue Technik alternativlos auf die alte verwiesen sieht, verkörpert Speckers „Landhaus Lemke“ selbst noch einmal den entscheidenden Moment materialgerechter Wahrheit und Schönheit.