Show einer Nasenband

Bereitwillig bedient Franz Ferdinand den nasalen, arroganten, ewig britischen Ton in der Popmusik. Beim Auftritt der Band in Berlin ging die Anglo-Arroganz-Aufführung allerdings gut gelaunt unter

So eine 80er-Jahre-Show hätte man sich in den 80ern gewünscht. Damals hatten wir so was noch nicht. Das Jahrzehnt schlug schrille und unübersichtliche Kapriolen. Träumte verstrahlt und verblasen in diese und jene Richtung und wurde irgendwann von technologischen und politischen Entwicklungen überholt, mit denen ästhetisch keiner gerechnet hatte. Zu einer richtigen Form hatte es nie gefunden. Jedenfalls hatte sie damals keiner bemerkt.

Diese Form wird einem 20 Jahre später dafür umso prägnanter präsentiert. Dazu muss man erst mal durch das Ritual des Rockkonzerts hindurch. In diesem Fall das ausverkaufte, mit all seinen Schrecknissen wie Warten, Bier trinken und unzählige Rempeleien mit uneinsichtigen Zeitgenossen, als wär man ein BMW-Fascho im großen Urlaubsstau. Dann eine ideenreiche deutsche Vorgruppe. So artschool wie hilflos, aber sympathisch. Die Band tauscht nach jedem Song die Instrumente und klingt wie die Band of Holy Joy oder andere zu Unrecht vergessene 80er-Jahre- Phänomene und arbeitet sich an all den großen 80er-Underground-Fragen ab: Wird ein Rockpublikum die Provokation überstehen, mit Dreivierteltakten, Akkordeons und Violinen konfrontiert zu werden? Nein, wie einst und jetzt wird es das nicht. Es buht und blökt und Artschool kann weitermachen.

Dann kommen die Engländer und sind tight und tight und tight. Der große Unterschied, genau wie in den 80er-Jahren, zwischen den ideenreichen Deutschen und den überwältigenden Engländern ist diese Tightness. Das ist weder zackig noch groovy, sondern englisch und genau dazwischen. Die Gang of Four hat’s erfunden. Es ist auch das Einzige, was Franz Ferdinand kommunizieren, neben ihrem jungenhaften Charme. Es klingt wie ein Mann und sieht aus wie ein kleiner Junge. Mit diesem Rezept könnte man ewig weitermachen, wenn nicht das Aussehen irgendwann diesen schönen Kontrast kaputtmachen würde.

Vor einiger Zeit fragte in dieser Zeitung jemand zu Recht, warum man sich das alles live ansehen muss. Es gibt einen guten Grund: Die Performance der schnöseligen Stimme, von der zumindest das Album von Franz Ferdinand ein gut Teil seines Charmes bezieht, will verifiziert werden. Man muss sehen, wie einer nasal und arrogant die großen jugendpolitischen Wahrheiten besingt und mit seinem Körper dafür einsteht. Wenn jemand den durch die Nase sich herablassenden, ewigen britischen, genial angemaßten hochmögenden Ton gut performt, ist es egal, wie alt und abgehangen diese Attitüde eigentlich ist. Doch leider war davon nicht viel zu sehen: Die vier begruben alle emotionalen Nuancen zwischen den Songstimmungen, in denen man nasales Charisma hätte züchten können, unter dem einmal abgehenden Tightness-Format.

Der nasale Schnösel wird seit langer Zeit schon von der intellektuellen Rockrezeption dem gutturalen Authentiker vorgezogen. Dieser gilt als essentialistisch, reaktionär und mythisch, jener als dandyhaft, antiessentialistisch und gewitzt. Dass auch der nasale Schnösel eine lange schon nicht mehr überprüfte Emanation konservativer Überzeugungen geworden ist, die sich zudem nachgerade anthropologisch konstant geriert, wird dabei übersehen. Die Wahlmöglichkeit zwischen Hals und Nase überschätzen die Rock-Korrespondenten von SZ und FAZ gern als ein neues goldenes Zeitalter der Band, wobei die FAZ den Hals, die SZ, weil aus München und daher traditionell selber Schnösel, die Nase vorzieht. Franz Ferdinand ist natürlich eine Nasenband, aber alles, was performativ damit verbunden ist, die ganze Anglo-Arroganz-Aufführung ging in der gut gelaunten boygroupigen Togetherness unter, die das dankbare Publikum auf und ab springen ließ.

Sind nun Franz Ferdinand eine Band, die die Rockvergangenheit bewusst ansteuert? Die mich kenntnisreich denken lassen wollen, dies sei haargenau eine Kreuzung aus Gang of Four und Sailor? Nein, sie sind nur auf eine Spielwiese von Möglichkeiten jenseits der Popmusik der 90er gestoßen, und die tut sich für sie in der Vergangenheit auf. Um ein Revival oder gezielte Bezugnahmen für Kenner handelt es sich gerade nicht, eher um eine zwangskonservative Befreiung zu einer unbegrenzten Vergangenheit, weil es eine wirkliche Zukunft und Gegenwart für die Kultur des Rock und der Umbaupausen und allem, was dazugehört, nicht gibt.

Man könnte sich ja auch darüber freuen, dass es doch die besseren Traditionen von New Wave und Glamrock sind, die in dieser immerhin sehr erfolgreichen Gruppe unausgesprochen überleben. Nicht Killing Joke etwa. Obwohl es bestimmt auch eine Band gibt, die ihre Karriere auf einem Killing-Joke-Sound aufbaut. Oder man könnte sich darüber freuen, dass so gut aussehende junge Männer in „Jacqueline“ weiterhin die Parole ausgeben, dass sich Ferien mehr lohnen als Arbeit und dass Arbeitslosigkeit adelt – wie einst Wham! im Mai 1982. Mit tighten Riffs in die Fresse von Friedrich Merz. Aber was ist dann so eine Losung in so alten, ewigen Formen anderes als eine Kandidatur für eine weitere anthropologische Konstante von Jugendlichkeit („Lieber spielen!“)?