Abu Ghraib – das sind wir

VON STEFAN REINECKE

Die Bilder aus dem Foltergefängnis von Abu Ghraib sind genau beschrieben und analysiert worden. Der Gefangene mit der Kapuze, der auf einer wackelnden Kiste steht, an seinen Händen Stromkabel. Wenn er fällt, so die Inszenierung der Wärter, stirbt er. Die Gefreite Lynndie England, die einen Gefangenen an einer Hundeleine führt. Auf einem anderen Bild zeigt sie, mit einer Zigarette im Mundwinkel, auf den Penis eines Gefangenen. Offenbar existieren noch heftigere Fotos – heftiger, weil sie die Vermischung von Lust, Demütigung und Folter noch weiter treiben.

Diese Bilder haben uns ungeschützt getroffen. Sie haben den Wahrnehmungsfilter, mit dem wir die auf uns einströmenden globalen Gewaltnachrichten aus Falludscha, Gaza, Tschetschenien oder Afghanistan sortieren, durcheinander gewirbelt. Dabei ist dieses Abwehrsystem eigentlich überaus robust. Es dient uns dazu, den Strom der Bilder von Gewaltexzessen zu kanalisieren. Ein Attentat in Moskau, bei dem ein Theater in Geiselhaft genommen wird, erregt unsere Aufmerksamkeit, Bilder von Terroropfern in Israel oder toten Palästinensern in Gaza eher nicht. Denn das eine ist neu, das andere nicht. Wir verfügen über Kategorien, mit denen wir Tote nach Wichtigkeit ordnen: in Opfer, die Namen haben, und Opfer, die nur Zahlen sind. Das Bild von Leichen, von gefolterten Körpern an sich berührt uns kaum. Unsere Schockabwehr wird nur porös, wenn die Bilder etwas über uns erzählen.

Der Grad realer Gewalt, den die Bilder aus Abu Ghraib eher andeuten als zeigen, ist verglichen mit dem, was sonst in der „Tagesschau“ vermeldet wird, gering. Trotzdem haben uns diese Bilder erschreckt wie kein Bild seit dem 11. September. Das ist nicht selbstverständlich. Man muss es erklären.

Diese Bilder ähneln, wie zu Recht bemerkt worden ist, touristischen Schnappschüssen. Gleichwohl knüpfen sie traumwandlerisch sicher an die Inszenierungen faschistischer Gewalt- und Sexbilder an, die wiederum als Vorlage und Material für die Popkultur, von Pasolini bis „Pulp Fiction“, dienen. Jeder, der diese Bilder sieht, versteht, dass sie etwas Privates erzählen. Sie schließen den Krieg an jene SM-Inszenierungen an, deren Werbebilder wir aus dem Anzeigenteil jedes Stadtmagazins kennen.

Diese Bilder sind uns nah. Daher haben sie hierzulande sogar für einen Moment die ideologischen Systeme außer Kraft gesetzt. Nur verbissene Verteidiger des Pentagon wie Josef Joffe haben versucht, die Folter von Abu Ghraib zu unschönen Gesten der Demütigung zu verkleinern.

Auf der Linken gibt es kaum Versuche, diese Bilder in eine fundamentale US-Kritik einzubauen – obwohl dies nahe läge. In der linken Kritik des Vietnamkrieges war es ein fester Topos, dass die USA mit diesem Krieg die Gewalttätigkeit der eigenen Kultur in den Dschungel exportierten. Im Irak liegt die Verbindung zwischen den katastrophalen Verhältnissen in den USA-Knästen und der Folter von Abu Ghraib auf der Hand – Charles Graner, den wir uns als eine Art Anführer in Abu Ghraib vorzustellen haben, war zuvor Wärter in einem Hochsicherheitsgefängnis in Pennsylvania. Doch auch die Linke nimmt dies eher ratlos zur Kenntnis. Das zeigt nicht nur, dass der angeblich verbreitete Antiamerikanismus eher ein Gespenst als ein Tatsache ist. Vor allem verdeutlicht es, wie sehr es uns die Sprache verschlagen hat.

Das Barbarische kommt aus der westlichen Zivilisation Ohne radikale Gesellschaftskritik versteht man diese Bilder nicht

Offenbar erschüttern diese Bilder unser Selbstbild. Sie bringen etwas ins Rutschen, was wir für selbstverständlich hielten. In den 90er-Jahren hat sich ein neues politisches Alltagsbewusstsein entwickelt. Vom Bosnienkrieg über den furchtbar gescheiterten US-Einsatz in Somalia, vom Genozid in Ruanda bis zu den Vertreibungen im Kosovo lautet die Frage stets, wie wir, der zivile Westen, mit dem Terror und den Blutbädern anderswo umgehen sollten. Mal tat man nichts, mal wurden Diplomaten, Geld oder Care-Pakete geschickt, mal Blauhelme, mal Nato-Bomber. Diese Entscheidungen waren heftig umstritten – sicher war sich das TV-Publikum indes sogar bei den Kriegen in Exjugoslawien, dass sich dort eine letzlich unbegreifliche Barbarei zutrug, die nichts mit uns zu tun hatte. Bei uns war doch (unterbrochen von gelegentlichem Erschrecken über Neonazis) das Zivile auf dem Vormarsch. Im Westen schien die Individualisierung der Gesellschaft unaufhaltsam: Wir leben, so das allgemeine Bewusstsein, in einer auf- und abgeklärten, durchliberalisierten Gesellschaft.

In den 90ern verschwand auch das Misstrauen in die Zivilisation und die atomaren Großtechnologien, das die 80er geprägt hatte. Der Fortschrittsglaube feierte ein stilles Revival. Computer und Handys wurden immer kleiner, billiger und besser – so kehrte die Idee wieder, dass technischer Fortschritt und die Zivilisierung gesellschaftlicher Beziehungen Hand in Hand gehen. 1962 hatte der Sozialpsychologe Stanley Milgram gezeigt, dass ganz normale Bürger, wenn es eine Autoritätsperson befahl, dazu in der Lage waren, andere zu foltern. Doch das Milgram-Experiment schien in den 90ern eher ein interessantes Detail der Kulturgeschichte zu sein. Denn im postmodernen Kapitalismus, in dem auch die klassischen Disziplinierungsanstalten der bürgerliche Gesellschaft – Schule, Militär und Gefängnisse – doch irgendwie liberalisiert worden waren, war das aufgeklärte Individuum an die Stelle des verführbaren Untertanen gerückt.

Und jetzt das.

Die Bilder aus Abu Ghraib zeigen, dass das Barbarische nicht nur jenseits des Limes beheimatet ist – in Nigeria, dem Sudan oder Afghanistan. Das Barbarische kommt aus der selbst ernannten Avantgarde der westlichen Zivilisation: den USA. Mag sein, dass die bislang bekannten Täter aus der Provinz kommen und keine Geistesgrößen sind, mag sein, dass sie schlecht ausgebildet und überfordert waren – aber das mindert den Schock nicht. Wir haben es mit mehr oder weniger normalen Leuten zu tun, deren Untaten zudem Teil eines von CIA und Militär installierten Systems sind.

Manche haben vermutet, dass diese Bilder in der muslimischen Welt als besonders schlimm wahrgenommen werden. Das ist eher eine Projektion: Diese Bilder erzählen nichts über Muslime, sie erzählen etwas über uns. Abu Ghraib – das sind wir.

Der Schreck geht wohl auch deshalb so tief, weil wir in den 90ern vergessen haben, was wir mal wussten: dass die westliche Zivilisation keine Trutzburg gegen den Einfall des Unzivilisierten, Archaischen, Barbarischen ist, sondern dass sie selbst aufs Beunruhigendste mit monströsesten Gewaltentfesselungen verbunden ist. Wahrscheinlich haben wir die „Dialektik der Aufklärung“ und Adornos Kritik der autoritären Persönlichkeit zu früh ins Antiquariat gebracht. Wer sich nicht mit der trüben Einzelfall-These anfreunden will oder diese Bilder wie manche Konservative zum Anlass für routinierte Stoßseufzer über die finstere menschliche Natur nehmen will, kommt um radikale Gesellschaftskritik nicht herum.

Der Schreck, den diese Bilder verbreiten, hat noch einen anderen Grund. Sie bringen – zusammen mit dem obszönen Hinrichtungsvideo des US-Bürgers Nicholas Berg – eine Angst auf den Punkt, die schon seit dem 11. 9. umgeht. Diese Befürchtung lautet, dass der Antiterrorkrieg aus dem Ruder läuft, dass er unbeherrschbar wird, angetrieben von jener Logik der Überbietung, die Nicholas Berg das Leben kostete. Diese Bilder – vor allem die Tötung eines beliebigen Zivilisten zu dem Zweck der Produktion eines Bildes – verletzten zivilisatorische Tabus. Sie zeigen, dass dieser Krieg zu einer fatalen Regellosigkeit tendiert. Diese Regellosigkeit geht nicht nur von den Al-Qaida-Terroristen aus, auch die Antwort der USA ist durch Willkür charakterisiert.

Die Kriegsziele der USA werden nach Gutdünken definiert. Anfangs ging es um al-Qaida, dann um die Taliban, dann um den Irak. Erst weil Saddam Massenvernichtungswaffen haben sollte, dann, als diese Lüge offenbar wurde, sollte der Irak mit den Werten der westlichen Welt beglückt werden.

Damit nähert sich der Antiterrorkrieg den so genannten neuen Kriegen an, jenen endlosen Bürgerkriegen in der Dritten Welt, die sich selbst reproduzieren. Denn auch die Praxis des Antiterrorkriegs neigt zur Entgrenzung: Was Sieg, was Niederlage ist, scheint keine einigermaßen definierbare Kategorie mehr zu sein, sondern eine Wahrnehmungsfrage, die im Pentagon entschieden wird. Zudem sind die USA im Irak dabei, den Gegner, den zu bekämpfen das Mantra jeder Bush-Rede ist, selbst zu erzeugen bzw. zu mobilisieren. Der Antiterrorkrieg droht so zu einem Perpetuum mobile zu werden, zu einer sich selbst reproduzierenden Erscheinung, bei der, anders als in Vietnam, am Ende kein Gegner zu finden ist, mit dem man den Waffenstillstand vereinbaren kann.

Dass dieser Krieg erst begonnen hat – das ahnen wir, wenn wir diese Bilder anschauen.