Herr Kennedy, wir lieben Sie

Vor 40 Jahren besuchte John F. Kennedy Berlin. Seine „Ish bin ein Bearleener“-Rede vor dem Schöneberger Rathaus am 26. Juni 1963 war die erfolgreichste Politikinszenierung des Kalten Krieges. Über Hintergründe und Wirkung der Ansprache hat Andreas Daum ein virtuoses Buch verfasst

Bäcker und Fleischer schlossen mittags ihre Läden, ebenso die Warenhäuser. Die Kinder bekamen schulfrei. Ein Blumen- und Konfettiregen ergoss sich über den offenen Wagen des US-Präsidenten bei dessen Stadtrundfahrt. Zeitgenossen meinten, sie hätte alle römischen Cäsarenumzüge in den Schatten gestellt: Anderthalb Millionen Menschen bereiteten John F. Kennedy einen begeisterten Empfang. Noch drei Wochen danach sendete der SFB mehrstündige Fernsehzusammenfassungen des Tages. Viele Berliner fotografierten die Bilder im Fernsehen und schickten sie ans Weiße Haus.

Um kurz nach 13 Uhr sprach Kennedy vor dem Schöneberger Rathaus die vielleicht wichtigsten Worte aller seiner Reden: Vor 450.000 Zuhörern rief der Präsident gleich zweimal „Ish bin ein Bearleener“ in die Mikrofone. Vier Wörter, die er zuvor handschriftlich in dieser Schreibweise auf einem Zettel notiert hatte. Der Jubel kannte keine Grenzen. „Das hat es in Hitlers besten Jahren nicht gegeben!“, kommentierte der amerikanische Rias-Direktor, Robert H. Lochner, die Stimmung.

Kennedys Besuch am 26. Juni 1963 in der Frontstadt war sicherlich die erfolgreichste Politikinszenierung in der Geschichte der Ost-West-Konfrontation. George W. Bushs Berlin-Aufenthalt im vergangenen Jahr stand da unter anderen Vorzeichen: Symbolischer Höhepunkt war das Verspeisen einer Currywurst gemeinsam mit dem Kanzler. Und Kinder bekommen heute nur noch schulfrei, um gegen die amerikanische Irakpolitik zu demonstrieren.

Vor vier Jahrzehnten sah das Bild völlig anders aus. Es gehört zu den Verdiensten des in den USA lehrenden deutschen Historikers Andreas Daum, uns das pünktlich zum Jubiläum in Erinnerung zu rufen. Dem Autor ist ein Glanzstück moderner Zeitgeschichtsschreibung gelungen: Am Beispiel des Kennedy-Besuches konzentriert er sich auf die Emotionsgeschichte des Kalten Krieges.

Zur in jüngster Zeit so gründlich erforschten bundesrepublikanischen „Ankunft im Westen“ (Axel Schildt) gehörte eben weit mehr als bloßer Wiederaufbau-Pragmatismus und Anpassung an den großen Bruder jenseits des Atlantiks. Es war eine durchaus leidenschaftliche Beziehungsgeschichte, die Daum in ihre kultur-, politik- und gesellschaftsgeschichtlichen Zusammenhänge integriert. Zwar dürfte methodenkritischen Lesern leicht schwindlig werden: Virtuos jongliert der Autor mit fast allen sozialwissenschaftlichen Modellen der letzten 20 Jahre. Kulturelles Gedächtnis, Symbol- und Erinnerungspolitik, charismatische Herrschaft und Heilserwartungen, Politik als Fest und als Theater – keines dieser konkurrierenden theoretischen Rezepte fehlt in der analytischen Mixtur Daums. Doch seine Interpretation „des größten politischen Happenings der deutschen Nachkriegsgeschichte vor dem Mauerfall“ (Daum) überzeugt letztlich.

Die Untersuchung stützt sich auf zahlreiche Archivquellen beiderseits des Atlantiks, auf die Tagespresse, Zeitzeugen und nicht zuletzt viele Fotos sowie Rundfunk- und Fernsehmitschnitte. Minutiös rekonstruiert der Autor, wie die detaillierten Planungen im Vorfeld der Kennedy-Reise verliefen, wie die amerikanische Berlin-Lobby den Präsidenten beeinflusste, wie die protokollarischen Zwistigkeiten beseitigt wurden, vor allem zwischen dem christdemokratischen Kanzler Adenauer und seinem sozialdemokratischen Gegenspieler, dem damaligen Regierenden Bürgermeister Willy Brandt.

Durchweg spannend zu lesen sind die Passagen über Kennedys Tag in Berlin. Der Autor schaut hinter die Kulissen der Inszenierung: Ihm entgeht weder die Nervosität des Gastgebers Brandt noch das Fehlen von Günter Grass beim Galadiner. Ausführlich widmet er sich anschließend dem öffentlichen Nachleben dieses transatlantischen Schüsselereignisses.

Kennedys Besuch, so Daum, war in jeder Hinsicht eine Gratwanderung. Die eingemauerte Westberliner „Stressgemeinschaft“ (Peter Sloterdijk) brauchte nach Berlin-Krise und 13. August 1961 dringend seelisch-moralische Unterstützung. Gleichzeitig durfte der Präsident seine Entspannungssignale nach Moskau nicht gefährden.

Somit entwickelte er ein zweigleisiges Vorgehen: die ausgewogene Grundsatzrede nachmittags an der Freien Universität und zuvor in der Mittagssonne, noch ganz unter dem Eindruck der Berliner Mauer stehend, das Meisterstück kämpferischer politischer Rhetorik vor dem Schöneberger Rathaus. Dafür verwarf er spontan den in langwierigen Prozessen erarbeiteten zurückhaltenden Redeentwurf. Sein Sicherheitsberater meinte nach der Rede voller Sorge: „Herr Präsident, ich glaube, Sie sind zu weit gegangen.“

Der Kennedy-Mythos blieb mit den vier Wörtern untrennbar verbunden: „Es ist eigentümlich – manchmal denke ich, dass die Worte meines Mannes, an die man sich am längsten erinnern wird, jene waren, die er nicht in seiner eigenen Sprache ausgedrückt hat“, schrieb seine Witwe Jacqueline später an Brandt. Nur fünf Monate nach dem Berlin-Besuch waren die Schüsse von Dallas gefallen und die Fahrt im offenen Wagen Kennedy diesmal zum Verhängnis geworden.

Zur Kulturgeschichte des Kalten Kriegs gehört ebenfalls der von Daum beschriebene Wandel der Massenrhetorik: Aus den stakkatoartigen Rufen „Ken-ne-dy“ war nicht einmal fünf Jahre später am gleichen Ort ein „Ho-Chi-Minh“ geworden – ob das ohne Kennedys frühen Tod ebenso passiert wäre, vermag auch Daum nicht zu beantworten. Dagegen erfährt man im Buch einiges darüber, weshalb der Westen am Ende den Kalten Krieg gewann: Das westliche Emotionsmanagement ließ Raum für Spontaneität, die die Inszenierung sprengte und damit glaubwürdig machte. Diese situative Spontaneität besaß die östliche Seite nicht – und wenn doch, dann traktierte plötzlich Chruschtschow nicht gerade werbewirksam mit seinem Schuh die Tische der UN- Vollversammlung.

Daums Plädoyer für eine neue Sicht auf die Verwestlichung der Bundesrepublik ist plausibel: Die Angleichung an das erfolgreiche Gesellschaftsmodell gelang letztlich nur durch das emotionale, symbolische Erlebnis der Westbindung. So gesehen ist die Zukunft der transatlantischen Gemeinschaft nicht gerade rosig.