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Eine Bombe tötet den tschetschenischen Präsidenten – und trifft damit Russland

Eines haben die Attentäter mit ihrem Anschlag in Grosny erreicht: Sie haben den Krieg in Tschetschenien für kurze Zeit wieder in die Schlagzeilen gebombt. Und das mit Nachdruck, denn der Angriff zielte auf die russische Verwaltungsspitze Tschetscheniens und ihren obersten Exponenten, Präsident Ahmed Kadyrow – und das am Jahrestag des Sieges der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Denn Kadyrow, einer der verhasstesten Männer und größten Profiteure der Kriegsökonomie in Tschetschenien, stand wie kein Zweiter stellvertretend für die menschenverachtende Politik Moskaus in der Kaukasusrepublik.

Dass diese Politik vollends gescheitert ist, wird durch die jüngsten Ereignisse erneut mit Nachdruck dokumentiert. Die Konsequenzen dieser offensichtlichen Niederlage des Kreml sind – leider – absehbar. In gewohnter Manier fällt Russlands gerade wiedergewähltem Präsidenten und lenkendem Demokraten Wladimir Putin wieder mal nichts anderes ein, als den tschetschenischen Terroristen und ergo der gesamten Zivilbevölkerung mit Vergeltungs- und Strafmaßnahmen zu drohen.

Wie die aussehen, ist bekannt: weitere Morde, Folterungen und Säuberungen, für die die Täter nicht belangt werden. Und das alles auch noch möglichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Putin selbst hat dabei nichts zu befürchten: In der russischen Öffentlichkeit spielt Tschetschenien keine Rolle, und dem Westen ist Moskau als verlässlicher Partner im weltweiten Antiterrorkampf allemal wichtiger als die täglichen Nachrichten über Opfer in Tschetschenien.

Alternativen zu diesem mörderischen Kurs sind von Moskau derzeit nicht zu erwarten. Der Kreml wird vorerst weiter auf die vermeintliche Macht der Gewehrläufe setzen, auch wenn sich dieser Weg mit jedem Tag mehr als Sackgasse erweist.

Und dabei ginge es auch ganz anders. So brauchten die Adscharen, wenn auch mit massivem Druck der Zentralregierung in Georgien, nur wenige Tage, um sich ihres autokratischen und russlandtreuen Herrschers Aslan Abadschidse zu entledigen. Der Feuerwehreinsatz des Chefs des russischen Sicherheitsrats, Igor Ivanow, der den abgehalfterten Potentaten ins Moskauer Exil begleiten durfte, machte klar: Russland steht hier mittlerweile auf verlorenem Posten. Bis sich diese Erkenntnis auch im Falle Tschetscheniens durchsetzt, dürfte es wohl noch eine Zeit lang dauern. BARBARA OERTEL

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