Römer hautnah

Der Archäologische Park Xanten (APX) ist das meistbesuchte Freilichtmuseum. Kein Wunder: Der Park steht über einer der wichtigsten römischen Metropolen am Rhein, der Colonia Ulpia Traiana

VON ISABEL MELAHN

Max (5) ist ganz egal, wie alt der Tempel ist, er klettert am liebsten auf dem Sockel der großen steinernen Säulen herum. Seine 7-jährige Schwester Hannah ist da schon neugieriger. „Wie sah der Tempel von innen aus? An welchen Gott haben die Menschen geglaubt? Gingen die auch zur Messe?“ Im APX geht beides, klettern und neugierige Fragen stellen, denn die Gebäude sind nicht „echt“, sondern aus gutem Grund nachgebaut: „Wir machen experimentelle Archäologie“, erklärt Ingo Martell, Pressesprecher des APX und selbst Archäologe. So wurden der Hafentempel mit historischen Techniken rekonstruiert und die Säulen wie vor 2.000 Jahren mit der Hand bearbeitet, um Aufschlüsse über die Arbeitsweise der Römer zu bekommen.

Quasi nebenbei entdecken die Kinder unter dem Gebäudekomplex die Grundmauern des antiken Vorbilds. Einzige Bedingung: Eltern müssen ihre Kinder gedanklich an die Hand nehmen und Geschichten erzählen. Über die Menschen, die hier lebten, über ihren Glauben und das tägliche Leben. Dabei helfen die überall angebrachten Informationstafeln, die zu Höchstleistungen anspornen: Schnell überflogen, wird das neue Wissen auf das Wichtigste zusammengeschmolzen und dem Nachwuchs mit eigenen Worten präsentiert.

Römisches Leben lässt sich für Kinder am einfachsten in der Herberge begreifen: Küche, Ess- und Wohnräume wurden originalgetreu nachgebaut und sind hübsch anzusehen. Dabei fällt den Kindern von selbst auf, was anders ist: „Wieso stehen hier keine Stühle?“ Erklärung: „Weil im Liegen gegessen wurde.“ – „Warum stecken die dicken Tontöpfe im Boden?“ „Weil es keinen Kühlschrank gab, die Zutaten so besser gekühlt werden konnten und dadurch länger frisch blieben.“ Das Highlight folgt zum Schluss: das Amphitheater, dessen Außenwand über zehn Meter in die Höhe ragt. Die Baumasse betrug einst 40.000 Tonnen. Damit können auch Erwachsene nicht viel anfangen. Dass dies dem Gewicht von 40.000 Autos entspricht, fasziniert dagegen sehr. Und wo sonst dürfen die Besucher Römer spielen? Die Kinder rennen als Gladiatoren durch den Sand, wogegen die Großen, ein wenig geschafft von der Erklärerei, dennoch huldvoll wie Senatoren auf den Rängen sitzen und wohlgefällig dem Treiben in der Arena zusehen.

Nebenbei ist der APX in Fachkreisen auch bekannt für seine Ausgrabungen. In ausgewiesenen Arealen buddeln Archäologen die Geschichte aus – und Besucher können ihnen über die Schulter schauen. Um die unzähligen bisher ans Tageslicht beförderten Exponate richtig präsentieren zu können, wurde Mitte August das Römermuseum eröffnet: Der moderne Bau erhebt sich auf den Fundamenten einer römischen Halle, die den Zugang zu den öffentlichen Thermen bildete. Das Museum und der anschließende Schutzbau, der seit 1999 die Überreste der Bade- und Heizräume überdeckt, bilden ein eindrucksvolles Ensemble. Staunend steht man davor und relativiert die technischen Errungenschaften der heutigen Zeit, die in Xanten allerdings nicht immer den bekannten Gesetzen folgen: „Zum ersten Mal wird in Europa für ein Bodendenkmal eine Bundesstraße verlegt“, verkündet Ingo Martell. Noch bis Ende 2008 zerschnitt die B 57 das Gelände der Colonia Ulpia Traiana. Während der APX auf der einen Seite der bisher vielbefahrenen Straße liegt, befindet sich das neue Museum zwar immer noch auf historischem Boden, doch auf der anderen Seite der Fahrbahn.

Die Ausstellung führt auf rund 2.000 Quadratmetern von der Zeit Cäsars bis zur Frankenzeit durch die Geschichte Xantens. Gleich am Eingang liegen die Kinder mit der Nase auf dem Boden: Eine fast dreißig Quadratmeter große Glasplatte überdeckt eine Erdfläche, in der vor 2.000 Jahren beschuhte und bloße Füße, Tiere und Transportkarren ihre Spuren hinterließen. Das konnte in aufwendiger Arbeit von Restauratoren gesichert werden. Kinder fühlen sich hier den Menschen der römischen Zeit ganz nah: „Das sieht aus, als wären gestern erst Leute vorbeigekommen.“ Federführend war bei allem das Militär. Dennoch hatte keiner mit einem solchen Fund in der Nähe von Xanten gerechnet: Im Jahr 2000 wurde beim Kiesbaggern ein großer Klumpen zusammengebackener Erde gefunden. Nach dem Röntgen war die Sensation perfekt. Die Torsionsarmbrust ist das erste und einzige gut erhaltene Exemplar, das je gefunden wurde. Hinter dem gut gereinigten Original hängt die komplette Waffe im neuen Museum rekonstruiert von der Decke – und hilft bei der Vorstellung, dass ihre Pfeile gut 450 Meter weit fliegen konnten.

Mittlerweile sind die Besucher im Jahr 100 n. Chr. angekommen. Während es zuvor auf dem Rasen des APX manchmal schwierig war, sich den Glanz der Metropole vorzustellen, schließt sich im Museum der Kreis. Der Ausstellungsbereich zum Wohnen wird von einer fast vier Meter hohen Wandmalerei eingenommen. Adler, Giganten, Statuen und Pflanzen liefern einen prächtigen Hintergrund für eine der schönsten Bronzestatuen, die auf deutschem Boden gefunden wurden: Der „Lüttinger Knabe“ wurde vor 150 Jahren aus dem Rhein geborgen. Ein Stück weiter fangen Steine an zu sprechen und machen die Menschen, die einst hier lebten, lebendig.

Schriftliche oder von den Kindern gern genutzte gesprochene Informationen machen die verstaubte Geschichte persönlich: der Veteran, der sich nach seiner Militärzeit zur Ruhe setzt, die Mutter, die im fernen Lyon um ihren Sohn trauert, oder die Germanin, die einen Einkaufsbummel in der Stadt macht.

Am Ende des Rundgangs blickt man aus dem obersten Stock des Museums auf den Boden – hinunter an den Anfang zu den Germanen. Unterwegs haben die Kinder alle Mitmach-Angebote abgehakt. Nun zählen wir zusammen: Römer wären sie gerne geworden, aber statt Pommes mit Ketchup Brot mit Garum zu essen, einer vergorenen Sauce aus gesalzenen Fischinnereien, gefällt ihnen gar nicht. Also doch zurück in die Zukunft – und mit dem Fahrstuhl wieder nach unten.