Stadtteilgedächtnis gelöscht

Geschichtswerkstätten weisen auf ihre enge Vernetzung im Stadtteil hin: Enge Zusammenarbeit mit Schulen und Museen. Dass ihre Existenz nun gefährdet ist, empfinden sie als „Schlag ins Gesicht von Ehrenamtlichen MitarbeiterInnen“

von ELKE SPANNER

Kultursenatorin Dana Horáková hat zur Streichung des Etats der 14 Hamburger Stadtteilarchive mitgeteilt, dort sei jetzt „ehrenamtliches Engagement gefragt“. Genau das aber zerschlägt die Senatorin mit ihrem Plan, den Geschichtswerkstätten sämtliche Zuwendungen zu streichen. Denn in den Archiven gibt es insgesamt nur 12 feste MitarbeiterInnen – und rund 200 Menschen, die dort regelmäßig Stadtteilrundgänge anbieten, Veranstaltungen organisieren oder die Archive während deren Öffnungszeiten geöffnet halten. Die Entscheidung der Kultursenatorin, sagten gestern VertreterInnen der Geschichtswerkstätten, „ist ein Schlag ins Gesicht von Ehrenamtlichen“.

Und der widerspreche der vom Senat selbst proklamierten Politik. Dessen Ziel ist nach eigenem Bekunden, ehrenamtliches Engagement zu stärken. In den Geschichtswerkstätten sind gerade viele ältere Menschen engagiert – die sich jetzt durch die Kultursenatorin gedemütigt fühlen, wie Michael Joho von der Geschichtswerkstatt St. Georg sagte. Er zitierte aus dem Brief einer Rentnerin, die ihm geschrieben hat: „Mein 12-jähriges Engagement soll wohl vollkommen umsonst gewesen sein.“

Die Werkstätten kooperieren eng mit Schulen, Hochschulen, Museen, Künstlern, Vereinen und den BewohnerInnen der Stadtteile. Gerade viele neu Zugezogene informieren sich dort über die Geschichte ihrer Umgebung. Aber auch als außerschulische Bildungsstätte sind die Werkstätten von Bedeutung: Sie werden von SchülerInnen für Geschichtsarbeiten und von ganzen Klassen für Stadtteilrundgänge und Archivarbeit frequentiert. Das Stadtteilarchiv Ottensen beispielsweise unterhält ein denkmalgeschütztes Gebäudeensemble mit historischen Maschinen, die „Ottensener Drahtstifte-Fabrik“. Hier werden speziell für SchülerInnen von 8. Klassen, die in Industriegeschichte unterrichtet werden, Führungen angeboten. Die meisten Schulen in Altona und auch viele 8. Klassen von Gymnasien und Gesamtschulen aus der ganzen Stadt, sagte Brigitte Abramowski vom Stadtteilarchiv Ottensen, „nutzen dieses Angebot“.

Eine Architekturstudentin erzählte, dass auch viele ihrer KommilitonInnen die Stadtteilarchive intensiv nutzen: „Für Architektur- und Stadtplanungsstudenten sind sie unverzichtbar.“ Intensiv ist die Zusammenarbeit auch zwischen Schulen und der Geschichtswerkstatt in Hamm: Diese betreibt das einzige Bunkermuseum der Stadt.

Geerd Dahms vom Bergedorfer Kultur- und Geschichtskontor beschreibt die Geschichtswerkstätten auch als „Mittler zwischen den Generationen“. In Bergedorf werden „Erzählcafés“ veranstaltet, in denen ältere Mitbürger ihre Erlebnisse im Stadtteil schildern. Deren Erfahrungen werden in Büchern veröffentlicht, die regelmäßig jährlich erscheinen. Davon wurden bisher rund 27.000 Exemplare verkauft – überwiegend an jüngere BewohnerInnen des Stadtteils.

Hintergangen fühlen sich die MitarbeiterInnen der Geschichtswerkstätten auch deshalb, weil die Senatorin vor ihrer Entscheidung nicht einmal das Gespräch mit ihnen gesucht hatte. Sie haben erst aus der Bild-„Zeitung“ erfahren, dass ihre Existenz bedroht ist. Joho aber weiß inzwischen, dass im Kulturausschuss der Bürgerschaft „kein monolithischer Block“ in dieser Frage besteht. Dass die Entscheidung Horákovás revidiert wird, so der Mitbegründer der Geschichtswerkstatt St. Georg, „halte ich für denkbar“.