Wenn das Homer noch erlebt hätte!

Die ollen Griechen sind auch nur Menschen wie wir, nur in komischen Klamotten: Wolfgang Petersen lässt sich von der Ilias inspirieren und inszeniert „Troja“ als Sandalenfilm mit knappen Kostümen und schweißtreibender Action. Eins muss man dem Film lassen: sehen klasse aus, die kämpfenden Jungs

Wenn die offizielle Pressevorführung eines Films erst zwei Tage vor dem Anlauftermin stattfindet, ist das kein gutes Zeichen – normalerweise findet so etwas, um sorgfältige Berichterstattung zu gewährleisten, Wochen vorher statt. Aber wenn vor dem Anlaufen eines Films das Gerücht verbreitet wird, Brad Pitt sei in ihm nackt zu sehen – Hamstergehänge und alles –, müssen die Produzenten schon sehr verzweifelt sein. Offensichtlich geht es darum, mit PR-Mätzchen vom Film selbst abzulenken. Womit wir bei den zwei augenfälligsten Eigenschaften von „Troja“ wären: Der Film als solcher gibt Grund zur Verzweiflung, aber die Schauspieler sehen alle super aus.

Wer hier eigentlich am schönsten ist, dürfte die tiefsinnigste Frage sein, die vom Film aufgeworfen wird. Diane Kruger als Helena ist es wohl nicht, ihre Schönheit ist so unzweifelhaft wie fade. Das Gesicht, wegen dessen Schönheit tausend Schiffe auf See geschickt werden, ist, spottet ein amerikanischer Kritiker, im Film das eines Mannes: Orlando Bloom. In „Fluch der Karibik“ noch mit einem Hauch Verwegenheit à la junger Errol Flynn ausgestattet, gibt er in „Troja“ den Paris als Prototyp des hübschen Jungen.

Überhaupt zelebriert der Film vor allem eines: die Schönheit von Männern und ihren Körpern. Über allen strahlen Brad Pitt als Achilles und Eric Bana als Hektor, einmal schön und muskulös in Blond und einmal schön und muskulös in Braun. Und, ja, es stimmt: Brad Pitt ist zwar nicht full frontal zu sehen, aber er zeigt ausgiebig nackte Haut. In vielen Szenen sieht er so sehr wie ein wandelndes Bruce-Webber-Foto aus, dass man sich wundert, warum er ein Schwert und keinen Autoreifen trägt. Aber Pitt sollte gewarnt sein: Vom Oberweitenwunder zum Bimbo ist auch bei Männern nur ein kleiner Schritt und Anfang vierzig nicht das beste Alter, ihn zu tun.

Wir kennen die Handlung. Paris, Prinz von Troja, entführt die schöne Helena von ihrem Mann Menelaos, dem König von Sparta. Dessen Bruder Agamemnon führt daraufhin die griechischen Fürsten zum größten Heer der damaligen Zeit zusammen. Es gilt, Troja zu besiegen, Helena zurückzuerobern, die griechische Ehre wiederherzustellen. „Inspiriert“ ist „Troja“ von „Motiven“ aus Homers „Ilias“, sagen die Macher. Der Film geht recht frei mit seiner Inspirationsquelle um und bedient sich auch anderswo: bei der „Odyssee“, Vergils „Aeneis“ und popularisierten Formen wie Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“. Das ist an sich nicht weiter überraschend. Wie sollten auch 16.000 Hexameter-Verse irgendwie dem Original gerecht in ein paar Stunden Film übertragen werden? Aber die Richtung der Interpretation ist aufschlussreich.

Vor allem ist die Sphäre des Göttlichen ganz entfernt. Achilles ist in „Troja“ kein Halbgott, sondern einfacher Sterblicher. Agamemnon ist nicht auf Wiederherstellung der Ehre seines Bruders erpicht, sondern ein gieriger alter Mann, der Troja unterwerfen möchte. Weit entfernt davon, aufklärerische Akte zu sein, unterstreichen diese Deutungen die falsche Nähe zu einem schon ob seines Alters fremden Epos. Mit dem Göttlichen geht auch der griechische Sinn für Schicksal und Tragik verloren. Die Griechen schrumpfen zu Menschen wie wir, nur eben in komischen Klamotten.

Zudem ist die Ilias selbst bereits Zeugnis eines Medienwechsels. Bis zur abgeschlossenen Verschriftlichung der griechischen Kultur wurde sie mündlich durch Rhapsoden vorgetragen und ist damit Produkt eines in der europäischen Kulturgeschichte einzigartigen Übergangs zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Gegenüber diesem Medienwechsel epochalen Ausmaßes nimmt sich Wolfgang Petersens Film besonders bescheiden aus. Mitsamt seiner bedeutungsschwer wabernden Filmmusik hätte er genauso in den Fünzigerjahren gedreht werden können. Die einzige Neuerung, von der der Film ausgiebig Gebrauch macht, ist die der digitalen Bildbearbeitung. Und die wirkt hier nicht als kultureller Fortschritt, sondern als stupiditätsverstärkender Effekt zur Aufblähung von Massenszenen.

„Troja“ ist ein Film, der keine einzige erinnerungswürdige Szene enthält. Mit Ausnahme derjenigen vielleicht, in der sich Pitt-Achilles nach einer Schlacht Stück für Stück entkleidet. Mit seiner Fokussierung auf knappe Kostüme, pralle Muskeln und schweißtreibende Action hatte der Sandalenfilm schon immer etwas von einem schwulen Softporno. Aber so voyeuristisch wie hier wurde der männliche Körper in einem Mainstreamfilm wohl noch nie zum Sexualobjekt gemacht. Wer mag, kann das als Akt der Gleichberechtigung feiern. Zu feiern gibt es an diesem Film sonst wenig.